Serie 53 Stufen weit inkognito

Für Nikola Weller wird die Große Treppe bei Hallia Venezia zur großen Bühne.
Für Nikola Weller wird die Große Treppe bei Hallia Venezia zur großen Bühne. © Foto: Sonja Alexa Schmitz
Schwäbisch Hall / Sonja Alexa Schmitz 13.07.2018
Jeder Haller hat zur Großen Treppe eine andere Beziehung. Nikola Weller findet in ihr eine Bühne – bei Hallia Venezia, in Kostüm und Maske.

In dem Moment, wenn Nikola Weller den ersten Schritt auf die Große Treppe macht und unten die Menschenmassen sieht, die zu ihr hoch schauen, kann sie jedes junge Mädchen verstehen, die sich bei „Germany’s next Top Model“ bewirbt.

Jedes Jahr, am vorletzten Sonntag vor Rosenmontag, wandeln die Kostümierten in ihren prachtvollen Kostümen, mit mysteriös wirkenden Masken vor dem Gesicht durch die Gassen der Stadt. Auf dem Unterwöhrd ergießt sich das erste Blitzlichtgewitter der vielen Hobbyfotografen über sie, dann lustwandeln sie durch die Straßen mit einem Ziel: die Große Treppe. Um 14 Uhr versammeln sich dort alle Maskenträger zum Defilee. Sie knubbeln sich in dem engen Portal beim Engel. Zwei Stabträger halten ihre bunten venezianischen Stangen gekreuzt, dann öffnen sie die Schranke und die Kostümierten wandeln einer nach dem anderen hindurch.

Der Blick geht zum Publikum oder zu den Kollegen auf der Treppe, jedenfalls nicht nach unten. Man sähe sowieso nichts, der Maske wegen. Sähe auch nicht schön aus. In aller Regel tragen die Verkleidungsliebhaber einen langen Rock – eine Stolperfalle auf den Stufen. Vorsichtig tasten sie sich zum Rand, steigen hinab, ziehen den anderen Fuß nach.

Nikola Weller macht es vor. Sie ist ganz drin, versunken im Gefühl des Februar-Sonntags, obwohl ein warmer Juli-Donnerstag ist. Sie schreitet zwei Schritte nach rechts, dann ertastet sie wieder den Stufenrand und steigt hinab. Sie spielt mit einem „Handgerät“, einem Fächer, einer Laterne, einer Stabmaske oder was den Kostümierten sonst eben gerade so in ihrer Kreativität einfallen mag. Es ist ihre Bühne, 53 Stufen lang, auf der sie alle sich in Szene setzen.

Und genauso wie der Schauspieler Lampenfieber vor dem Auftritt hat, herrscht auch bei den Haller Venezianern eine Anspannung, bevor sie die Stufen hinabschreiten. Höchste Konzentration ist gefragt. Nikola Weller klopft das Herz. Hoffentlich stürzt niemand! Sie als Vorsitzende des Vereins fühlt sich verantwortlich. Einmal habe sich jemand am Fuß verletzt, aber nicht auf der Großen Treppe, sondern auf einer anderen beim Hinaufgehen.

Letztes Jahr ist ein Mann in Frauengewand auf der Treppe gestolpert. Er ist unverletzt kurz sitzen geblieben und hat dort sein Figurenspiel fortgeführt.

Nicht alle laufen den riskanten Hallia-Venezia-Laufsteg hinunter. Manche Vereinsmitglieder wünschen sich eine echte Bühne, wo sie näher am Publikum sind und dieses ihnen nicht unter die Röcke schauen kann und ihre Winterstiefel und Skihosen sieht. Aber die Treppe habe sich durchgesetzt, so die Frau, die seit letzten Herbst Vorsitzende ist.

„Ich habe inzwischen eine richtige Liebe zur Treppe entwickelt.“ Wenn die Betriebswirtschafterin vom Arbeitsplatz, der Bausparkasse, hinunter in die Stadt geht, dann läuft sie gerne die Stufen hinunter. Sie bleibt dann zuweilen stehen und schaut, was gerade unten so los ist.

Derzeit sind dort vor allem die Darsteller der Freilichtspiele los. „Man kann nur fasziniert sein davon, was die auf der Treppe machen“, staunt die 45-Jährige.

Seit vierzehn Jahren ist sie bei Hallia Venezia dabei. Als die Vogtländerin die Veranstaltung zum ersten Mal sah, ahnte sie gleich, „das ist etwas für mich“. Weil man dort mal etwas anderes anziehen kann als üblich. Und weil man Model inkognito sein kann – fünf Stunden lang, 53 Stufen weit.

Begeistert von Schweden und Fotografie

Nikola Weller stammt aus einem Dorf bei Plauen im Vogtland. Nach einem Betriebswirtschaftslehre-Studium bewarb sie sich bei der Bausparkasse, nahm eine Landkarte und suchte Schwäbisch Hall. Im Jahr 2000 kam sie in die Stadt, wo die Unverheiratete auf dem Teurershof lebt. Sie arbeitet in der Produktkalkulation. Die Kinderlose liebt Skandinavien, belegt Schwedisch-Sprachkurse bei der Volkshochschule und fährt jedes Jahr in ihr Lieblingsland Schweden. Außerdem fotografiert die 45-Jährige gerne.

Keine andere Stadt ist so geeignet. . .

Etwa hundert Maskenträger aus ganz Deutschland, dazu Tausende Fotografen aus aller Welt: Das ist Hallia Venezia. Und das Schöne ist: Mit Maske, Kostüm und Fantasie können alle mitmachen, das nächste und 22. Mal wieder am 24. Februar 2019. Acht Tage vor Rosenmontag beginnt das bunte, aber ruhige Treiben in der Innenstadt. Eine kleine Gruppe von Frauen und Männern war (und ist) als Organisationsteam überzeugt, dass keine andere Stadt für die Maskenschau besser geeignet wäre als Schwäbisch Hall.

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