Schwäbisch Hall 25 Jahre Haller Tagestreff für Obdachlose

Hoe-Mun Hwang, der ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, und Praktikantin Sarah Hofer teilen das Essen aus. Gestern bleibt die Küche kalt, da eine Spülmaschine installiert wird und der Strom abgeschaltet wurde. Sonst gibt es auch mal einen Braten.
Hoe-Mun Hwang, der ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, und Praktikantin Sarah Hofer teilen das Essen aus. Gestern bleibt die Küche kalt, da eine Spülmaschine installiert wird und der Strom abgeschaltet wurde. Sonst gibt es auch mal einen Braten. © Foto: Hoe-Mun Hwang, der ein freiwilliges soziales Jahr absolviert und Praktikantin Sarah Hofer teilen das Essen aus. Foto: Tobias Würth
Schwäbisch Hall / Tobias Würth 05.12.2018
Bürger gründeten vor 25 Jahren in einem Gewölbekeller den Tagestreff für Obdachlose. Das wird morgen in der Kunsthalle Würth gefeiert.

Der Mann steckt sich ein Geschirrhandtuch in die Jeans. Er tritt hinter der Theke in der Schuppachburg hervor. Gegen 12 Uhr trudelt rund ein Dutzend Hungriger in den Tagestreff der Erlacher Höhe in der Haller Innenstadt ein. Nachdem ihm Anonymität versichert wird, setzt sich der Mann an den schweren Holztisch. Manchmal hilft er an der Theke mit. Doch eigentlich sei er keiner der 15 ehrenamtlichen, externen Helfer.

280 Euro zum Leben

Der 54-Jährige schildert Eckpunkte seines Lebens. „Seit zwölf Jahren bin ich durchgehend krankgeschrieben.“ Als Schweißer, Maurer und Kranfahrer schuftete er jahrelang auf dem Bau. Nun seien die Knochen kaputt. „Ich habe mehrere Bandscheibenvorfälle.“ Zu seinen beiden erwachsenen Kindern habe er den Kontakt verloren, zu seiner Ex-Frau ebenfalls. Was ihm bleibe, das sei der Tagestreff der Schuppachburg. „Da hat man Unterhaltung, bevor man allein zu Hause sitzt.“

Für zwei Euro gibt es dort eine warme Mahlzeit. Wenn nicht, wie gestern, der Strom abgeschaltet ist, weil eine neue Spülmaschine installiert wird. Der Mann aus Hall muss Geld von seinem Hartz-IV-Satz für die Miete dazu bezahlen, da seine Wohnung mit 49 Quadratmetern um 4 Quadratmeter größer als erlaubt ist. Daher blieben ihm abzüglich von Stromkosten noch 280 Euro zum Leben. Er trägt nicht die neueste Kleidung. Er freut sich über das günstige Essen.

Der 54-Jährige ist einer von 20 bis 25 Essensgästen in der Schuppachburg, die täglich kommen. Auf der Straße würde er kaum auffallen. Wer Armut in Hall entdecken will, muss genau hinsehen. Vor 25 Jahren wurde die Schuppachburg als Suppenküche gegründet. „Der Freundeskreis Bürger ohne Wohnung  ist auf Stadt und Kirche zugegangen“, weiß Oliver Klein, Abteilungsleiter der Erlacher Höhe.

Dann wurde das diakonische Sozialunternehmen damit beauftragt. Klein zeigt den Gewölbekeller im Hinterhof, in dem die Bierbänke und die Gulaschkanone aufgestellt wurden. Noch heute helfen Ehrenamtliche aus den Anfangsjahren. Die Gründer nannten sich „Initiative für Bürger in sozialen Schwierigkeiten“. Die ehemalige Stadträtin Irene Eppler sei eine von ihnen, die vor Weihnachten Plätzchen vorbeibringt. Der Landkreis gibt Geld, die Stadt erlässt die Miete, die Kirche hilft, es treffen Essensspenden ein. „Mehr ehrenamtliche Helfer könnten wir brauchen“, sagt Sozialpädagoge Fabian Braun, der mit Stefanie Schwab den Tagestreff leitet. Obwohl jedermann zum Mittagstisch kommen kann, blieben die Bedürftigen so gut wie immer unter sich. Die Beratungsstelle und der Übernachtungsort im Kelkertor böten eine gute Ergänzung zum Tagestreff.

Berber werden selten

„Früher gab es Menschen, die sich in ihrem Jargon in ,Berber’ und ,Stadtratten’ aufteilten“, weiß Klein. „Die Berber waren stolz auf ihr Wanderleben, schmiedeten sich als Zeichen eigens einen Ring.“ Heute fallen Bedürftige nicht mehr so auf. „Es gibt vielleicht nicht mehr so viele zottelige Vollbarttypen. Wenn man aber kaum eine Viertelstunde am ZOB steht, sieht man schon Pfandsammler.“ Dass die Kunsthalle Würth ihren Saal ohne zu zögern für die Jubiläumsveranstaltung öffnet, findet Klein sehr gut: „Wir gehören dazu.“

Betroffene sprechen im Saal der Kunsthalle Würth

Zum 25-jährigen Bestehen des Tagestreffs Schuppachburg veranstaltet das diakonische Sozialunternehmen Erlacher Höhe am Donnerstag ein „Unerhört!­-Forum“, bei dem arme und wohnungslose Menschen ihre Geschichte erzählen. Die kostenlose und öffentliche Veranstaltung ist am 6. Dezember um 19 Uhr in der Kunsthalle Würth. Mit dabei sind: Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, Mitarbeiter der Erlacher Höhe, Politiker und Kirchenvertreter. Landtagsabgeordnete Jutta Niemann (Grüne) hat zugesagt.

Bereits um 17.30 Uhr startet vor dem Tagestreff Schuppachburg eine Stadtführung über Armut. Sie endet gegen 18.30 Uhr vor der Kunsthalle. Die Erlacher Höhe bittet für die Führung um Anmeldung per Mail an hohenlohe-franken@erlacher-hoehe.de oder Telefon 0 79 40 / 69 69.

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