Schwäbisch Hall "Armut ist mitten unter uns"

Nicht nur auf dem Kurfürstendamm in Berlin sind Bettler anzutreffen. Auch im Landkreis Schwäbisch Hall versuchen Menschen, Geld von Passanten zu ergattern. Die SPD greift das Thema Armut nun in einer Diskussionsreihe auf.
Nicht nur auf dem Kurfürstendamm in Berlin sind Bettler anzutreffen. Auch im Landkreis Schwäbisch Hall versuchen Menschen, Geld von Passanten zu ergattern. Die SPD greift das Thema Armut nun in einer Diskussionsreihe auf. © Foto: dpa
Schwäbisch Hall / ERNST-WALTER HUG 30.09.2014
Das Anliegen einer Veranstaltungsreihe des SPD-Kreisverbandes ist, sich mit wichtigen Themen intensiver zu beschäftigen. In diesem Jahr geht es im Dialog mit Betroffenen um das Thema Armut.

Nur armselig besucht - fünf Leute auf dem Podium, zehn Menschen im Publikum - ist die Diskussion zum Thema Armut in der Haller Schuppachburg. Armut gibt es nicht nur in Krisengebieten und in Ländern, die weit entfernt von der Mitte Europas liegen. "Armut gibt es mitten unter uns", so der SPD-Landtagsabgeordnete Nikolaos Sakellariou zu den wenigen Interessierten, die in den Haller Tagestreff Schuppachburg gekommen waren. "Armutsbekämpfung ist eine der zentralen Aufgaben der Politik." So habe Baden-Württemberg die Grunderwerbssteuer erhöht und gebe die Mehreinnahmen - immerhin 380 Millionen - direkt an die Kommunen weiter: für mehr Kindertagsstätten und Bildungseinrichtungen. Und einen wichtigen Schritt habe die derzeitige Bundesregierung mit der Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro gemacht.

Armutsgrenze in Deutschland liegt bei 816 Euro

"8,50 Euro, die dazu führen, dass Leute entlassen und deren Tätigkeiten ausgelagert werden", so ein Zwischenruf aus dem Publikum, das zu einem Großteil aus Betroffenen bestand: Frührentnern, Arbeitslosen und Menschen, die Hilfe beim Tagestreff Schuppachburg suchen. Die Einrichtung wird von der Stadt Hall und dem Landkreis gefördert und von der diakonischen Organisation Erlacher Höhe betrieben.

Deren Vorsitzender Wolfgang Sartorius zeigte auf, wo mitten in der Gesellschaft die Armut sitzt und wie sie statistisch verteilt ist. Langzeitarbeitslose etwa, Empfänger von Hartz IV, Alleinerziehende, Minijobber, aber auch Vollbeschäftigte in gewissen Gewerbebereichen sind arm oder von Armut bedroht. Das durchschnittliche Nettoeinkommen habe 2012 bei 1633 Euro gelegen. Wer nur 60 Prozent davon verdiene, sei von Armut bedroht, wer monatlich weniger als 50 Prozent davon zur Verfügung habe, sei tatsächlich arm. Die Grenze liege also bei 816 Euro. Wer von Hartz IV existieren müsse, liege mehr als 100 Euro unter dieser Armutsgrenze.

Jürgen Vogel, Leiter des Tagestreffs Schuppachburg, zeigte im Gespräch mit einem Arbeits- und Wohnungslosen auf, dass Armut nicht nur ein Problem mangelnder Finanzen ist. Die gesamte persönliche Existenz läuft Gefahr, auf null gesetzt zu werden. "Manchmal hat man den Eindruck, dass diese Armut gewollt ist, damit man genügend billige Arbeitskräfte hat, auf die man bei Bedarf zurückgreifen kann", so ein Einwurf aus dem Kreis der Betroffenen, der auf dem Podium nicht wirklich entkräftet werden konnte.

Mehr als zwei Stunden dauerte die Diskussion, die bis in die Details ging: "Was nützt mir als armer Frührentner eine Rentenerhöhung, wenn der gleiche Betrag am Wohngeld wieder gekürzt wird?"

Arme werden aus dem Blickwinkel der Gesellschaft verdrängt, so das Fazit auf dem Podium, was auch an der geringen Teilnehmerzahl an dieser Diskussionsrunde abgelesen werden könne. Die Gesellschaft teile sich selbst in "die da oben" und "die da unten". Der Artikel 1 des Grundgesetzes (Die Würde des Menschen ist unantastbar) werde von der Realität längst relativiert.

Dieses Grundrecht erhalte sich im täglichen Leben nicht von alleine, sondern müsse von allen erarbeitet werden. Ein erster Schritt wäre etwa, die statistische Armutsgrenze von 816 Euro monatlich anzuerkennen und die Hilfssätze entsprechend anzupassen.

Info Fortgesetzt wird die SPD-Veranstaltungsreihe am 21. Oktober in Kirchberg und am 8. Dezember in Crailsheim.

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