Fotografie 330 Kilometer durch die Stratosphäre

Gschwend / Markus Assenheimer, Achim Schneller, Kai Uwe Glässer, Bastian Glässer, Bettina Lober 09.09.2017
Gute Geschichte: Vier Hohenloher Hobby-Fotografen starten ein Abenteuer und lassen zwei Kameras per Wetterballon in die Stratosphäre aufsteigen.

Eigentlich haben sich die vier Freunde das nicht vorstellen können: dass ihre Kameras sieben Monate bei Schnee und Eis im Tiroler Winter überstehen würden. Achim Schneller aus Obermünkheim, Kai Uwe Glässer aus Gaildorf, Bastian Glässer aus Kottspiel und Markus Assenheimer aus Honhardt hatten ihr abenteuerliches Projekt schon abgeschrieben. Sie hatten ihre Kameras per Wetterballon in die Stratosphäre geschickt – in das so genannte zweite „Stockwerk“ der Erdatmosphäre, das etwa von 12 bis in rund 50 Kilometer Höhe reicht. Dort sollten die Apparate die Erdkrümmung dokumentieren. Und dann verlor sich die Spur des Ballons.

Aber zunächst noch einmal ganz von vorne: Wie kommen die vier Hobbyfotografen, die zwischen 40 und 46 Jahre alt sind, nun darauf, Kameras in die Stratosphäre zu schicken? Nun, wer schon alles von Venedig, Paris, Rom, New York, Hawaii mit Zeitraffern, Hochkontrast- HDR (High Dynamic Range) bis zu Sternspuren fotografiert hat, der braucht eben neue Ziele. Auf der weltgrößten Fotomesse Photokina in Köln haben die vier das Stratosphären-Projekt in einer Fachzeitschrift entdeckt. Das wollten die Hohenloher auch: Die Erdkrümmung über den Wolken in fast 40 000 Meter Höhe sollte fotografisch dargestellt werden – das ist drei- bis viermal höher als ein Passagierflugzeug fliegt.

Idee reift bei der Heimfahrt

Da die vier Hobbyfotografen in ihren verschiedenen Spezialgebieten von Hochzeit- und Porträtfotografie über Action-, Sternenspuren- bis zu Zeitraffer-Aufnahmen schon viel ausprobiert hatten, stand hier ein neues Aufgabengebiet vor der Linse. Während Kai-Uwe Glässer, Achim Schneller und Markus Assenheimer sonst als Krankenpfleger im Haller Diakonie- Klinikum arbeiten, ist Bastian Glässer als Lehrer tätig. Auf der Heimfahrt von der Photokina muss die Idee in den Köpfen der vier Fotografie-Fans ordentlich gearbeitet haben.

„Losgelassen hat es uns dann nicht mehr“, sind sich alle einig. Also ging es an die Planung und Aufteilung der Aufgaben. Der Startpunkt sollte am Gschwender Hagbergturm sein. Kameras fanden sich schnell, da auch Actionkameras bei den Fotoenthusiasten schon im Einsatz waren. Allerdings musste einkalkuliert werden, dass die empfindliche Elektronik dabei verloren geht oder beschädigt wird. Die Anschaffung des Wetterballons und der benötigten 3000 Liter Helium gestalteten sich schwieriger als angenommen – das gibt es eben nur im spezialisierten Fachhandel.

Gerade noch rechtzeitig genehmigt

Die Kameras und GPS-Empfänger wurden möglichst gewichtssparend und kälteisoliert in einer Styroporbox installiert. Die kleinen Kameras hatten gerade einmal vier Zentimeter Kantenlänge. Eine schoss Bilder im Intervall, die andere nahm ein Video auf. Powerbanks, externe Akkus, sorgten für zusätzlichen Strom. Zudem sollten zwei GPS- Empfänger später helfen, die Kameras zu finden.

Da in 40 Kilometern Höhe minus 60 Grad Celsius herrschen, war die spannende Frage: Wird die Elektronik der Kälte standhalten? Ob die Hobbyfotografen den Ballon wiederfinden würden, blieb auf jeden Fall unsicher: Würde er in einem Gewässer, in Industrieanlagen, im Hochgebirge oder schlicht in einem Funkloch landen, wären das Auffinden und Bergen eventuell schlicht unmöglich.

Die deutsche Flugsicherung, das Regierungspräsidium Stuttgart sowie die Gemeinde Gschwend genehmigten das Vorhaben gerade noch rechtzeitig. Auch die Frage der Haftpflichtversicherungen der Fotografen musste geklärt werden. Im Extremfall müssten Millionenschäden abgedeckt werden, da beispielsweise die Kollision mit einem Verkehrsflugzeug zwar unwahrscheinlich, aber nicht vollständig auszuschließen ist.

Trotz Eiseskälte sollte in den Weihnachtsferien am 27. Dezember 2016 zum Sonnenaufgang der Start erfolgen: Dafür stand ein Zeitfenster von lediglich einer Stunde zur Verfügung. Natürlich hatten die vier Freunde den fotografischen Anspruch, den Ballon genau zur blauen Stunde bei Sonnenaufgang in die Luft zu schicken. Gut zehn Kameras dokumentierten mit Einzelbildern, Videos und Zeitraffern den Werdegang bis zum Start.

Doch dieser gestaltete sich spannender als befürchtet: Eisige Kälte und Wind ließen nämlich den Einfüllstutzen fürs Helium einfrieren. Also musste ein Auto auf die Startwiese fahren und im leidlich warmen Fahrzeug wurde das Befüllen fortgesetzt.

Gut zehn Meter Spezialschnur mit der von der deutschen Flugsicherung vorgeschriebenen Reißfestigkeit von 230 Newton verbanden Kameras, Fallschirm und Wetterballon. Die berechnete Aufstiegshöhe waren 40 Kilometer. Laut Kalkulation der Fotoenthusiasten müsste der Ballon nach gut zwei Stunden Flugzeit die maximale Größe erreichen, etwa über Augsburg platzen und nach Öffnen des Fallschirms weitere eineinhalb bis zwei Stunden in den Sinkflug übergehen. Als wahrscheinlichen Zielort ermittelten die Freunde den Chiemsee oder die Kitzbüheler Alpen.

Schnell war der Wetterballon mit seinen Kameras nach dem Überflug von Gschwend in Richtung Schwäbisch Gmünd verschwunden. Das Suchteam machte sich auf Richtung Ulm, um dort die ersten GPS-Signale abzufangen. Das Aufspüren der Kameras macht unter Umständen den größten Teil des Projektes aus: Teilweise müssen Drohnen eingesetzt oder Boote gechartert werden.

Aber das GPS-Signal blieb aus. Stunde um Stunde wurde es unwahrscheinlicher, dass noch etwas passieren würde. Einigermaßen frustriert brachen die Freunde ihre Suche ab. Jetzt konnten nur noch ein ehrlicher Finder und der Zufall helfen, hofften sie.

Gamszählung bringt Rettung

Monate später war das Projekt als Totalverlust quasi schon abgeschrieben. Schneller, Assenheimer und die Glässer-Brüder planten bereits einen neuen Ballonstart in Schwäbisch Hall. Ein Termin stand bereits fest – als das Telefon klingelte: Bei einer Gamszählung im österreichischen Scharnitz wurde in unwegsamem Gelände weit oberhalb der Baumgrenze ein ungewöhnliches Objekt gefunden – 330 Kilometer vom Gschwender Hagbergturm entfernt. Damit hatte wirklich keiner der vier Hohenloher mehr gerechnet.

Allerdings verzögerte sich die Rücksendung der Kameras und Zubehörteile: Aus Österreich wurde ein saftiger Finderlohn gefordert, was die erste Begeisterung der vier Hobbyfotografen ein wenig dämpfte. Schließlich wurden sie mit den drei Gamshirten doch noch einig, und das Paket kam in Deutschland an.

Gut 60 Gigabyte Bild- und Filmmaterial waren darin enthalten. Auch die Kameras hatten monatelang Eis und Schnee im Tiroler Winter „überlebt“ und funktionieren einwandfrei.

Mittlerweile laufen bei den vier Hobbyfotografen bereits die Planungen für ein Folgeprojekt: Diesmal wollen sie das malerische Schwäbisch Hall als Startort in den Fokus nehmen. Und sie hoffen auf die Hilfe von Sponsoren.

Info Die Hobbyfotografen haben auch einen knapp dreiminütigen Film über ihr Projekt zusammengestellt. Er ist im Internet über folgenden Link zu finden: vimeo.com/231284810