Schwerpunkt Wenn Vereine die Stadt entlasten

Von Mathias Schmid 15.09.2018

Die Häfnerhalle, die Hohenhaslacher Kelter als Feststätte, der Bahnhof in Großsachsenheim als Ort der Begegnung und allen voran das Schlossfreibad. Diese Einrichtungen würde es in Sachsenheim heute nicht mehr geben, wären nach der Jahrtausendwende nicht zahlreiche Ehrenamtliche eingesprungen. Die Stadt Sachsenheim stand 2003 finanziell schlecht da: Das Landratsamt kassierte den Haushalt und verordnete Sparmaßnahmen. „Im Rahmen der Konsolidierung 2003 hat die Kommune freiwillige Leistungen abgebaut, Vereine und Bürger sind eingesprungen“, erinnert sich Stadtsprecherin Nicole Raichle, „das war damals notwendig, sonst wären die Einrichtungen geschlossen worden“. Nach einem Zurück sieht es bis auf Weiteres nicht aus.

Ein Dorf hält zusammen

Erstes Beispiel: die Häfnerhalle. Zum 1. April 2005 drohte die Schließung, weil die Stadt die Halle nicht mehr unterhalten konnte. Doch das 700-Einwohner-Dorf Häfnerhaslach kämpfte, es gründete sich der Verein „Unser Dorf 2005“, der seither die laufenden Kosten stemmt. Die Stadt greift nur ein, wenn es größere Reparaturen gibt, wie zuletzt die Sanierung des Dachs für 60 000 Euro.

Der Kindergarten, die Männerfit-Gruppe, das Frauenturnen, Fußball und die Feuerwehr – alle nutzen die Halle regelmäßig. „Das war ja der Grund, warum wir sie unbedingt behalten wollen“, sagt Peter Federer, der in diesem Jahr den Vorsitz übernommen hat. Eine wichtige Einnahmequelle sind Veranstaltungen. Deshalb will der neue Vorsitzende die Zahl dieser auch steigern. 2019 soll es im Frühjahr eine Musik- und Tanzveranstaltung sowie im Herbst einen Theaterabend geben. In Zukunft will Liebherr das Angebot ausbauen, „aber ich muss auch erst Erfahrungen sammeln.“

Vereine retten die Kelter

Vermietungen, darauf setzt auch der Kulturring, ein Zusammenschluss der Vereine, in Hohenhaslach. Auch sie müssen die dortige Kelter selbst unterhalten. Erst kürzlich, so betont Ortsvorsteher und Kulturring-Vorsitzender Alfred Xander habe er für 2017 für Versicherungen und Strom 2000 Euro überweisen müssen. Vermietungen sind aufgrund der Nachbarschaft aber schwierig. „Um 22.30 Uhr muss Ruhe sein“, erklärt Xander.

Den Kulturring selbst gibt es schon seit 1991. „Damals haben sich die Hohenhaslacher Vereine zusammengetan und eine übergeordnete Vereinsorganisation gegründet.“ Als 2003 dann die Kelter geschlossen werden sollte, „haben die Vereine gesagt: Das kann nicht sein, wir brauchen die Kelter“, erinnert sich Xander. Schließlich finden hier regelmäßig Feste wie die Motorradausstellung der Motorradfreunde, das Himmelfahrtsfest des Liederkranzes, das Kelterfestle im September oder die Kirbe des Musikvereins im Oktober statt. Dank des Kulturrings auch heute noch.

Freibad von und für Bürger

Die Stadt, zwar nicht mehr pleite, aber nach wie vor klamm, hat Gefallen an der bürgerlichen Hilfe gefunden – nicht nur aus finanzieller Sicht. „Wenn Bürger sich selbst der Dinge annehmen, werden diese teilweise effektiver und direkter am Volk betrieben. Wir sehen das positiv“, betont Stadtsprecherin Raichle.

Bestes Beispiel ist das Schlossfreibad, das seit 2004 vom gleichnamigen Trägerverein geführt wird und seither von Rekord zu Rekord eilt. „Wir haben uns im April gegründet und im August hatten wir schon 1000 Mitglieder“, betont der Vorsitzende Axel Griesbaum. Heute sind es rund 1700 Mitglieder, von denen rund 180 als aktive Helfer kleinere und größere Ausbesserungen vornehmen.

Das Bad ist dank des Vereins top in Schuss, aber nicht nur das: „Es hat sich eine ganz neue Vereinsgemeinschaft gebildet, wir haben viele Projekte gemeinsam durchgezogen“, erinnert sich Griesbaum an die Renovierung des Dachs oder der Umkleidekabinen, „es ist mittlerweile hip, im Freibad zu helfen. Und die Mitglieder sehen es als ihr Freibad.“ Wollte die Stadt den Betrieb wieder übernehmen, Griesbaum wüsste nicht, ob der Trägerverein Schlossfreibad einwilligen würde. „Das wäre keine einfache Entscheidung, man müsste geradezu eine Umfrage machen.“

Ibisa will die Stadt beleben

Zumindest nicht in direkter Verbindung mit den Sparmaßnahmen von 2003 steht die Initiative zur Belebung der Innenstadt Sachsenheim. Der Verein, der seinen Ursprung im Jahr 2014 hat, wollte zunächst einen Lebensmittelmarkt im Zentrum installieren, eine Beratungsstelle riet aber davon ab. Der Verein gründete sich trotzdem, hübschte einen Teil des ehemaligen Bahnhofsgebäudes auf, installierte dort einen Treffpunkt und Veranstaltungsort, zuletzt auch ein Lädle mit Kunsthandwerk und einigen haltbaren Lebensmitteln. Der Verein ist aber mehr als der Tender, wie die Schaltzentrale im Bahnhofsgebäude heißt. „Wir sind für Ideen von Leuten offen, die in Sachsenheim etwas bewegen wollen“, betont der aktuelle Vereinsvorsitzenden Karl Heinz Siber. Im Stadtzentrum hat der Verein beispielsweise eine Rundbank installiert.

Zuletzt ist aber die ehemalige Vorsitzende des Vereins, Heide Frankenhauser, die auch als kreativer Kopf galt, aus persönlichen Gründen ausgetreten. Siber will die übrigen 77 Mitglieder nicht überfordern. „Der Tender bindet 90 Prozent unserer Kräfte.“ Deshalb wird sich jetzt auf die Dinge konzentriert, die schon laufen: Montagsstammtisch, Linsenstüble, Kochabende, Abendveranstaltungen. „Was nicht läuft, ist das Lädle“, erklärt Siber. Deshalb bleibt das erst mal geschlossen. Das Engagement der Bürger für das städtische Leben geht aber bei Ibisa – und vielerorts in Sachsenheim – weiter.

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