Wie viel wiegen Sie?

Dr. Jörg Jonas: 87 Kilogramm.

Ist das zu viel?

Nach den ganz strengen Regeln wäre das zu viel. Das wäre ein Body-Mass-Index von 27,2. Man lebt aber momentan am längsten zwischen 27 und 28 und nicht bei 25.  Damit wäre ich zu dünn.

Was ist der Body-Mass-Index?

Dabei wird die Körpergröße in Relation zum Körpergewicht gesetzt. Das ist aber nur ein grober Anhaltspunkt. Wir achten auf die Nebenerkrankungen, die von Übergewicht ausgelöst werden: hoher Blutdruck, Gelenkprobleme und natürlich als Allererstes Diabetes.

Ab wann gilt man dann als übergewichtig, also als adipös?

Ab BMI 30. Das ist der rechnerische Wert. Wir wissen, dass 20 Prozent der deutschen Bevölkerung einen BMI von über 30 haben, also übergewichtig sind.

Schwäbisch Hall

Sind wir besonders dick im internationalen Vergleich?

Es gibt mehrere Länder, die vor Deutschland liegen. Da gehören die Vereinigten Staaten von Amerika dazu, dann England – Stichwort „Fish and Chips“. Wir liegen im Mittelfeld.

Ist das ein Problem einer Wohlstandsgesellschaft?

Ich erzähle immer gerne die Geschichte von dem Mammut. Als wir früher alle zwei bis vier Wochen ein Tier gejagt haben und zwischendrin nichts zu essen gehabt haben, waren die Gene gut, die fürs Energieeinlagern zuständig sind. Doch Essen ist nun ständig verfügbar. Wir essen häufig hochkalorische Nahrung. Kohlenhydrate gehen schnell durch, machen nicht satt und haben viele Kalorien.

Wo kommen Kohlenhydrate vor?

Das ist Zucker. Es ist in Kartoffeln, im Reis, in Nudeln, im Hamburger. In einer Pizza stecken 1000 Kalorien und nur ein Gramm Eiweiß. Wir brauchen aber pro Tag 70 bis 80 Gramm Eiweiß für unsere Muskeln.

Was soll man dann essen?

Zum Beispiel ein Eiweißbrot. Da sind zehn Gramm Eiweiß pro Scheibe drin. Man muss sich angewöhnen draufzuschauen, was drin ist im Essen. Im Baguette sind nur Kohlenhydrate, weißes Mehl, das bringt nichts. Drei Mahlzeiten sind normal. Doch viele essen zwischendrin. Wir müssen ein gewisses Sättigungsgefühl haben, um aufzuhören. Man soll etwas essen, in dem nicht so viele hochverdichtete Kalorien drin sind.

Also Spezialessen?

Es müssen keine Light-Produkte sein. Ich glaube, die sind der größte Betrug unserer Ernährungsindustrie. Da ist fast das Gleiche drin wie in den normalen Produkten, es hat zwei Gramm Fett weniger, ist aber doppelt so teuer. Das bringt nicht so wahnsinnig viel. Man muss dem Magen etwas zu tun geben. Und da gehört Grünzeug eben dazu.

Sind dicke Leute selbst dran schuld?

Falsch. Bei 70 Prozent ist es Vererbung. Entweder die Eltern oder Großeltern sind dick. Dazu kommt die Zuckerkrankheit. Das beides in Kombination kommt am häufigsten vor. Es gibt eine Zwillingsuntersuchung, bei der das eine Kind in einer anderen Familie aufgewachsen ist als das andere. Interessanterweise sind aber beide dick geworden. Selbst dann, wenn es bei schlanken Leuten aufgewachsen ist. Da  spielt die Vererbung eine gigantische Rolle. Das andere sind psychische Faktoren. Wir wissen: Nicht nur Hunger und Durst steuern die Nahrungsaufnahme, sondern auch unsere Emotionen. Frust, Stress, Langeweile. Frustessen haben wir auch im Sprachgebrauch.

Wie wichtig ist die Kindheit?

Die Eltern machen es vor. Ich bin aufgewachsen mit der Maßgabe: Iss den Teller auf. Doch das ist eigentlich kontraproduktiv. Kinder können oft nicht einschätzen, wie viel sie essen können. Der Idealfall sind drei regelmäßige Mahlzeiten am Tag. Das Zweite ist, langsam zu essen. Der Magen muss die Zeit erhalten, mir rückmelden zu können, dass er voll ist.

Was sind die Folgen von Übergewicht?

Blutfette gehen hoch. Der Harnsäurespiegel steigt. Gicht ist die Folge. Das stellt der Hausarzt fest. Schlimmer wird es, wenn es auf die Mechanik geht. Hüftprobleme, Bandscheibenvorfälle, Gelenkprobleme sind die Folgen. Auch implantierte Hüften halten wegen der hohen Beanspruchung nur ein paar Jahre. Ein hoher Blutdruckwert kommt dazu. Es gibt junge Erwachsene, die Blutdruckentgleisungen haben wie bei alten Menschen üblich. Es gibt Probleme für den Kreislauf, die Gefäße und das Herz. Wir hatten einen 40-Jährigen, der hatte schon zwei Herzinfarkte hinter sich. Was ganz gemein ist: Wer Blutzuckerentgleisung hat, bekommt einen schleichenden Diabetes und dann einen dauerhaften Diabetes. Dann kann alles kaputt gehen. Die Gefäßwände, die Nieren und dann die Augen. Das geht schleichend. Der Bluthochdruck tut nicht weh. Er macht aber alles kaputt.

Wie sieht die Therapie aus: Bringt eine Diät etwas?

Die Diabetologen haben immer gesagt, zehn Kilo Gewichtsabnahme verbessert schon immer den Diabetes. Nur wenn einer mit 60 Kilogramm Übergewicht kommt, dann sind 10 Kilogramm nichts. Natürlich verbessert die Diät etwas und der Insulingehalt geht ein wenig runter. Aber das, was wir wollen, erreichen wir nicht. Aber wir haben Heilungsraten von Diabetes mit über 80 Prozent. Ich kann diesen Patienten etwas anbieten.

Das geht also mit einer Operation. Ab wann wird die durchgeführt?

Wir müssen die in Betracht ziehen, wenn wir einen BMI von über 35 haben. Das ist eine Adipositas zweiten Grades. Zusammen mit einer Nebenerkrankung wäre eine Magenverkleinerung angezeigt. Oder ab einem BMI von 40. Über einem BMI von 50 können wir ohne Vorbereitung operieren. Denn: Bei einem BMI von 40 kommt nur einer von 1000 durch eine Ernährungsumstellung wieder runter.

Was passiert bei einer Operation?

Es gibt die einfache Magenverkleinerung. Danach werden die Menschen früher satt. Der Weg der Verdauung bleibt der gleiche. In drei bis vier Monaten müssen sie ihre Ernährung umstellen. Kleine Mahlzeiten nehmen. Zudem gibt es noch die Kombination der Magenverkleinerung mit einer Verkürzung des Darms, den Magen-Bypass. Damit fängt die Verdauung erst später an. Beide Methoden haben Vor- und Nachteile.

Gibt es trotz der Magenverkleinerung Rückfälle?

Ja, das gibt es auch. Nicht alle können ihre Gewohnheiten verändern. Man kann jedes System austricksen. Das geht nach einer Magenverkleinerung mit flüssiger Nahrung. Wir hatten einen Patienten, der hat Nutella flüssig gemacht und dann getrunken. Wir haben unsere Nachsorgen, um das zu verhindern. Wir erwarten eine Gewichtsabnahme. Es gibt auch Fälle von psychischen Erkrankungen, die muss man dann an Spezialisten überweisen.

Wie schwer ist der dickste Haller?

Das kann ich nicht genau sagen. Ein Patient bei uns wog 230 Kilogramm.

Leiden übergewichtige Menschen an Diskriminierung?

Sehr. Sie sind sehr, sehr sensibel. Die Stigmatisierung der Kinder ist schon in den Schulen ganz gravierend. Sie sind sozial sehr isoliert. Einen gewissen Grad an Übergewicht findet man noch akzeptabel. Sie gelten als gesellig. Aber das schwenkt dann um.

Warum sollte ich mich als Übergewichtiger am Diak behandeln lassen?

Wir haben jahrelange Vorarbeit geleistet für die Zertifizierung zum Adipositaszentrum. Dafür braucht es mindestens 50 OPs pro Jahr. Wir haben auch ein gewisses Equipment, wie Spezialbetten und OP-Tische. Wir haben ein Team aus drei Chirurgen, zwei Assistenzärzten, Psychologen und Ernährungsberatern sowie Pflegepersonal. Zudem gibt es Kooperationen mit der Psychologie und der plastischen Chirurgie. Inzwischen haben wir die Zahl von 100 Operationen geknackt. Es spricht sich rum. Seit vier Wochen haben wir neue, zusammenhängende Räume. Jetzt ist klar: Hier sitzt jemand, hier kann man hinkommen. Wir haben ein riesiges Einzugsgebiet. Von Bad Cannstatt über Öhringen und Heilbronn bis Bad Mergentheim und Nürnberg. Zwischen hier und Nürnberg gibt es keine Klinik mit diesem Spezialangebot.

Wie motivieren Sie sich bei so viel Arbeit, die ja immer mehr wird?

Wenn jemand drei Monate nach der Entlassung zur ersten großen Kontrolle kommt und es sind 25 Kilogramm weg, dann ist das toll zu sehen. Die gehen ganz anders durch die Tür, mit viel mehr Lebensenergie.

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Privatdozent Dr. Jörg Jonas wurde 1956 in Dresden geboren. Sein Vater war damals für kurze Zeit als Chirurg im Osten Deutschlands, zog aber bald wieder in den Westen zurück. Er studierte nach der Bundeswehrzeit 1979 bis 1986  in Leiden in Holland. In Bruchsal hat er als Arzt angefangen, weiter ging es an die Uniklinik Mainz. Im Jahr 1995 absolvierte er dort seine Facharztausbildung als Chirurg und arbeitete als Oberarzt auf der Intensivstation. Er wurde Gefäßchirurg, ging 1998 nach Karlsruhe, wo die Adipositaschirurgie gestartet wurde. Nach Frankfurt und Schwabach wechselte Jonas vor zwei Jahren ans Diak, da er hier die Möglichkeiten erhielt, die Adipositaschirurgie aufzubauen. Hobbys sind: gut essen, Rad fahren, schwimmen. Jonas ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die Familie wohnt in St. Leon-Rot. tob