Geislingen am Kocher 90. Geburtstag: „Bloß nichts bereuen!“

Helmut Marstaller ist mit sich und der Welt im Reinen. Heute feiert er den 90. Geburtstag.
Helmut Marstaller ist mit sich und der Welt im Reinen. Heute feiert er den 90. Geburtstag. © Foto: Helmut Marstaller ist mit sich und der Welt im Reinen. Heute feiert er den 90. Geburtstag. Foto: Sonja Alexa Schmitz
Braunsbach / Sonja Alexa Schmitz 24.09.2018
Helmut Marstaller aus Geislingen feiert heute seinen 90. Geburtstag. Er erwartet viele Gäste, denn sein Leben ist geprägt von Vereinen, Ehrenämtern, Musik und einer großen Familie.

Wenn Helmut Marstaller etwas zu seinem Alter sagen soll, dann macht er es mit den Worten des Komikers Heinz Erhardt: „S‘ist schlimm, wenn man alt wird, das Alter spricht, aber noch schlimmer ist, man wird es nicht.“ Der Senior hat eine Weile gebraucht, bis er die Zeilen auswendig konnte, aber Gehirnjogging tut dem Kopf gut. Marstaller macht das täglich mit Computerspielen. Nach dem Frühstück liest der Frühaufsteher, der dem Wecker um 6.40 Uhr meist zuvor kommt, die Zeitung und setzt sich dann an den Computer.

Dass der Geist noch funktioniert, das sei das Allerwichtigste. Der Senior weiß wovon er spricht, denn zehn Jahre lang pflegte er seine Frau, die, als er mit 60 Jahren gerade den Ruhestand genießen wollte, an Alzheimer erkrankte. „Das waren meine wertvollsten Jahre“, sagt er. Nicht weil sie so schön waren, sondern weil er durchgehalten hat. Die Krankheit hat ihm einen Schnitt ins Leben gesetzt. Seine vielen Hobbys musste er aufgeben, weil die Frau nicht alleine zu Hause bleiben konnte. An der Wand im Schlafzimmer hängen -zig Urkunden, für 20 Jahre Liederkranz, 31 Jahre Posaunenchor, er war Kirchenpfleger in Geislingen und im Kirchengemeinderat. 2009 bekam er die Bürgermedaille der Gemeinde Braunsbach.

Die Erkrankung seiner Frau brachte ihn dazu, eine Gruppe für Angehörige von Alzheimererkrankten zu gründen. Er lernte viel über den richtigen Umgang, macht sich selbst doch Vorwürfe, dass er es mit seiner Frau nicht immer gut gemacht habe. Er hätte sich mehr Geduld gewünscht. 20 Jahre lang, bis letzten Dezember leitete er die Gruppe.

Morgens, wenn das Frühstück zubereitet ist, der Rentner an seinem Stammplatz sitzt, mit Blick hinaus durch das große Fenster über Geislingen und die Waldhänge, liest er zu den Losungen eine Stelle aus der Bibel. Dieses Ritual hat er von seinem Vater, einem Pfarrer, der 27 Jahre in St. Michael tätig war,  übernommen. Marstaller wäre auch gerne Theologe geworden, hat sich aber damals das Sprechen vor der Gemeinde nicht zugetraut. Ein bisschen ärgert ihn das heute. Aber nur minimal, denn eines hat er als Altersweisheit gelernt: Bereue nichts! Seinem Bruder, der in Kanada lebt und derzeit im Krankenhaus liegt und mit seinem Leben hadert, hat er eine E-Mail geschrieben: „Du solltest dir nicht den Lebensabend vermiesen indem Du Dir Vorwürfe machst!“

Helmut Marstaller sitzt an seinem Platz und vor ihm liegen all die Zeitungsartikel, die über ihn geschrieben wurden. Außerdem sind da seine Ordner mit humorvollen Gedichten, seine kleinen Holzarbeiten, die Jahreskalender mit selbstgemachten Fotos, außerdem eine Flasche Johannesbeersaft, natürlich aus eigener Produktion. Der 90-Jährige zeigt darauf  und sagt: „Ich habe alles erreicht“. 91 Jahre würden ihm reichen. Aber 95 wären auch gut. Vielleicht besser. Denn es geht ihm gut. Der Geist ist rege, er fährt noch mit dem E-Bike nach Braunsbach zum Einkaufen und mit dem Auto bis Murrhardt. Dort wohnt seine Gerti, die er vor 18 Jahren kennenlernte. Sie ist elf Jahre jünger und neulich sagte mal jemand, wenn er sie nicht hätte, wäre er keine 90 geworden. „Ich freue mich schon jeden Montag auf den Samstag, wenn ich zu ihr fahre.“ Die beiden sehen sich nur am Wochenende.

Eigentlich wäre Helmut Marstaller gerne Landwirt geworden. Bauernhofleben hat er als Kind geliebt. Er begann in der Landwirtschaft zu lernen aber seine Frau meinte, er solle mehr aus sich machen, und so machte er eine Banklehre. Sie kam selbst von einem Bauernhof. Und aus Geislingen. Weshalb der  Remstaler 1963 in die Heimat seiner Frau zog.

Und dort lebt er in seinem Haus, macht sich mittags ein Tiefkühlgericht, Katze Mulle streicht um ihn her und seit Kurzem ist die Familie des Enkels in die Wohnung über ihm gezogen – und hat ihm einen dritten Urenkel beschert. „Das ist mir eine Freude, zu sehen, dass das Leben weitergeht.“

Pfarrerssohn mit vielen Ehrenämtern

Helmut Marstaller wurde am 24. September 1928 bei Freudenstadt als Pfarrersohn geboren. Er machte  eine Banklehre. Sieben Jahre leitete er eine genossenschaftliche Bank in Winterbach im Remstal. Seine Frau kam aus Geislingen am Kocher. 1963 zog die junge Familie her. Anderthalb Jahre war er bei der Bausparkasse beschäftigt, dann wechselte er zur Kreissparkasse Schwäbisch Hall. Marstaller leitete als junger Mann den Landjugendchor, war aktiv in der Kirche, spielte lange Jahre im Liederkranz und Posaunenchor Geislingen.

Ein Schicksalsschlag war der tödliche Unfall eines seiner drei Kinder: Ein Sohn starb mit 27 Jahren. Seine Frau erkrankte 1989 an Alzheimer, zehn Jahre später verstarb sie. Marstaller blickt stolz auf acht Enkel und drei Urenkel. Sein Sohn ist Eberhard Marstaller, Rektor der Grundschule Michelfeld, die Tochter, Brigitte Gronbach, leitet die Grundschule Wolpertshausen.

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