Sachsenheim Wenn Rössle und Mummerl tanzen

Von Michaela Glemser 12.02.2018

Trotz eisiger Temperaturen war Alfred Hütter am Samstag richtig warm ums Herz. Dies lag nicht nur am warmen Bärenfell, aus dem nur ein wenig das Gesicht des Sachsenheimers herauslugte, sondern vor allem an der tollen, emotionalen Atmosphäre beim diesjährigen Urzelnlauf. Schon früh am Morgen waren die Hästräger mit ihren Schellen und Peitschen in allen Sachsenheimer Stadtteilen unterwegs. In diesem Jahr machten sie in Spielberg ausgiebig Station, um auch die Bevölkerung im Kirbachtal mit ihren Brauchtumsvorführungen zu erfreuen.

Höhepunkt war schließlich um die Mittagszeit der große Empfang auf dem Äußeren Schlosshof, bei dem rund 350 Urzeln aus ganz Deutschland vom Kindesalter bis zur reiferen Generation mit den zahlreichen Zuschauern feierten. Grußworte gab es von Bürgermeister Horst Fiedler „Schon mein Vater war früher der Bär bei den Brauchtumsvorführungen, und ich wollte immer in seine Fußstapfen treten“, berichtete Alfred Hütter, der als Bär gemeinsam mit Dieter Fielk als Kronenträger und Wilfried Goos als Bärentreiber die Zunft der Kürschner repräsentierte. Seine Familie stammt aus Agnetheln in Siebenbürgen. „Daher war für mich bereits als kleiner Junge klar, dass ich eines Tages selbst beim Urzelnlauf dabei sein will.“

Besonders Dieter Fielk brauchte an diesem Tag viel Muskelkraft, denn er trug auf einem großen Stock die rund 50 Kilogramm schwere Kürschnerkrone, auf der sich vier Füchse und vier Marder mit je einem Ei im Maul drehen. „Damit soll der Lauf des Lebens symbolisiert werden. Ich trage die Krone jetzt seit zwei Jahren beim Urzelnlauf, und diese Aufgabe erfüllt mich mit Stolz“, betonte Dieter Fielk, der ebenfalls aus Agnetheln stammt, aber inzwischen in Flein lebt.

Aber nicht nur die drei Brauchtumsfiguren der Kürschnerzunft, auch der Paradhauptmann Horst Stirner, flankiert von seinen zwei Engeln Paul Kleinschmitz, und Oliver Schlag als Vertreter der größten Zunft der Schuster, das Schneiderrössle Christian Lang und sein Mummerl Christiane Lang als Repräsentanten der Zunft der Schneider sowie die Reifenschwingerinnen Biggi Andree, Maja Bitto-Fielk und Nicole Auchter für die Zunft der Fassbinder tanzten auf dem Schlosshof. Besonders viel Fingerspitzengefühl war dabei von den Reifenschwingerinnen gefragt, die bis zu sechs gefüllte Weingläser in den rot-weiß gestreiften Ringen mit atemberaubender Geschwindigkeit kreisen ließen, ohne dass auch nur ein Glas zu Bruch ging. „Ich mache das jetzt schon seit 15 Jahren. Es ist wichtig, dass die Hand ruhig bleibt, und der Reifen immer schön durchgezogen wird“, erklärte Maja Bitto-Fielk. Es habe auch schon einen Reifenschwinger gegeben, der neun volle Weingläser kreisen ließ. „Allerdings hatte der Reifen dabei auch noch einen kleineren Ring in der Mitte.“

Zunftmeister Thomas Lutsch von der Urzelnzunft Sachsenheim gab sein Bestes, um den Zuschauern trotz Tonproblemen die einzelnen Darbietungen und ihren historischen Ursprung genau zu erklären. Ursprünglich begleiteten die Urzeln in Agnetheln die Handwerkergesellen der unterschiedlichen Zünfte, die die Zunftlade vom alten Gesellenmeister zum neu gewählten brachten. „Ich bin mit drei Jahren schon auf den Schultern meines Großvaters beim alljährlichen Urzelnlauf mit von der Partie gewesen. Das ist einfach ein Lebensgefühl und ein Stück Heimat, das wir bewahren müssen“, machte Bärentreiber Wilfried Goos deutlich. Auch Zunftmeister Lutsch unterstrich, dass seit dem Jahre 1965 der Brauch des Urzelnlaufs in Sachsenheim kontinuierlich gepflegt werde und kaum Veränderungen erfahren habe.

Zu dieser Tradition gehört auch der Stopp vor der evangelischen Kirche und dem Pfarrhaus von Pfarrer Dieter Hofmann, denn auch dies war früher in Agnetheln üblich. Weiter ging es in die Sporthalle im Schulzentrum Großsachsenheim, wo die kleinen und großen Urzeln nicht nur ihren Ruf „Hiiirräi“ erschallen ließen, sondern auch viele Lieder aus ihrer Heimat Siebenbürgen sangen. Während im Äußeren Schlosshof der Musikverein Stadtkapelle Sachsenheim für Unterhaltung sorgte, spielte in der Sporthalle die eigene Band der Urzeln „Kuba“ auf. Am Abend schließlich luden die Urzeln zu ihrem großen Ball, bei dem bis spät in die Nacht hinein pure Feierstimmung herrschte.

Urzeln-Baby wartet – Familie Borschosch zieht mit

Seit vielen Jahren ziehen auch Holger und Mandy Borschosch – und seit einiger Zeit auch Sohn Luca Alexander – aus der Nähe von Kaufbeuren mit den Scharen von anderen Hästrägern am Urzelntag durch Sachsenheim (die BZ berichtete). In diesem Jahr stand die Teilnahmen auf der Kippe, denn Mandy Borschosch ist schwanger, erwartet eine Tochter. Und der errechnete Geburtstermin fiel genau auf den 10. Februar, den diesjährigen Urzelntag. Doch die Kleine ließ sich Zeit und die Familie war auch in diesem Jahr beim Brauchtumszug dabei. Im kommenden Jahr wird die Familie den Weg nach Sachsenheim – rund 230 Kilometer – dann wohl zu viert auf sich nehmen. mig