Oh süüüüß!“ Sobald die Fünftklässler durch ein Fenster in den riesigen Hühnerstall schauen durften, wurden erst einmal Nasen und Handys an die Scheibe gedrückt. Der Geflügelhof von Familie Grau in Sersheim war kürzlich Schauplatz einer etwas anderen Unterrichtseinheit. Den Tag der Kleinglattbacher Realschüler gestalteten junge Leute im Rahmen ihrer Ausbildung zu Landwirtschaftsmeistern oder Lehrern.

Hautnah am Federvieh galt es, im praktischen Unterricht allerlei Aufgaben zu lösen. Dass die flauschigen Tierchen gerade mal vier Tage alt waren, rief bei den jugendlichen Forschern umso mehr Entzücken hervor. Teils waren sie in den Vorräumen, teils direkt im Stall am Werk. Entsprechende Schutzkleidung durfte aus hygienischen Gründen oder zum Eigenschutz nirgends fehlen. Mal waren es Überzieher für die Schuhe, mal Einweg-Overalls fürs ganze Kind und bei der Feststellung des pH-Werts mussten Schutzbrillen getragen werden. Das Projekt unter dem Titel „Landwirtschaft macht Schule“ ist in Zusammenarbeit der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und der Akademie für Landbau und Hauswirtschaft Kupferzell entstanden.

Eine ganze Klasse Fünfer von der Ottmar-Mergenthaler-Realschule, elf Biologie-Lehramtsstudentinnen und 24 angehende Landwirtschaftsmeister haben gemeinsam den Hoftag in Sersheim gestaltet. Ganz konzentriert auf ihr neues Grüppchen sagte Peggy Kintzinger vor sich hin: „Ich versuche, mir die Vornamen zu merken.“ Derweil sorgte Dominik Stier an ihrer Seite schon einmal für etwas Ruhe. „Jetzt die Handys weg“, forderte er die Kinder auf, für die alles neu und wahnsinnig spannend war. Thema der Station: Was für Elemente gibt es in dem Hühnerstall im XXL-Format, und wofür könnten sie wohl gut sein? Bei 20 000 Tieren in jedem der vier Ställe herrschte ein ständiges Gewusel. Näher unter die Lupe nahmen die Fünftklässler zum Beispiel das Einstreumaterial. Eigenhändig füllten sie Stoffe wie Katzenstreu, Häckselstroh und Holzspäne in Messbecher, gaben eine genau festgelegte Menge Wasser dazu und schauten nach intensivem Rühren ganz genau hin. Wie viel Wasser lässt sich aufsaugen? Wie stark vergrößert sich das Volumen beim Aufquellen? Schnell war den Kindern klar, dass die Profis in Sersheim Dinkelspelz nicht ohne Grund verwenden.

Dass Wissen, das sich Schüler und Auszubildende selbst erarbeiten, am allerbesten hängenbleibt, betonte bei der Projektvorstellung auch Andrea Bleher seitens des Bauernverbands. Für Dr. Frank Rösch (PH Ludwigsburg) ist es ein wichtiges Argument, dass Schüler lernen, aus eigener Anschauung einzuschätzen, wie sie Informationen bewerten müssen. „Es ist ganz wichtig, außerschulische Lernorte mit einzubeziehen“, forderte er. Die Kinder, die den Tag auf dem Bauernhof verbrachten, waren mit Feuereifer dabei. Auf dem Weg zur Luftwaschanlage – der strenge Geruch nach Ammoniak wird regelrecht aus der Abluft gewaschen – ging es durch den Matsch. Ansonsten waren sie in den Vorräumen oder den auf 35 Grad geheizten Ställen unterwegs.

Berührungsängste gab es da nicht lange. „Es ist auch für die Landwirtschaft ganz wichtig, Transparenz zu schaffen“, sagte Christiane Matthäus von der Akademie für Landbau und Hauswirtschaft. Mit Blick auf ihre Meisterschüler setzte sie hinzu: „Ihre Begeisterung ist jetzt auch größer als am Anfang des Projekts.“ Wenn sie später landwirtschaftliche Betriebe führen, solle es eine Selbstverständlichkeit sein, sich von denjenigen über die Schulter schauen zu lassen, denen die Herkunft ihrer Lebensmittel nicht egal ist.

Den Kindern auf dem Hof war es reichlich egal, welche pädagogischen Ansätze hinter dem Projekt stehen. Sie übertrugen ihre Messwerte vom Versuch mit den Einstreumaterialien auf Auswertebögen. An der nächsten Station beobachteten sie konzentriert die kleinen Hühner, ob sie sich augenscheinlich wohl fühlen oder ob es Probleme gibt. Manche machten auch ihre Witze über die zukünftigen Chicken Nuggets, die noch durch den Stall liefen. Dass die süßen Federbüschel in etwa einem Monat mit anderthalb Kilogramm Gewicht im Schlachtbetrieb landen, spielte in dem Moment keine große Rolle. Aber beim nächsten Hähnchen vom Grill oder der Portion Nuggets haben die Kinder nun zumindest eine Vorstellung von der Nahrungskette.