Die Ironie kommt an, alles lacht: „Ich beneide Sie – ich muss im Schatten stehen“, sagt Stephan Hell vom Balkon des Rathauses zu den Zuschauern. Ein Teil der Besucher sitzt bei großer Hitze in der prallen Sonne auf den Stufen der großen Treppe vor St. Michael, um den Festumzug verfolgen zu können.

Hell, in der Rolle des Magistrats, hat die Aufgabe, den Festzug zu kommentieren. Doch die vielen Manuskriptseiten, die er sich bereit gelegt hat, braucht er kaum. Denn: Von Anfang an marschieren die Bürgerwehren und die Garden in zügigem Schritt, so dass bereits nach 45 Minuten der Festzug zu Ende ist. Die Zuschauer beklatschen die Gruppen – in loser Folge Bürgerwehren mit Musik sowie ohne, berittene Gruppen und auch Fußgruppen.

Den Anfang macht die Fahnenrotte mit der Landesstandarte, gefolgt von den kleinen Siedern. Viele mit hochrotem Kopf – die wollene Tracht gibt gut warm. Der hiesige Tross der Sieder folgt: Haalgschrey und Haalunkel, die Musik- und Laienspielgruppe. In bunter Mischung marschieren Bürgerwehren, Stadtgarden und vereinzelt eine Trachtengruppe. Die Zuschauer machen sich auf einzelne Besonderheiten aufmerksam, im Fokus stehen die Uniformen und die Trachten. Die Frauen der Trachtengruppe Villingen tragen silberne und goldene Hauben aus Hohlspitzen und geklöppeltem Metallfaden. „Wir haben noch eine Frau im Verein, die die Technik weitergibt“, berichtet Christa Grießhaber. Getragen worden sei „die Tracht von reichen Bürgerinnen in der Zeit um 1850“.

Epouletten und Portepee

Tragen Männer heute meist uniforme Kleidung wie Jeans oder Anzug und Hemd konnten vor 200 Jahren die Mitglieder der Bürgerwehren tief in die Schmuckschatullen greifen und bei den Tuchen augenfällige Farben und Schnitte wählen. Goldgelb, blutrot, königsblau oder tannengrün sind die Uniformen, in Gold und Silber die Schmuckknöpfe, Borten und Kordeln. Auffallend die Epouletten, Schulterklappen aus Metall. „Ursprünglich ein Schutz gegen Säbelhiebe“, erklärt Jürgen Rosenäcker, Landeskommandant der Bürgerwehren. Einige Uniformierte sind gestiefelt, bei manchen reicht der Schaft bis zu den Oberschenkeln. Bei einigen Wehren sind Stiefel den Kommandanten vorbehalten, denn diese waren beritten, weiß Hans-Joachim Böhm von der Bürgerwehr Villingen.

Historie in Hall Landestreffen der Stadtgarden und Bürgewehren

Böhm macht auf weitere Besonderheiten aufmerksam, etwa den Portepee, den er an seiner Seite trägt. Diese Griffschlaufe sollte verhindern, dass der Säbel oder Dolch abhanden kommt. „Heute dient er dazu, den Rang der Träger zu kennzeichnen“, sagt Böhm.

Besonders prachtvoll sind die Hüte, Hauben, Helme und Zylinder der Bürgergarden geschmückt. Während die Sieder Gockelfedern am Hut tragen, schmücken Gänsefedern die Schutzhüte der Bürgerwache Crailsheim. „Offiziere tragen weiße, Musiker rote und Schützen grüne Federn“, erklärt Rosenäcker, der auch Kommandant der Crailsheimer Bürgerwehr ist. Andere Helme sind mit Ross-Haaren geschmückt. Auffallend die Kopfbedeckungen der Grenadiersuniformen von Ehingen: Sie ähneln einer Mitra, einer Bischofsmütze und sind mit Heidschnuckenfell bezogen. An Waffen sind meist Säbel zu sehen und Gewehre. Eine goldglänzende Kanone hat die Bürgerwehr Rottenburg mit dabei.

Mit etwas Abstand folgt dem Festumzug eine Abordnung des Haller Bauhofs. Auch sie tragen eine Uniform – nicht so schmuck wie die Bürgerwehren, aber auch auffallend in orange. Deren Aufgabe: Die Hinterlassenschaften der Pferde aufräumen. Auch eine Art Bürgerwehr.

Einige tausend Besucher säumen die Umzugsstrecke. „Toll“, „super“, „bombastisch“ sei der Umzug gewesen, sagen die Befragten im Anschluss. „Wie vor 40 Jahren auch“, freut sich Doris Rau. Die Hallerin war beim damaligen Umzug mit ihren Kindern dabei, jetzt als Seniorin wieder. „Es ist einer der schönsten und bedeutendsten Umzüge“, stellt Uwe Winkler aus Untermünkheim fest. „So viel Engagement“, lobt die Hallerin Cornelia Dannewitz, „und alles in der Freizeit.“

Auch den Umzugsteilnehmern hat es gefallen. „Die Altstadt hier ist schon etwas Besonderes“, sagt Robert Lehmann von der Bürgerwehr Zell am Harmersbach im Schwarzwald. Und Christa Grießhaber aus Villingen lächelt verschmitzt: „Ich habe Prospekte mitgenommen, ich werde wiederkommen. Ich möchte die Kunsthalle Würth sehen.“

„Keine besonderen Vorkommnisse“, heißt es von Oberkommissar Alexander Feind, der am Samstagabend und am Sonntag mit seinen Polizei-Kollegen im Einsatz ist. Von einigen Kreislaufzusammenbrüchen berichtet Alexander Mack, Bereitschaftsleiter der DLRG. Eine Frau kam ins Diak, die anderen wurden ambulant behandelt.

Das könnte dich auch interessieren:

Zwischen 1883 und heute: Neun Festzüge durch Schwäbisch Hall


Die Schwäbisch Haller haben ihre Sieder und das Siedersfest. Diese müssen den Bedarf nach volkstümlichen Festen – wie es in Crailsheim das Volksfest ist oder in Gaildorf der Pferdemarkt – abdecken. Doch rund alle 20 Jahre gibt es ein Ereignis, das so bedeutsam ist, dass ein Festumzug organisiert wird.

Der letzte Festumzug wurde vor gar nicht so langer Zeit, am 3. April 2011 abgehalten. An diesem Tag wurde das Kocherquartier eingeweiht.  Weitere Ereignisse waren:
21. Mai 2006: Festumzug zur 850 Jahr-Feier der Stadt Schwäbisch Hall.
2. Juli 1994: Festumzug zum 150-jährigen Jubiläum der TSG.
16. September 1979: Landestreffen der Bürgerwehren und Stadtgarden
September 1974: Festzug mit 650 Akteuren beim 6. Vorderladerschießen und Treffen historischer Bürgerwehren und Garden.

3. Juni 1956: Festakt zur 800-Jahr-Feier der Stadt

19. September 1937: Festumzug zur 900-Jahr-Feier der Stadt aufgrund des gefälschten, auf 1037 datierten „Öhringer Stiftungsbriefs“, der Ende des 11. Jahrhunderts entstanden ist.

1. Juli 1883: Würtemmbergisches Landesschießen mit Festumzug. Dabei trat erstmals der neu gegründete Siedershof auf. sel