Wahlrecht 100 Frauen wollen mitreden

Beate Heilenmann kommt am Ende des roten Teppichs an. Sie erreicht das symbolische Ziel eines Platzes in einem Kommunalparlament. Dabei ist sie bereits Gemeinderätin von Michelfeld.
Beate Heilenmann kommt am Ende des roten Teppichs an. Sie erreicht das symbolische Ziel eines Platzes in einem Kommunalparlament. Dabei ist sie bereits Gemeinderätin von Michelfeld. © Foto: tob
Schwäbisch Hall / Tobias Würth 13.11.2018
Das überparteiliche Bündnis „Frapolia“ will mit einem Defilee über einen roten Teppich auf dem Haller Marktplatz für Gleichberechtigung werben.

Vor 100 Jahren wurde das Frauenwahlrecht in Deutschland beschlossen. In fast allen Kommunen des Landes beträgt der Anteil der Frauen in den Gemeinderäten aber nur weniger als 24 Prozent. Nur 6,8 Prozent der Oberbürgermeisterposten werden von Frauen gehalten.

Das überparteiliche Bündnis von Frauen in der Politik mit dem Namen „Frapolia“ will das ändern. „Auch im Haller Gemeinderat ist es ein trauriges Bild: 10 von 34 Stadträten sind Frauen“, berichtet die Haller Gleichstellungsbeauftragte Karin Eißele-­Kraft. Knapp 100 Frauen stellen ihre Schuhe ab, gehen über den roten Teppich. Der ist mit bedrückenden Diagrammen bestückt, in denen die Unterrepräsentation der Frauen in der Politik dokumentiert wird. Bei der Aktion am Montagmittag auf dem Haller Marktplatz bleiben die Frauen weitgehend unter sich. Nur wenige Männer beobachten den Auftritt.

Doch nicht allein die Männer sind schuld. „Je mehr Kandidatinnen, umso mehr gewählte Frauen“, lautet ein Leitsatz auf den ausgedruckten Blättern, die zum Nachdenken anregen sollen.

Skeptische Männer

Dabei ist Ute Zoll, Bürgermeisterin von Vellberg. „Wie ist es, als Frau in der Politik zu sein?“, wird sie gefragt. Sie muss schmunzeln. Eigentlich müsste diese Frage in Zeiten der Gleichberechtigung überflüssig sein. Sie ist es aber nicht. „Ich werde geachtet und ich bin anerkannt“, berichtet Zoll. „Das musste ich mir aber erarbeiten.“ Ein älterer Mann habe ihr am Anfang der Amtszeit misstraut. „,Das schafft doch eine Frau nicht’, hat er gesagt“, erinnert sich Zoll. Mittlerweile habe aber auch dieser Bürger Vellbergs verstanden, dass eine Frau an der Spitze der Stadt ebenso gut regieren kann wie ein Mann. „Ich wünsche mir eine paritätische Besetzung der Kommunalparlamente. Aber nicht durch eine Quote, die nur in bestimmten Fällen sinnvoll ist.“ Das Ziel soll vielmehr durch mehr Kandidatinnen erreicht werden, die sich aufstellen lassen.

Dass sie sich selbst mehr einmischen wollen, scheint Konsens unter den Frauen auf dem Marktplatz zu sein. „Wir Frauen sind Netzwerkerinnen“, erläutert Beate Heilenmann, Gemeinderätin aus Michelfeld. „Niemand weiß alles. Wenn ich mal etwas nicht weiß, frage ich jemanden, der sich auskennt.“

Um als Frau im Gemeinderat zu arbeiten „reicht der gesunde Menschenverstand“, pflichtet Ute Zoll bei.

„Das war die SPD, die das Frauenwahlrecht erkämpfte“, betont Annette Sawade. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete kam extra aus Stuttgart angereist, um bei der Frapolia-Veranstaltung dabei zu sein. „Ich hatte als Frau in der Politik nicht so große Probleme.“ Sie führt das auf ihr Sozialisation in der DDR zurück. „Wir Ostfrauen haben uns gewundert, was bei den Westfrauen los war“, berichtet sie. Was für die Frauen im Osten selbstverständlich war, mussten sich die im Westen erst noch erkämpfen.

Im Mai 2019 stehen Europa- und Kommunalwahlen an. Die Frauen hoffen, dass von dem vor 100 Jahren eingeführten Frauenwahlrecht auch Gebrauch gemacht wird.

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