Schwäbisch Hall / Thumilan Selvakumaran  Uhr
Gegen einen Anwohner wird jetzt ermittelt: Er hatte sich mit Pfefferspray bei einem Angriff gewehrt.

Wutausbrüche, Bedrohungen, Gewalt – auch gegen sich selbst: Anwohner eines Mehrfamilienhauses in der Kreuzäckersiedlung fühlten sich über Wochen durch einen jugendlichen Nachbarn terrorisiert. „Die Menschen waren total verängstigt, haben sich nicht mehr in den Keller getraut“, so Hausverwalterin Irene Merz stellvertretend.

Mehrere Vorfälle aktenkundig

Zwar seien mehrfach Sanitäter und Polizei dagewesen, auch sei das Jugendamt benachrichtigt worden. „Sichtbar geschehen ist aber nichts.“ Einsatzkräfte hätten kurzfristig für Ruhe gesorgt, das grundsätzliche Problem blieb aber, auch weil eine Räumungsklage noch nicht abgeschlossen ist. Merz habe lediglich Verhaltenstipps für die Zukunft erhalten. „Ich wollte aber nicht, dass es ein nächstes Mal gibt. Ich bin schier verrückt geworden. Ich habe mich alleine gelassen gefühlt“, so ihre Behörden-Kritik.

Die Aggressionen gingen ­offenbar vorwiegend von einem 17-Jährigen aus. Dieser war ­zusammen mit der Mutter und der ebenso minderjährigen Schwester vor etwa zwei Jahren in die Haller Wohnung gezogen. „So­lange die Mutter hier wohnte, war alles im Rahmen“, sagt Merz. Als die Mutter aber Anfang dieses Jahres ohne ihre beiden Kinder in eine Gemeinde im Landkreis Hall umzog, sei die Situation eskaliert.

Polizei vermutet psychische Erkrankung bei 17-Jährigem

Teilweise hätten in der Wohnung bis zu zehn Bekannte der Jugendlichen „gehaust“, so Merz. Eine andere Mieterin im Haus, eine berufstätige junge Frau, habe aus Angst und auf der Suche nach nächtlicher Ruhe zeitweise bei ihren Eltern übernachtet.

Bernd Märkle, Sprecher des Polizeipräsidiums Aalen, bestätigt auf Nachfrage, dass der Behörde mehrere Vorfälle bekannt sind. Häufig seien Anwohner dadurch gestört worden, dass der 17-Jährige „herumgeschrien“ hat. Vermutet werde eine psychische Erkrankung. Märkle bestätigt Hinweise von Merz, dass es Anfang Mai zu einem „relativ heftigen Vorfall“ gekommen war.

Minderjähriger bedroht Nachbarn mit Baseballschläger und Axt

Als der 17-Jährige nach einem Streit wieder mal draußen im Gang herumbrüllte, habe ihn ein Anwohner des Acht-Parteien-­Hauses darum gebeten, etwas leiser zu sein. Daraufhin habe der 17-Jährige zunächst den Nachbarn mit einem Baseballschläger bedroht und auf ein Bild im Hausflur eingeschlagen. Dann sei er in seine Wohnung und mit einer Axt zurückgekehrt. Als er auf den Nachbarn losstürmte, habe sich dieser in seine Wohnung retten können, berichtet der Polizeisprecher. Der 17-Jährige habe dann mit der Waffe mehrfach auf die Tür eingeschlagen. Der Anwohner habe sich dabei mit einem Pfefferspray verteidigt. „Verletzt wurde niemand“, so Märkle weiter.

„Muss erst etwas passieren?“

Die Hausverwalterin ärgert sich, dass auch nach diesem Vorfall die Anwohner mit dem Aggressor alleine gelassen wurden. „Muss denn wirklich erst etwas passieren, bevor die Behörden reagieren. Ich bin arg entsetzt.“ Die Polizei teilt auf Nachfrage mit, dass der Staatsanwaltschaft und anderen Stellen wie dem Gesundheitsamt Berichte vorgelegt wurden. Nun müssten die juristischen Konsequenzen abgewartet werden. Eine Zwangseinweisung in eine Psychiatrie müsse richterlich angeordnet werden. Das sei in diesem Fall aber nicht geschehen.

Das in dieser Sache zuständige Crailsheimer Jugendamt lässt auf Nachfrage über die Pressestelle des Haller Landratsamts mitteilen, dass das Amt „zu Einzelfällen (...) aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes keinerlei Auskünfte“ gebe.

 Annika Wieland von der Pressestelle erklärt ergänzend, dass das Jugendamt nicht automatisch zuständig werde, wenn Minderjährige alleine in einer Wohnung lebten. Etwaige Verstöße gegen den Mietvertrag seien „privatrechtlicher Natur und berühren nicht das Aufgabenfeld eines Jugendamtes“. Bei Störungen des Hausfriedens, wie etwa nächtliche Ruhestörungen, sei gegebenenfalls die Polizei einzuschalten. Wie und ob das Jugendamt überhaupt eingegriffen hat, teilt das Landratsamt nicht mit.

Bewegung gab es nach Recherchebeginn dann doch: Zwischenzeitlich seien die Jugendlichen ausgezogen, so Polizeisprecher Märkle. Irene Merz kommentiert: „Wir sind glücklich und atmen wieder auf. Es tut mir aber leid, wenn die beiden woanders wieder in Miete gehen. Darauf habe ich aber keinen Einfluss.“

Ermittlungen gegen Opfer

Unterm Strich bleibe bei den Anwohnern ein Gefühl der Hilflosigkeit. „Da muss man sich mehrfach überlegen, ob man seine Wohnung vermietet, wenn man so alleine gelassen wird“, meint Merz. Besonders ärgere sie, dass ein Ermittlungsverfahren gegen den Nachbarn läuft, der sich mit Pfefferspray verteidigte. Märkle bestätigt das. Hintergrund: Der private Einsatz von Pfefferspray gegen Menschen ist verboten. Ob eine Notwehrsituation vorlag, die den Einsatz rechtfertigte, werde geprüft.

Das könnte dich auch interessieren:

Heute vor einem Jahr verschwand eine damals 82-jährige Frau aus Ellrichshausen. Sie ist bis heute vermisst.

Der Unternehmer Reinhold Würth nutzt die Bühne, die ihm die Bild-Zeitung bietet. Er sagt auch, wen er bei der Europawahl gewählt hat.