Für den Sersheimer Bernd Mozer ist völlig klar, was am vergangenen Wochenende am Reutwald seine Ziege gerissen hat: „Das war ein Wolf“, sagt der 47-Jährige. Mit seinen eigenen Augen habe er ihn gesehen: „Er ist ja da am Waldrand gelaufen.“ Am Sonntagmorgen hatte er gemerkt dass die Ziege fehlt, sie dann 200 Meter weg vom ehemaligen landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern gefunden und die Polizei gerufen. Kurz darauf trafen zwei Beamte ein. Als sie gemeinsam das tote Tier beobachteten, hätten sie auch den Wolf am Waldrand gesichtet. „Wir haben auch Spuren entdeckt, die eindeutig von einem großen Hund oder Wolf sind“, sagt Mozer.

Die Vaihinger Polizisten sind sich „relativ sicher, dass es ein Wolf war“, bestätigt Peter Widenhorn, Sprecher des Ludwigsburger Polizeipräsidiums. Ein Indiz für einen Wolf ist, dass nach BZ-Informationen bei der Polizei zu der Zeit kein freilaufender Hund gemeldet war. Allerdings gibt Widenhorn zu bedenken: „Der Wolf wird gerade vielerorts gesehen. In Ditzingen soll er auch unterwegs sein.“ Sollte es ein Wolf gewesen sein, dann nicht aus dem (Luftlinie) etwa zehn Kilometer entfernten Park Tripsdrill: Kein Tier werde vermisst, so eine Mitarbeiterin.

Aufgerissen war der gesamte Brustbereich der Sersheimer Ziege. „Der Herz-Lungen-Bereich war entnommen“, berichtet der Halter. Mozer hält auf dem Hof der Eltern noch zwei Pferde und jetzt nur noch eine Ziege.

Klarheit in drei Wochen

Felix Böcker von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, die die Obduktion des Tieres beaufsichtigt, bestätigt: „Die Ziege ist von einem großen hundeartigen Tier gerissen worden.“ Ob Wolf oder Hund, das soll nun das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt in Stuttgart herausfinden. „Sie untersuchen eine genetische Probe, die am Kadaver gefunden wurde“, sagt Böcker. Die Ergebnisse werden in zwei bis drei Wochen erwartet.

Die Diagnose per Sichtkontakt ist umstritten. Wer sich mit Hunden nicht sehr gut auskennt, läuft Gefahr, einen Wolf mit einem Hund zu verwechseln. Darauf verweist auch Markus Rösler. Der Landtagsabgeordnete der Grünen aus Ensingen (Wahlkreis Vaihingen) ist Wolfsbeauftragter der Naturschutzorganisation Nabu. „Angeblich ist ein Tier beobachtet worden. Aber da wäre ich sehr vorsichtig“, sagt er.

Vermeintliche „Wolfssichtungen“ gibt es immer wieder, sie lassen sich selten nachweisen und sind wohl auch ein Resultat der bisweilen hitzigen Debatte um die Risiken der Wolfsrückkehr ins Land. Doch es gibt auch Hinweise aus der Region, an denen etwas dran sein könnte. Von einem berichtet Markus Rösler. „Jemand, der viel im Wald unterwegs ist, und sich sehr gut mit Wildtieren auskennt, meinte mir gegenüber, Wolfsgeheul gehört zu haben.“ Außerdem will ein Ehepaar bei Korntal-Münchingen einen Wolf nahe der A81 gesehen haben – am Samstag.

Der BZ sagt die Ehefrau, sie sei im Auto gesessen, der Wolf sei auf  das Fahrzeug zugelaufen und schließlich beim Wohngebiet verschwunden. „Der Polizist, der unsere Aussage aufnahm, dachte wohl, wir seien betrunken.“ Darüber habe sie sich geärgert, sei noch mal zurück – und habe das Tier filmen können. Das Video wird von Experten geprüft.

Rösler glaubt dennoch eher nicht, dass die Sersheimer Ziege von einem Wolf gerissen worden ist. „Nichts ist unmöglich, aber es ist eher unwahrscheinlich. Es gibt keinen Kehlbiss.“ Der Biss in die Kehle ist die bevorzugte Tötungsart von Wölfen. Allerdings: Wölfe können durchaus auch an anderen Körperstellen töten.

Es ist nicht unmöglich, dass ein Wolf, zum Beispiel aus Richtung Stromberg, nach Sersheim gewandert ist. Wölfe können in einer Nacht 50 Kilometer zurücklegen, und scheuen nicht vor Straßen – was ihnen bisweilen zum Verhängnis wird. Der erste Wolf, der nach etwa 150 Jahren in Baden-Württemberg gesichtet wurde, war im Sommer 2015 einem Auto bei Lahr zum Opfer gefallen. Im Oktober 2017 wurde der erste Wolfsriss von Nutztieren im Land offiziell bestätigt. Ein Wolf, der vermutlich einen Monat zuvor im Odenwald gesichtet worden war, hatte bei Widdern (Kreis Heilbronn) drei Lämmer getötet.