Spannend wird es im Gasthaus Goldener Hirsch in Bühlerzell am Mittwoch­abend zum Ende der Veranstaltung. Die Landtagsabgeordneten Udo Stein und Anton Baron, der hiesige Bundestagskandidat Stefan Thien und der stellvertretende Landessprecher Dr. Marc Jongen stehen zusammen vor den Zuhörern und wollen den zweiten politischen Aschermittwoch des AfD-Kreisverbands Hohenlohe-Schwäbisch Hall beenden. Ein Zuhörer steht auf und fragt in Richtung der beiden Landtagsabgeordneten: „Warum hat die AfD im Landtag die Zuschüsse für das Mahnmal in Gurs abgelehnt?“ In das Lager am Fuße der Pyrenäen waren Juden aus dem badischen Landesteil deportiert worden. Für die finanzielle Unterstützung der Gedenkstätte hatte die Landesregierung 120.000 Euro im Haushalt eingeplant. Die AfD-Landtagsfraktion hatte sich für eine Streichung des Zuschusses ausgesprochen.

Die Meinung geändert

Er hätte viele Bekannte, fuhr der Mann fort, die Juden oder Russlanddeutsche seien, die diese Entscheidung nicht verstehen können – obwohl sie der AfD naheständen. Im Zusammenhang mit den Äußerungen von Björn Höcke – der AfD-Fraktionsvorsitzende im thüringischen Landtag hatte mit einer publikumswirksamen Rede zum Berliner Holocaust-Mahnmal für enormes Echo in den Medien sowie für einen handfesten AfD-internen Streit gesorgt – müsse man doch gerade für diese Personen einstehen. „Die Summe, um die es da geht, ist doch nicht hoch“, ergänzt der Mann. Das bringt die Landtagsabgeordneten etwas aus dem Konzept. „Wir haben gemerkt, was das für einen Aufschrei in den Medien gegeben hat“, versucht Baron die Wogen zu glätten. Es sei ein Versehen gewesen. Man habe aber die Meinung revidiert und die Forderung nach Streichung zurückgenommen.

Zuvor haben rund 120 Besucher – Hirsch-Wirt Matthias Kurz hat auf Bitte dieser Zeitung extra nachgezählt – vier Reden in drei Stunden gehört. Der Tenor und die Inhalte waren fast identisch. Nur der Duktus unterscheidet sich. Der Zwischenapplaus während rhetorischer Pausen ist mal stärker, mal weniger stark. Das Publikum besteht zu 80 Prozent aus Männern, die meisten 50 plus. Gelacht wird, trotz „politischem Aschermittwoch“, selten. Wenn gelacht wird, dann über Angela Merkel oder gemeinsame Feindbilder.

 Udo Stein zeigt sich gespannt, was es denn in der Zeitung über die Veranstaltung zu lesen geben wird. „Wenn über uns nichts Negatives berichtet werden kann, dann wird gar nichts berichtet“, sagt er. Er lästert über die „Kartellparteien“  und kritisiert die Asylpolitik. Zuwanderer hätten eine Lobby, so sein Credo. Seine Partei werde ungerecht behandelt. Nicht mal zum Fasching nach Bühlerzell sei er offiziell eingeladen worden.

Dann kommt Markus Frohnmaier an die Reihe. Er ist Bundesvorsitzender der Jungen Alternative für Deutschland, Mitglied im Landesvorstand der AfD Baden-Württemberg, Pressesprecher der AfD-Bundesvorsitzenden Frauke Petry sowie Bundestagskandidat. Er greift erst mal zum Bier: „Sonst lässt sich die momentane Politik ja nicht ertragen.“ Er teilt gegen den in der Türkei inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel aus. „Vielleicht hat er es in einem türkischen Gefängnis ja besser“, meint Frohnmaier. Yücel habe behauptet, dass es bessere Orte als Deutschland gebe. Ein „politisches Erdbeben“ werde es geben, wenn die AfD in den Bundestag einzöge. Und er warnt schon mal vor: „Wenn wir kommen, dann wird ausgemistet.“ Dann werde Politik gemacht „für das Volk, und nur für das Volk“.

Stefan Thien doziert mehr als eine Stunde über AfD-Themen. Sein Rat: „Lassen Sie sich nichts einreden von den Schwätzern.“ Zum Beispiel müsse man nur aufmerksam die Zeitung lesen, um zu verstehen, dass der Brexit nicht schlimm ist. Sagt es und holt aus zu Rundumschlag gegen die „grün-rot-dominierte Presse“, der man nichts glauben könne. „Informieren Sie sich im Internet“, rät Thien seinem angestrengt lauschenden Publikum. Udo Stein sorgt mit lautstarkem Klatschen immer wieder dafür, dass auch ein paar Leute mehr mitklatschen. Thien arbeitet sich an den „Altparteien“ ab, bezeichnet Bundeskanzlerin Merkel als „Schlepperkönigin“. Seine Partei grenze sich darüberhinaus vom rechten Rand ab. Aber: „Es gibt in Deutschland eigentlich keine nennenswerten Rechtsradikalen.“ Die Presse würde alles aufbauschen. „Wir wollen kein Land, in dem fremde Armeen bestimmen, was wir zu tun haben“, sagt er gegen Ende seiner Ansprache.

Martin Schulz als „Kapo“

Die, die noch folgen können, erleben dann den „Partei-Philosophen“ Dr. Marc Jongen. Er geht denselben Weg wie seine Vorredner: Merkel- und Islam-Kritik, die „Altparteien“ seien an allem Schuld und die Hetze der Medien gegen seine Partei. Es gebe eh nur noch zwei Parteien: die „Kartellparteien“ und die AfD. Die Bundesregierung habe Millionen von muslimischen Männern zwischen 20 und 35 Jahren den „illegalen Zuzug“ ermöglicht. Dem ständen nur 4,5 Millionen deutsche Männer im selben Alter gegenüber. Er nennt Flüchtlinge „Migranten, um das hässliche Wort Invasoren zu vermeiden“. Er bezeichnet SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz als „Kapo“ und erntet Applaus (Kapo sind im NS-Deutschland „Funktionshäftlinge“ in Konzentrationslagern genannt worden). Jongen beklagt, dass er und seine Partei Populisten genannt werden. Die Wahl im September sei eine „Schicksalswahl“, die über die Zukunft des deutschen Volkes entscheide.

„Ich finde auch nicht alles gut, was die AfD will“, sagt im Anschluss an die Veranstaltung Kurt Möller aus Mainhardt. Er sei klassischer Wechselwähler, er hätte auch schon SPD und Linke gewählt. „Ich informiere mich auch bei der Jungen Freiheit und im Internet.“ Bei der AfD könne er sich wieder als Deutscher, als Patriot fühlen. Möller war nach eigenen Angaben im Kreisvorstand der Republikaner. „Endlich sagt mal jemand das, was viele denken“, sagt ein anderer Besucher der Veranstaltung, der seinen Namen nicht nennt. „Ich spreche nicht mit Ihnen“, ist die Antwort von einigen anderen Besuchern auf Fragen dieser Zeitung.