Sachsenheim / Von Michaela Glemser  Uhr

Wenn sie die Mädchen und Jungen erblicken, laufen die Kleinen sofort auf sie zu, umarmen sie und wollen von ihr auf dem Schoß gehalten werden: Seit Generationen ist Erika Paulo bei den Kindern des Evangelischen Kindergartens „Unterm Weinberg“ in Hohenhaslach beliebt. Schon die Mütter und Väter ihrer heutigen Schützlinge hat die engagierte Erzieherin auf ihrem Weg vom Klein- zum Schulkind begleitet.

Andere Verhältnisse

Im Jahr 1982 hat die heute 66-Jährige ihre Stelle im Evangelischen Kindergarten in Hohenhaslach angetreten. Damals schärfte noch Schwester Irma Bauer von der Großheppacher Schwesternschaft das pädagogische Profil des Kindergartens, und viele Methoden waren für die junge Erika Paulo etwas gewöhnungsbedürftig. „Damals herrschten ganz andere Verhältnisse als heute. Eigentlich hätte ich als Erzieherin noch eine weiße Schürze tragen sollen. Doch das habe ich abgelehnt, genau wie den allzu strengen Umgang mit den Kindern. Mir war es immer wichtig, den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, ihre Stimme wahrzunehmen und ihr Gehör zu verschaffen.“ Ihre Anstellung war damit ein echter Glückgriff für den Kindergarten der Kirbachtalgemeinde, denn schon bald nach ihrem Arbeitsbeginn fing eine Phase des Umbruchs an.

Ein neues pädagogisches Konzept musste erarbeitet werden, an dem Paulo entscheidend mitwirkte. „In dieser Zeit hat sich vieles im Hohenhaslacher Kindergarten geändert. Im Fokus stand für mich dabei immer das Wohl der Kinder, und dass die Arbeit von meinen Kolleginnen und mir in der Öffentlichkeit entsprechende Wertschätzung erfährt. Daher war ich sogar eine Legislaturperiode lang im Hohenhaslacher Ortschaftsrat, um die Entwicklung des Kindergartens auch entsprechend politisch vorantreiben zu können“, erinnert sich Paulo.

Mit dem ehemaligen Sachsenheimer Bürgermeister Andreas Stein hat sie auf diese Weise bei der Umgestaltung des Kindergartens in der Klingenstraße fachkundig zusammengearbeitet. „Ich bin von Natur aus eher ein ruhiger Mensch, wenn ich von etwas überzeugt bin, kann ich aber auch auf den Tisch hauen und meine Meinung vertreten. Für meine Kindergartenkinder habe ich immer gekämpft“, betont Erika Paulo, die selbst zweifache Mutter ist und deren Tochter ebenfalls als Erzieherin in einem Kindergarten arbeitet.

Die Hohenhaslacherin, die in Pommern geboren und in Großsachsenheim aufgewachsen ist, hat die Begeisterung für ihren Beruf daher an ihre Nachkommen weitergegeben. Ihre Arbeit und Fürsorge für ihre Schützlinge war nie zu Ende, wenn sie am Nachmittag die Tür des Kindergartens verschloss. Auch in ihrer Freizeit haben sie die Probleme und Sorgen der Kleinen immer wieder bewegt. „Ich habe vorübergehend mehrmals die Funktion der Kindergartenleitung übernommen, wenn die Stelle unbesetzt war. Mein Beruf ist und war für mich immer eine echte Berufung. Das kann ich bis heute behaupten.“

Vor vier Jahren hat sie sich entschieden, als Erzieherin in die Kleinkindgruppe „Bären“ ab zwei Jahren zu wechseln. „Viele Mütter und Väter waren auch schon bei mir im Kindergarten. Es ist schön, deren Entwicklung verfolgen und heute wieder ihre Kinder begleiten zu können. Daher fällt mir das Loslassen auch nixht leicht“, erklärt die 66-Jährige, die zum Ende des aktuellen Kindergartenjahres in den wohlverdienten Ruhestand eintritt.

Auch in Zukunft wird sie aber noch im Kindergarten „Unterm Weinberg“ aushelfen. Zudem will sie sich weiter in der Mitarbeitervertretung des Kindergartenpersonals im Evangelischen Kirchenbezirk Vaihingen engagieren. „Heute weiß die Öffentlichkeit den Wert der Arbeit, die im Kindergarten geleistet wird, eher zu schätzen als in den Anfangsjahren meiner beruflichen Tätigkeit. Ich fühle mich als Erzieherin heute anerkannter“, sagt Paulo.

Dennoch freut sie sich darauf, künftig mehr Zeit in ihrem geliebten Garten verbringen zu können, oder auf mehr Reisen. Gerne würde Paulo noch einmal auf die Nordseeinsel Helgoland reisen, wo ihr inzwischen verstorbener Mann aufgewachsen ist.

„Den Kindergarten in Hohenhaslach verliere ich aber niemals aus dem Blick. Ich wünsche mir von Herzen, dass dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das im Moment dort zu spüren ist, noch möglichst lange andauert“, hofft Paulo und wischt sich dabei eine kleine Träne aus den Augen.