Schwäbisch Hall 27-Jähriger gesteht Mord an Glaubensbruder

An Handgelenken und an den Füßen gesichert, betritt der 27-jährige Angeklagte aus Hall an der Seite seiner Pflichtverteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf (links) den großen Saal des Heilbronner Landgerichts. 
An Handgelenken und an den Füßen gesichert, betritt der 27-jährige Angeklagte aus Hall an der Seite seiner Pflichtverteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf (links) den großen Saal des Heilbronner Landgerichts.  © Foto: Tobias Würth
Schwäbisch Hall / Tobias Würth 20.07.2018
Die Staatsanwaltschaft meint, dass der Angeklagte eine „Gefahr für die Allgemeinheit“ ist und setzt auf eine Unterbringung in einer Psychiatrie.

Ich bin zum Laden gegangen, habe das Tatmesser gekauft und eine Nike-Tasche für Schuhe, um es darin zu verstecken“, schildert der Angeklagte gestern die Tat beim Prozess an der Strafrechtskammer des Heilbronner Landgerichts. „Ich habe mehrmals zugestochen, weiß aber nicht, wie oft.“

Oberstaatsanwältin Kerstin Fuhrmann nennt zu Prozessbeginn eine genauere Zahl: zwölf Stiche, drei davon sehr tief. Die wurden dem Opfer kurz nach 12 Uhr zugefügt. Um 16 Uhr starb der Mann aus Sulzdorf im Krankenhaus. Er hinterlässt zwei Frauen, die bei ihm lebten und mit denen er nach muslimischem Recht verheiratet war. Mit jeder der beiden hat er ein Kind. Eines davon kam nach seinem Tod zur Welt.

Ruhig, präzise und mit leicht monotoner Stimme schildert der 27-jährige Angeklagte das Geschehen am 5. Februar dieses Jahres. Der Beschuldigte ist in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht. Die Handschließen werden während der Verhandlung geöffnet, die Kette an den Füßen wird es nicht.

Einst wollte er Fußballprofi werden, schaffte einen Notenschnitt von 2,6 bei seinem Abi in Hall, studierte. 2012 wurde er zum ersten Mal in die Psychiatrie in Weinsberg eingewiesen.

„Was haben die Ärzte diagnostiziert?“, will der Vorsitzende Richter Roland Kleinschroth wissen. „Eine paranoide Schizophrenie“, erläutert der eingebürgerte Deutsche, dessen Opa einst als Gastarbeiter aus der Türkei kam. Derzeit nehme er wieder Medikamente, daher könne er wieder den Wahn von der Realität unterscheiden.

Anders sei das in dem Jahr vor der Tat gewesen. „Ich hatte die Medikamente nicht mehr genommen. Die Nebenwirkungen waren schlecht für mich. Sie machten mich schlapp. Ich hatte keine manischen Hochs mehr.“ Im Gegenzug nahmen die Wahnvorstellungen zu. „Ich dachte, dass ich von Geheimdiensten verfolgt und von einem Zauber bedroht werde. Ich hatte einen Kontakt zum Engel Gabriel. Ich habe meine eigenen Gedanken gehört.“ Heute wisse er: Das war psychotisch.

Seine Beziehung litt. Daher wandte er sich an seinen damaligen Freund, mit dem er einst in Gelbingen einen Moscheeverein aufbaute. Der riet ihm, zu einem Heiler zu gehen. Die beiden Freunde und die Frau des Angeklagten fuhren nach Straßburg, um einen „Exorzisten“ aufzusuchen.

Meerwasser trinken, sich übergeben, frisches Wasser trinken, Koranverse anhören, massieren, beten: Das sollte zur inneren Heilung führen. Er wollte damit den „Teufel“ in sich bekämpfen. „Der Heiler hat mir eine verpasst. Das ging aber nicht gegen mich, sondern gegen den Zauber in mir.“ Am Tag vor der Tat suchte er einen weiteren muslimischen Heiler in Frankfurt auf.

Der Angeklagte war überzeugt, dass sein ehemaliger Freund seine Frau begehrte. Die Ehe, aus der ein Kind hervorging, steckte damals in der Krise. Das scheint heute anders zu sein. Er wird von seiner hochschwangeren Frau in der Psychiatrie besucht. Damals wollte er den Zauber beenden, der angeblich zur Spaltung der Partner führte.

Zehn Verhandlungstage

Er sah den Schuldigen für alles in seinem ehemaligen Freund, berichtet der Angeklagte. Als er dann mit einem 30 Zentimeter langen Bowiemesser vor dessen Tür auftauchte, wurde er abgewiesen. „Er wollte das muslimische Glaubensbekenntnis sprechen. Ich dachte, er will mich damit verzaubern. Ich habe auf ihn eingestochen. Ich dachte, dass mit dem Tod des Zauberers auch der Zauber weg ist. Heute weiß ich: Es war eine Wahnvorstellung.“

Der muslimische Glaube, die Beziehungsprobleme, die Psychosen. Es sind mehrere Themenstränge, die am ersten Verhandlungstag beleuchtet werden. An den weiteren zehn Verhandlungstagen sollen bis zum 24. Oktober 32 weitere Zeugen vernommen werden.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft könnte am Ende keine Haftstrafe, sondern eine Sicherungsverwahrung in Betracht kommen (siehe Info).

Geschlossene Anstalt statt Knast

Da der Angeklagte an paranoider Schizophrenie leiden soll und daher zur Tatzeit womöglich schuldunfähig war, wird im sogenannten Siche­rungsverfahren jetzt darüber entschieden, ob seine dauerhafte geschlossene Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus anzuordnen ist. Der Angeklagte hat dabei die gleichen Rechte wie in einem normalen Prozess auch, teilt Richter Roland Kleinschroth mit. Die Staatsanwaltschaft wertet die Tat als „Akt mit niedrigen Beweggründen“ und sieht ein Mordmerkmal erfüllt. Da von dem Angeklagten eine „Gefahr für die Allgemeinheit“ ausgehe, käme eine Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt in Betracht. tob

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