Besonders oft denkt Ralf Friebel an den Sonntag seiner Konfirmation am 1. April 1979. Für die Feier in der Auferstehungskirche beim Diak durfte er den Refrain des Liedes „Gott lädt uns ein zu seinem Fest“ in großen Buchstaben auf ein Stück Tapetenrolle schreiben. Das hing dann beim Gottesdienst in der Kirche, damit alle Besucher mitsingen konnten.

Am darauffolgenden Sonntag wurde an seine Konfirmanden-Klasse das Abendmahl ausgeteilt. Ralf Friebel war nicht mehr dabei. Er erhielt den Leib des Herrn im Stuttgarter Katharinenhospital als vorsorgliches Sterbesakrament, als er dort nach drei Tagen Bewusstlosigkeit erwachte. Das Ritual ist seine erste Erinnerung an den Unfall, der sein Leben veränderte. Die Tage vor seinem Sturz mit dem Fahrrad am 6. April in der Gelbinger Gasse seien wie ausgelöscht, sagt er. Was er noch weiß: Er sei in die Stadt geradelt, um für seinen kleinen Bruder das Buch „Peterchens Mondfahrt“ zu besorgen. Der siebenjährige Karsten lag mit einer Gehirnerschütterung, die er sich beim Spielen zugezogen hatte, im Diak. Auf dem Rückweg vom Buchgeschäft geschah es.

„Er muss mit dem Rad eine Hauswand gestreift haben“, berichtet seine Mutter. Eine junge Krankenschwester, die zufällig in der Nähe war, leistete erste Hilfe und rettete damit das leblos am Boden liegende Kind vor dem Erstickungstod, wie Elisabeth Friebel später erfuhr. Im Diak hätten die Ärzte eine schwere Hirnblutung diagnostiziert und entschieden, den 13-Jährigen in das Stuttgarter Katharinenhospital transportieren zu lassen.

New York/Berlin

Dort machten die Fachärzte den Eltern wenig Hoffnung: Die Entfernung des Aneurysmas im Schädel hätte in vergleichbaren Fällen bislang stets zum Tod der Patienten geführt. Darum habe der leitende Arzt Wert darauf gelegt, dem Jungen die Sterbesakramente verabreichen zu lassen. Doch ihr Sohn überlebte den Eingriff — als erster Patient der Station. „In der Klinik haben alle von einem Wunder gesprochen“, erzählt Elisabeth Friebel.

Nach zwei weiteren, erfolgreichen Operationen innerhalb von acht Wochen wurde Ralf entlassen. Seither führt eine Kanüle im Inneren seines Körpers aus dem Kopf über den Hals zu einer Herzklappe, um überschüssige Hirnflüssigkeit abzuleiten. Das Konstrukt hat zur Folge, dass er keine Narkose mehr erhalten und nicht mehr operiert werden darf. Unlängst habe man ihm mitgeteilt, die betroffene Herzklappe sei durch die ständige Belastung mit einer dünnen Kalkschicht überzogen. „Das wäre mit modernen OP-Methoden relativ leicht zu beheben, aber eben nicht bei mir“, stellt er sachlich fest.

Ralf Friebel absolvierte nach der Schule eine Ausbildung zum Bürokaufmann und arbeite später bei einem Haller Discounter. Seine Feinmotorik sei etwas eingeschränkt, und er müsse halt auf sich aufpassen, doch sonst gehe es ihm gut, stellt der 53-Jährige zufrieden fest. Was gesunde Menschen oft anstreben und selten erreichen, ist für ihn zur Selbstverständlichkeit geworden: „Ich lebe dankbar im Augenblick, denn ich weiß nie, wann es der letzte ist.“ Im Haus der Familie, in dem er mit seinen Eltern, seiner Schwester und ihrem Mann sowie einer weiteren Schwester wohnt, fühlt er sich geborgen. Zwei Hobbys haben es ihm besonders angetan: Er liebt Eisenbahnen und beschäftigt sich gerne mit den Geheimnissen des Sonnensystems.

Heute, am 27. April 2019, jährt sich der Tag seiner riskanten Operation zum 40. Mal — und es wartet eine Überraschung auf ihn: Seine Schwester Elisabeth, die den selben Vornamen trägt wie seine Mutter, hat ohne sein Wissen ein großes Fest arrangiert. Dabei sein wird auch ein früherer Weggefährte, der dem kleinen Ralf seinerzeit schon Mut machte: Dass sein damaliger Lehrer Kristian Neidhardt, mittlerweile Haller Stadtrat, mit der gesamten Schulkasse nach Stuttgart gefahren war, um ihn im Katharinenhospital zu besuchen, darüber freut sich Ralf Friebel immer noch.

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„Gefährlichste Form einer Hirnblutung“


Mehrere Formen von Blutungen im Kopf würden landläufig fälschlicherweise als Hirnblutung bezeichnet, teilt Gerd Steffen, Neurochirurg am Diak auf Anfrage unserer Zeitung mit. Die Beschreibung des Patienten Ralf Friebel treffe jedoch auf die schwerste und gefährlichste Form einer Hirnblutung zu. In der Medikation habe sich in den letzten 40 Jahren nicht viel verändert. Moderne, bildgebende Verfahren wie Kernspin und CT ermöglichten den Ärzten heute jedoch eine schnellere Diagnostik und schnelleres, gezieltes Handeln. Bei einer Hirnblutung dieser Art könne man etwa einem Drittel der Betroffenen helfen, ein Drittel behalte schwere Defizite zurück und ein Drittel der Patienten versterbe aufgrund der Schwere der Blutung, so die Erfahrung des Fachmediziners. Der Arzt, der vor 40 Jahren die OP an Ralf Friebel durchführte, ist vor einigen Jahren verstorben. cito