Sachsenheim Weltenbummler aus dem Kirbachtal

Von Mathias Schmid 06.07.2018

Ochsenbach im Kirbachtal ist eine Idylle – und trotzdem zieht es auch von dort Leute in die große weite Welt. Zum Beispiel Thorsten Merkle. In Ochsenbach als Sohn der ehemaligen Schwanen-Wirte aufgewachsen, hat er mittlerweile große Teile der Welt bereist. Nach Catering-Aufträgen bei Fußball-Weltmeisterschaften ist der gerade einmal 40-Jährige in der Schweiz sesshaft geworden.

„Mich hat es von Anfang an in die Ferne gezogen“, erinnert sich Thorsten Merkle. Als Kind in einer Gastwirtschaft half er relativ früh im Schwanen mit. Nach dem Wehrdienst als Fallschirmjäger in Calw studierte Merkle in Heilbronn Tourismusbetriebswirtschaft, half nebenbei weiter zu Hause. Schon damals absolvierte er aber Praxissemester in Kapstadt und in Paarl in den südafrikanischen Winelands.

Plötzlich WM-Caterer

Schon bei seiner ersten Arbeitsstelle bei den Neckarwerken in Stuttgart war er an der Leitung von 13 Kantinen und der Versorgung bei verschiedenen Events und ganzer Messen beteiligt. In dieser Zeit reifte in ihm die Entscheidung, den Schwanen nicht von seinen Eltern zu übernehmen. „Für mich hat sich herauskristallisiert, dass ich meine Zukunft nicht in Ochsenbach sehe. Bei meinen Eltern und den mittlerweile verstorbenen Großeltern hat das schon Enttäuschung ausgelöst“, erinnert er sich.

Seine Entscheidung brachte ihn um den ganzen Globus. 2004 wurde er von heute auf morgen zum Catering-Leiter für die Fußball-WM 2006 in Deutschland. „Der DFB suchte jemanden, der das Stadioncatering managt. Das war ein netter Zufall, Fußball war überhaupt nicht auf meinem Zettel“, betont er. Beim Turnier war er verantwortlich für die Verpflegung von Zuschauern, Spielern, Fans und allen Mitverantwortlichen. „Wir haben kiloweise Eis transportiert“, erinnert er sich, „nachts musste man schon auch mal zur Tankstelle und einen Energy Drink holen. Da hat man wirklich die wildesten Chosen erlebt.“

Danach stieg Merkle als Leiter globales Qualitätsmanagement in Berlin ins Gebäude- und Qualitätsmanagement ein. „Die Firma war in 26 Ländern aktiv, beispielsweise  Vietnam, China oder Rumänien“, erinnert der Ochsenbacher sich. Vor der Fußball-WM 2010 in Südafrika erreichte ihn erneut das Angebot, dort das Catering zu übernehmen. Mehr als zwei Jahre leitete er dieses Projekt von Johannesburg aus. „Wir waren verantwortlich für 260 000 Hospitality-Gäste.“

Nebenher machte er ein MBA-Studium, die Prüfung legte er in der Deutschen Botschaft in Pretoria ab. Ein Auslandsseminar führte ihn nach Peking. „Ich wollte da gar nicht hin, ich war ja schon im Ausland“, erinnert er sich. Doch wie es der Zufall will, lernte er dort seine heutige Frau Gabriela Cotting kennen. Zwei Jahre lebten sie in einer Fernbeziehung zwischen Johannesburg und dem Wallis. „Jedes dritte Wochenende bin ich zu ihr geflogen. Die Stewardessen kannten mich schon.“

2011 zog auch Thorsten Merkle in die Schweiz, wo er bis heute lebt. Mit drei Kollegen baute er ein Unternehmen auf, das sich auf Hospitality-Leistungen für weltweite Großveranstaltungen spezialisiert hatte. Mit diesem zog Merkle zum dritten Mal ein WM-Catering an Land: das zur Endrunde 2014 in Brasilien. Vor der WM klinkte sich Merkle aber aus. „Für mich war irgendwo klar: Ich will mich in eine andere Richtung entwickeln. Bei diesem ganzen WM-Gedöns lebt man wie in einer Plastikwelt, wie in Disneyland.“ In der Folge arbeitete er als Hochschuldozent und promovierte berufsbegleitend in England zum Philosophie-Doktor.

Heute leitet Thorsten Merkle an der Hochschule für Wirtschaft und Technik in Chur als Studienleiter die Tourismus-Ausbildung – und reist immer noch gelegentlich. „Die Hochschule hat eine Partner-Uni in China, wir unterrichten in Shanghai in einem Kooperationsstudiengang und bieten Absolventen von dort die Möglichkeit, bei uns ihren Bachelor zu machen.“

 Anfang des Jahres haben Thorsten Merkle und Gabriela Cotting geheiratet. Ganz im Stile seines bisherigen Lebens – nicht einfach in der Schweiz oder in Deutschland, sondern in Japan. „Wir wollten diesen Moment ganz für uns haben“, erinnert  sich der Weltenbummler. Dafür mussten die beiden jedoch einiges auf sich nehmen: „Am Ende haben wir es tatsächlich geschafft mit zig Dokumenten, Übersetzungen und Beglaubigungen, sowohl standesamtlich als auch kirchlich zu heiraten.“

Die Eltern, Gerlinde und Herbert Merkle, leben nach wie vor in Ochsenbach, der Schwanen ist seit 2008 geschlossen. Früh sei klar gewesen, dass auch sein Bruder Tim den elterlichen Betrieb nicht habe übernehmen wollen. „Das Restaurant war mehr als 100 Jahre ein Familienbetrieb“, bedauert auch Thorsten Merkle dessen Ende ein wenig. Viele Jahrzehnte lang war die Gaststätte ein beliebter Anlaufpunkt und weit über die Grenzen Sachsenheims hinaus bekannt. Gerlinde und Herbert Merkle sind nach dem Ruhestand ebenfalls zu Weltenbummlern geworden. Über die Stiftung der deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit Senior Experten Service (SES) gehen sie als eine Art Entwicklungshelfer Hoteliers und Wirten mit ihrem Fachwissen zur Hand (die BZ berichtete).

Thorsten Merkle selbst kommt jedes Jahr ein paar Mal in die Kirbachtal-Gemeinde – nicht ohne Widrigkeiten. Denn wegen des guten Bus- und Bahnverkehrs in der Schweiz besitzen er und seine Frau kein Auto. „Wenn ich mich mit dem Zug nach Stuttgart und Sachsenheim aufmache, ist die öffentliche Infrastruktur schon teilweise etwas heruntergekommen“, meint er mit Blick auf Bahnhöfe und Wartehäuschen. Ist er dann erst mal in Ochsenbach angekommen, genießt er die Idylle. „Ich fühle mich wohl hier, aber es ist nicht mehr meine Heimat. Das ist ganz klar die Schweiz. Ich war viele Jahre unterwegs und hatte kein Zuhause, das habe ich jetzt wieder gefunden“, ist er glücklich.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel