Zuwanderung 14 Quadratmeter für sieben „Musterflüchtlinge“

Unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA), hier im Kinder- und Jugendhilfezentrum der Heimstiftung Karlsruhe, gibt es auch im Kreis Hall. Werden sie volljährig, fallen einige von ihnen durchs Raster – und landen geradewegs in der Obdachlosigkeit.    
Unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA), hier im Kinder- und Jugendhilfezentrum der Heimstiftung Karlsruhe, gibt es auch im Kreis Hall. Werden sie volljährig, fallen einige von ihnen durchs Raster – und landen geradewegs in der Obdachlosigkeit.    © Foto: dpa / Uli Deck
Landkreis / Sigrid Bauer 17.03.2018

Die meisten Flüchtlinge sind inzwischen so lange hier, dass sie von der Erstunterbringung in Unterkünften des Kreises in die Anschlussunterbringung, für die die Gemeinden zuständig sind, umziehen. Um ihre Integration zu unterstützen, sind den Gemeinden für zwei Jahre Integrationsmanager (IM) zugeteilt. „Für Bühlertann, Bühlerzell und Frankenhardt suchen wir noch einen Mitarbeiter“, informierte Martina Steinecke, Leiterin des Amts für Migration im Landratsamt.

Deren Aufgaben seien, Flüchtlinge in ihren Unterkünften in den Gemeinden aufzusuchen und zu beraten. „Es geht darum, einen Integrationsplan zu erstellen, die Fortschritte zu überprüfen und den Plan bei Bedarf anzupassen“, so Steinecke. Außerdem weise er auf Hilfsangebote des Kreises hin und vermittele den Kontakt zu den Ehrenamtlichen.

Während in der Erstunterbringung Sozialarbeiter die Flüchtlinge betreuen, ist mit dem Umzug in eine Gemeinde zur Anschlussunterbringung der IM zuständig. In Ilshofen habe es dabei Probleme gegeben. „Es kamen Leute, bei den unklar war, welchen Status sie haben“, berichtete Michaela Garimort. Der vorher zuständige Sozialarbeiter und der IM sollten sich deshalb rechtzeitig austauschen. In anderen Gemeinden, so war zu hören, sei der Kontakt zwischen dem IM und den Ehrenamtlichen gut. „Das ist wichtig, damit wir nichts doppelt machen oder in einem Bereich die Unterstützung ganz fehlt“, meinte Pfarrer Alfred Holbein, der die Veranstaltung moderierte.

Marina Köhler fehlt

Bedauert haben die Helfer den Weggang der Kreis-Flüchtlingsbeauftragen Marina Köhler. „Ohne sie wären wir längst pleite. Sie wusste, wo es Förderprogramme gibt“, meinte Holbein. Einen Nachfolger gibt es bisher nicht. Dagmar Seybold von der Diakonie Gaildorf riet den Ehrenamtlichen, die Gemeindeverwaltung mit ins Boot zu holen. „Die meisten Förderprogramme laufen nur über die Kommune“, sagte sie.

Sorgen machen sich viele Ehrenamtliche um die UMAs, die unbegleiteten Flüchtlinge unter 18, die demnächst volljährig werden. Es gibt Fälle im Kreis, in denen volljährig gewordene Flüchtlinge aus ihren bisher zuständigen Einrichtungen ausgezogen sind und jetzt als Obdachlose gelten. „Dann ist plötzlich niemand mehr für sie zuständig“, so Bernard Cantré aus Kirchberg. Die jungen Volljährigen könnten jedoch weiter unter dem Schutz des Jugendamts und in ihren Förderprogrammen bleiben, wenn sie das möchten. „Aber wir können sie nicht dazu zwingen“, stellte Holbein fest. In Kirchberg sei die Situation eskaliert, berichtete er. „Wir müssen die jungen Flüchtlinge unbedingt davon überzeugen, dass sie die Chance ihres Lebens haben, wenn sie bis 20, 21 an den Förderprogrammen teilnehmen“, so Holbein.

Auf eine menschenunwürdige Unterbringung von jungen erwachsenen Flüchtlingen in Blaufelden wies Werner Ebert hin. „Ich schäme mich für meine Gemeinde“, sagte er. Die jungen Männer seien „Musterflüchtlinge“, hätten Ausbildungsplätze oder Jobs. Blaufelden ist für ihre Anschlussunterbringung zuständig. Sie sollen zu siebt in zwei 14 Quadratmeter großen Zimmern der Gemeinde wohnen, obwohl mehr Platz da wäre. „Wir suchen verzweifelt nach Wohnungen für alleinstehende Flüchtlinge“, berichtete er. Harald Huber betonte, das Flüchtlingsgesetz sehe vor, dass der Übergang von der Erst- zur Anschlussunterbringung ein Aufstieg ist. „Viele Gemeinderäte lehnen das aber ab. Da kann der Bürgermeister auch nichts mehr machen“, so lautet seine Erfahrung.

Erschöpft und frustriert

Kirchberg braucht dringend einen Hauptamtlichen in der Schule zur Förderung der vielen Flüchtlingskinder und -jugendlichen, vor allem in der Hausaufgabenbetreuung. „Die Ehrenamtlichen sind erschöpft und frustriert. Die Gruppen sind zu groß und eine konstante Person wäre sinnvoll“, so Cantré. Während die Deutschförderung in der Grundschule gut laufe, seien in der Kirchberger Realschule pro Klasse zu viele ausländische Kinder. Dafür wäre zusätzliches Personal nötig, sagte er.

Vorsicht bei Bürgschaften

Eine Frau aus Satteldorf hatte Fragen zu einer Bürgschaft für Flüchtlinge, etwa für eine Wohnungskaution. Die bezahle in der Regel das Jobcenter, so Holbein. Von Bürgschaften für Verwandte, die einreisen wollen, riet er dringend ab. „Da kann es im Krankheitsfall zu hohen Kosten kommen“, warnte er.

Eine knappe Million für die Integration

Der Kreis Schwäbisch Hall bekommt vom Land 953 704 Euro für das Integrationsmanagement. Wie viel eine Gemeinde erhält, hängt von der Zahl der Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung ab. Auch die Awo und die Caritas sind eingebunden. Ihre Mitarbeiter sind für Hall, Michelbach, Michelfeld und Rosengarten zuständig. Das Landratsamt stellt die Integrationsmanager für den restlichen Kreis. Crailsheim hat mit Edison Istefaj einen eigenen Mann. siba