Sachsenheim / Mathias Schmid

Raus in die Natur, abschalten, sich vom Alltagsstress erholen – welcher Ort würde sich da besser eignen als der Wald. Und in Sachsenheim gibt es davon jede Menge. Doch Gabi von Witzleben, Yogalehrerin und Naturfreundin, trifft bei ihren Streifzügen quer durch die Wälder selten jemanden. Auch deshalb bietet die 48-Jährige  Kurse im Waldbaden an. „Im Prinzip ist es nichts anderes als im Wald spazieren zu gehen“, sagt sie. Die BZ wollte herausfinden, was es damit auf sich hat – und wieso man in den Wald gehen lernen muss.

Gleich am Ortsausgang von Großsachsenheim in Richtung Hohenhaslach geht es hinein und die unendlich erscheinende Natur. Gabi von Witzleben kennt diesen Weg nur zu gut. Schon ihr ganzes Leben geht sie mehrmals wöchentlich in den Wald. Alleine. Ganz für sich. „Wie Urlaub“ sei das jedes Mal für die gelernte Gerichtsvollzieherin, die aktuell als Yoga-Lehrerin arbeitet. „Es ist eigentlich unfassbar: Man trifft am Anfang ein paar Hundehalter, ab und an noch einen Pferdehalter. Aber im Wald sehe ich kaum jemanden. Das erstaunt mich noch immer“, sagt sie.

Seit drei Jahren gibt es die Kurse

Seit gut drei Jahren bietet sie deshalb Waldbaden-Kurse an. Sie will so den Leuten die Schönheit der Natur zeigen. „Viele Leute haben Angst vor der Natur, zum Beispiel dass sie sich verlaufen.“ Auch andere Dinge wie Fuchsbandwurm oder Zecken seien „ein Thema“. Für Gabi von Witzleben ist der Wald dagegen eine Lebenseinstellung: „Vor allem jetzt im Frühjahr, wenn alles erwacht und die Baumkronen noch nicht so dicht sind, ist es besonders schön.“

Vier bis fünf Stunden dauert ein Spaziergang. Und der geht nicht über Wege, sondern oft quer durch die Natur. Genau das macht das Waldbaden aus. „Man hält sich im Wald auf, ohne Ziel, lässt sich treiben. Und man verweilt immer wieder. Beim Waldbaden soll in die Waldatmosphäre eingetaucht werden. Das schafft man nicht, wenn man sportlich unterwegs ist.“

Wenn sie mit ihren Schülern loszieht, hat sie immer selbst gebackene Laugenbrötchen und Tee dabei. Während des Spaziergangs hält die Gruppe immer wieder inne, macht ein paar Yogaübungen, um den Wald intensiver zu spüren. „Das sind ganz einfache Asenas im Stehen, die jeder mitmachen kann.“ Auf einer Lichtung legen wir unsere Sachen ab, beginnen tief zu atmen, uns zu drehen zu strecken, zu öffnen. Mal mit geschlossenen, mal mit offenen Augen. Ganz im Stillen. Plötzlich nimmt man nicht nur Vogelgezwitscher, sondern auch den Wind, der durch die Bäume pfeift, das Summen und Zirpen von Insekten. Und man fühlt sich ruhig, ja befreit.

Nur wenige Male pro Jahr lehrt Gabi von Witzleben das Waldbaden. „Ich mache dafür nicht groß Werbung. Die meisten Teilnehmer sind meine Yoga-Schüler, hauptsächlich Frauen mittleren Alters.“ Die bringen manchmal auch ihren Partner oder ihre Kinder mit. „Ein paar Männer sind auch jedes Mal dabei.“

Die Sinne aktivieren

Alle Sinne sollen dabei aktiviert und verbunden werden. werden. Als esoterisch will sie das Waldbaden nicht verstanden wissen, eher als ein Zu-sich-Kommen. „Für mich ist das eine Art Meditation. Ein wenig esoterisch, das gibt sie zu, wird es dann aber doch, als sie einen Baum umarmt. „Das gibt unglaublich viel Kraft“, sagt sie.

Da Gabi von Witzleben „auch noch Kräuterfrau“ ist, erklärt sie auch Wirkung und Heilkraft aller möglicher Gewächse. Tagelang könne sie sich jetzt im Frühjahr von den Pflanzen, die im Wald wachse ernähren, dazu nur ein bisschen selbst gebackenes Brot. „Der ganze Wald ist voller Superfood.“ Allerdings müsse man sich auskennen. „Ich empfehle, eine Pflanzenart zuerst ein ganzes Jahr lang zu beobachten, bevor man sie erntet.“

Ein bisschen Wasser kommt beim Baden im Wald dann doch noch ins Spiel: beim Kneipen im Kirbach. Wie die Störche geht es durch das noch recht kühle Nass. Von Witzleben macht das nichts aus. Minutenlang kann Gabi von Witzleben das. Der Ungeübte ist da schon lange wieder im Trockenen. „Danach ziehe ich Wollsocken an und schlüpfe wieder in die Schuhe.“

Fazit: Es stimmt, der Wald spendet Kraft und Ruhe und lässt einen runterkommen. Wenn manche Leute dafür heutzutage eine Anleitung brauchen, ist der Trend Waldbaden nur zu begrüßen.

Waldbaden: Die Spur führt nach Japan

„Shinrin Yoku“ ist japanisch und heißt so viel wie: „Baden in der Waldluft“, schreibt beispielsweise Annette Bernjus, ausgebildete Entspannungspädagogin und Stress- und Burnout-Coach auf ihrer Webseite.  „In Japan zählt das Waldbaden längst zur ganzheitlichen Gesundheitsvorsorge: Die Einladung, in den Wald zu gehen, die Natur auf sich wirken zu lassen, nicht zu denken und die Ruhe und Unaufgeregtheit der Natur zu genießen“, schreibt sie an anderer Stelle. msc

www.waldbaden.com