Von Mathias Schmid

Matthias Kurz ist kein Idealist. Er weiß auch, dass sich sein Hof in Hohenhaslach am Ende des Tages rechnen muss. Dennoch geht er für das Tierwohl auch immer wieder neue Wege, wie als Mitbegründer der Huhn-und-Hahn-Initiative in Baden-Württemberg. Aus Überzeugung und auf Kundenwunsch.

Geschredderte Küken waren vergangenes Jahr kurzzeitig der Aufreger. Doch nach der allgemeinen Empörung schauen viele Kunden wieder vor allem auf den Preis. Während die Politik auf die In-Ovo-Methode wartet, mit der schon die Eier selektiert werden können (siehe Infobox), setzt die Huhn-und-Hahn-Initiative auf die Aufzucht der männlichen Tiere. „Das ist eher ein ethisch-moralisches Problem, wenn die Küken gleich nach der Geburt wieder getötet werden“, verweist Kurz. Denn geschlachtet werden sie am Ende bei ihm auch. Aber eben erst nach 15 bis 20 Wochen.

„Wir haben mit der Initiative eine Nische besetzt“, sagt Kurz. Nicht nur der Kundenwunsch war dabei Motivation. „Jeder Landwirt ist auch ein Mensch mit Gefühlen. Uns tut das auch weh, wenn die Küken getötet werden.“ Die Nachfrage nach den Bruderhahn-Eiern vom Geflügelhof Kurz steigt weiter, wenn auch nicht mehr so wie zu Beginn.

„Wir haben bereits die Genehmigung für zwei weitere Mobilställe, aber die Schwelle ist noch nicht erreicht“, erklärt der 47-Jährige. Vor allem beim Verkauf des Hahnfleischs. „Die entscheidende Stelle ist: Was machen wir mit dem Hahn, wenn er großgezogen ist“, erklärt der Hohenhaslacher Landwirt. Denn die männlichen Tiere der Lege-Rasse Lohmann Braun Classic setzen deutlich weniger Fleisch und Fett an als extra dafür gezüchtete Masthühner. Es gibt kaum Brustfleisch. Und trotzdem müsste man aufgrund der längeren und futterintensiveren Aufzucht eigentlich rund 30 Euro pro Kilo verlangen. Um auf einen akzeptablen Preis zu kommen, werden auf die die Eier der Lege-Schwestern drei bis sechs Cent draufgeschlagen. „Die Hühner sponsorn damit sozusagen die Aufzucht ihrer Brüder“, meint Kurz. Dennoch bleibt es schwierig.

Kurz verkauft die Hähne am Stück. Das geht durch den direkten Kundenkontakt im Hofladen und auf Wochenmärkten gut. Andere Betriebe, die beispielsweise nicht selbst schlachten, haben da schon größere Probleme. Denn während die Eier aus der Initiative sich auch über Supermärkte gut vermarkten lassen, sieht es beim Fleisch anders aus. Aus „vielerlei Gründen“, wie Kurz erklärt. Ein Beispiel: „Die Hähne verkaufen sich nicht von alleine, weil das Produkt preislich nicht attraktiv ist.“ Ein wichtiger Partner der Initiative ist Bürger. Das Unternehmen produziert jetzt eine Maultasche mit Fleisch der Hähne.

Bei der Huhn- und Hahn-Initiative sieht Kurz durchaus auch einen kritischen Ansatz: Denn außer der längeren Mastzeit brauchen die Hähne auch generell mehr Futter, um Fleisch anzusetzen. Bis zur Schlachtung fressen sie drei- bis viermal so viel wie ein Masthähnchen, das nach fünf bis zwölf Wochen geschlachtet wird. „Aus Sicht einiger ist das auch Ressourcen-Verschwendung“, meint Kurz, „ich bin da unschlüssig. Aber so lange Getreide in Biogas-Anlagen verheizt wird, sehe ich dieses Argument für meine Bruderhähne nicht als gewichtig an.“

Neben den 550 Mobilstall-Hennen – und ungefähr ebenso vielen Hähnen – hat Kurz 8000 Hennen in Boden- und 4500 in Freilandhaltung, dazu rund 11 000 Hühner in Naturland-Bio-Haltung auf dem Bromberghof. Hier lege er schon immer Wert darauf, dass die männlichen Küken der für seinen Hof gebrüteten Tiere nicht geschreddert, sondern „sinnvoll verwendet“ werden. Beispielsweise als Futter in Wildparks oder bei Falknereien. Dort sind die Küken laut Kurz begehrt, „weil diese gerade frisch geschlüpften Tiere nicht keimgefährdet sind“.

Mit der In-Ovo-Methode gegen das Kükentöten

„In Ovo“ ist lateinisch für „im Ei“. Mit der In-Ovo-Methode soll frühzeitig bereits im Ei erkannt werden, ob es sich um ein männliches oder weibliches Küken handelt. So könnten die männlichen Tiere der Lege-Rassen aussortiert werden, noch ehe sie schlüpfen. So soll das Küken-Töten verhindert werden. Ob und inwiefern aber beispielsweise Bio-Verbände mitmachen, ist offen, erklärt Matthias Kurz. Schließlich wird hier auch getötet – und zwar der Embryo. „Ab dem neunten Tag empfindet dieser Schmerz. Die Erkennung müsste also davor möglich sein“, meint Kurz. Wann In-Ovo marktreif ist und flächendeckend eingesetzt werden kann, ist offen. Denn auch hier darf der Kunde für das Ei am Ende nicht deutlich mehr bezahlen müssen. msc