Es ging auf 23 Uhr zu, als es passierte. Die warme Nacht war perfekt für das Sommernachtsfest in Schwäbisch Hall, auf dem etwa 10.000 Menschen fröhlich feierten. „Ich wollte mir gemeinsam mit meinem Tanzstundenherrn das Feuerwerk ansehen, das auf dem Grasbödele abgebrannt werden sollte“, erinnert sich eine Zeitzeugin, die nicht namentlich genannt werden möchte.

Um einen guten Aussichtsplatz auf dem Unterwöhrd zu ergattern, musste das Paar den Kettensteg überqueren, der die Ackeranlagen mit der Kocherinsel verband – und befand sich mitten auf der Hängekonstruktion, als diese krachend in sich zusammenstürzte. „Wir hatten keine andere Wahl, als ins schmutzige Wasser zu springen“, berichtet die heute 80-jährige Hallerin. Sie und ihr Begleiter kamen mit dem Schrecken davon. Bis heute überkomme sie beim Betreten von Brücken ein ungutes Gefühl: „Es ist schrecklich, wie tief so ein Schock sitzt.“ Beim Einsturz des Kettenstegs am Samstag, 19. Juni 1954, wurden sechs Menschen schwer verletzt, zahlreiche weitere trugen Blessuren davon. Ein Mann verlor sein Leben: Der Familienvater Robert Ritter aus Saulgau war in Hall zu Gast, weil er an einem Lehrgang an der Akademie Comburg teilnahm.

Obersontheim

Das Problem mit der an vier Pylonen befestigten Holzhängebrücke aus dem Jahr 1836 war bekannt: „Wir hatten davon mehrfach Kenntnis gegeben, daß im Hinblick auf das lebensgefährliche Gedränge auf dem Kettensteg im vergangenen Jahr heuer ein Rundverkehr eingerichtet wurde“, betonte das Haller Tagblatt im Bericht über das Unglück. Um eine Überlastung zu vermeiden, ließ die Polizei im Einbahnstraßenverkehr Richtung Unterwöhrd nur jeweils Gruppen von etwa 30 Personen passieren.

Polizist überrannt – Halbstarke bringen Brücke zum Schaukeln

„Kurz vor dem Feuerwerk wurde der Polizist, der da stand, von der Menge einfach überrannt“, beschreibt unsere Augenzeugin. „Ein paar junge Burschen sind dann außen am Geländer entlanggeklettert und hatten Spaß daran, die Brücke stark zum Schaukeln zu bringen.“ Das war zu viel für eines der Brücken-Tragbänder. Es wurde aus seiner Verankerung auf der Unterwöhrd-Seite gerissen. Rund 200 Menschen sollen auf dem Steg gewesen sein.

Neben männlichen Festgästen und Feuerwehrleuten hätten amerikanische Soldaten zu den ersten gehört, die in den an dieser Stelle 80 bis 120 Zentimeter tiefen Kocher sprangen, um den Verunglückten beizustehen, berichtete das Haller Tagblatt. Der US-Kommandeur habe sofort Sankas auf den Unterwöhrd geordert. Mit „Gaffern“ gab es damals schon Schwierigkeiten: Das Gedränge war so groß, dass die Retter kaum durchkamen.

Noch in der selben Nacht rückte eine Kommission aus Stuttgart an, um die Unglücksursache zu untersuchen. Als Schuldiger wurde letztendlich der Leiter der Haller Stadtpolizei ausgemacht. Die Richter verurteilten ihn wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung erst zu einer Geldstrafe, in zweiter Instanz dann zu acht Monaten Gefängnis.

Um die Bogenbrücke aus Stahlbeton, die seit Dezember 1960 vom Unterwöhrd über den Kocher führt, gab es seinerzeit ein handfestes Gezerre zwischen Oberbürgermeister Theodor Hartmann und dem Haller Architekten Viktor Remboldt, der mit Unterstützung des Stadtbaumeisters Benz unbedingt einen überdachten Holzsteg durchsetzen wollte, da sich dieser besser in das Stadtbild einfüge als ein Steg „aus kaltem Beton“.

Ihren heutigen Namen Epinal-Steg erhielt die Brücke 1964 anlässlich der jungen Städtepartnerschaft zwischen Hall und der französischen Stadt Epinal. An den alten Kettensteg erinnern noch zwei seiner mit Blattkapitellen geschmückten Standstein-Pylone, die einige Meter vor der Brückenmündung aufgestellt wurden. Der Gemeinderat hatte die Installation zunächst abgelehnt, widerrief diese Entscheidung jedoch nach heftiger, öffentlicher Kritik.

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Ärger um den Notsteg über den Kocher


Erst einen Monat nach dem Unglück beriet der Gemeinderat über die Errichtung eines Notstegs. Die Verzögerung brachte Oberbürgermeister Hartmann verärgerte Berichte im Haller Tagblatt ein. Der kantige Rathauschef, der damals gerade fünf Monate im Amt war, war wenig begeistert von der Übergangslösung. Er zog Vergleiche zum Theatersteg, der mehrfach bei Hochwasser zerstört worden war, und wies darauf hin, wie teuer das für den „wenig gepolsterten“ städtischen Haushalt gewesen sei.

Gleichwohl wurde der Notsteg Ende Juli aus einer Fahrbahntafel und neun eisernen Doppel-T-Trägern fertiggestellt. Ein Zusammenbruch durch Personenüberlastung war „nach menschlichem Ermessen“ ausgeschlossen, was die folgenden sechs Jahre bestätigten.

Dass der voraussichtliche Gebrauch der Hängebrücke nicht mit der geringsten Gefahr verbunden sei, hatten die Verantwortlichen auch im Oktober 1836 festgestellt, als der ursprüngliche, rund 2500 Gulden teure Kettensteg eröffnet wurde – gegen den Willen eines Bürgerausschusses, der das Geld lieber für eine Kapelle auf dem Friedhof verwendet hätte.

Für den Haltbarkeitstest ließ man 34 Personen auf dem Steg hin- und herlaufen – aber beim Sommernachtsfest waren etwa 200 Menschen darauf. cito