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Sachsenheim / Von Mathias Schmid  Uhr

Günter Dick ist passionierter Radfahrer. 2002 zum Beispiel fuhr der aktuelle Fraktionsvorsitzende der Grünen Liste Sachsenheim (GLS) im Gemeinderat die „Tour de Jumelage“ von Sachsenheim bis in die Partnerstadt Valréas. Und vor seiner Pensionierung im vergangenen Jahr legte er den Weg zur Arbeitsstätte, der Stadtverwaltung Güglingen, mehr als zehn Jahre mit dem Rad zurück. Er kennt Sachsenheims Radwegenetz bestens – und ist unzufrieden. Das zeigt er BZ-Redakteur Mathias Schmid auf einer Radtour von Großsachsenheim nach Häfnerhaslach und zurück.

Seit Dick vor 20 Jahren in die Kommunalpolitik eingestiegen ist, setzt er sich für einen durchgängigen Radweg durch Sachsenheim ein. Den gibt es zwar bereits, aber für Dick ist dieser an vielen Stellen unbefriedigend: Weite Teile führen über nicht asphaltierte Feldwege oder über die Straße. Außerdem geht es seiner Meinung nach unnötig oft bergauf und -ab.

Für ihn steht das Thema nach wie vor zu wenig im Fokus. Auch wenn der Gemeinderat die Stadt schon 2018 beauftragt hatte, einen Lagebericht abzugeben. Den legte die Stadt Ende des Jahres vor: Eine Schwäche sind demnach tatsächlich gemeinsam genutzte Verkehrsräume von Rad- und Autofahrern. Brennpunkte gebe es aber vor allem bei Straßenquerungen außerorts. Und: Die Beschilderung soll verfeinert und überarbeitet werden. Auch die Untergründe seien teilweise rutschig, bewachsen oder weisen Unebenheiten auf.

Die Stadtverwaltung betont auf BZ-Nachfrage, dass aktuell eine Radwegekonzeption erstellt wird, „die wir hoffentlich noch in diesem Jahr vorstellen können“, sagt Sprecherin Nicole Raichle. „Es ist ein Ziel, das wir langfristig anstreben sollten, 20 Jahre plus“, sagt Dick, „jedes Jahr für 50 000 Euro ein Stück Radweg ausbauen. Das würde uns enorm voranbringen.“

Zu wenig Schilder?

Die Tour mit der BZ startet hinter dem neuen Pflegeheim in Großsachsenheim am Ortsausgang Richtung Bietigheim. „Hier führt ein wunderschöner Feldweg an der Stadt vorbei. Von Bietigheim kommend müsste man nicht einmal nach Sachsenheim rein, wenn man das Ziel Hohenhaslach hat“, sagt er. Aber: „Dieser Weg ist nicht ausgewiesen“, laut Dick keine Seltenheit. „Dabei sollten auf den Schildern eigentlich immer das nächste und ein mittelfristiges Ziel ausgeschrieben sein.“

Für den ortskundigen Radler ist das kein Problem. Dick kennt zahlreiche – mehr oder weniger zufriedenstellende – Alternativrouten. So beispielsweise nach der Unterführung Klingenbergstraße. Die grünen Pfeile auf den weißen Tafeln, die eine Radroute vorschlagen, leiten auf die Straße, wir nutzen einfach die verkehrsarme Parallelstraße.

Abenteuerlich wird es auf dem Weg nach Hohenhaslach: Statt der vorgeschlagenen Radroute über den Schottensteinweg, vorbei am Großsachsenheimer Waldspielplatz, fahren wir nahe des Edeka-Markts über den Kirbach und entlang des Gewässers über Wald und Wiesen in Richtung Rechentshof. Es geht über matschige Waldwege und schmale Trampelpfade. Nicht, weil Dick diesen Weg besonders praktisch findet, sondern weil er eine Idee hat: „Hier könnte man langfristig planerisch einen Radweg angehen.“ Betoniert, versteht sich.

Massive Konflikte mit dem Naturschutz wären vorprogrammiert. Für Dick steht aber im Vordergrund, Autos von der Straße zu bekommen. „Ich sage nicht, dass es die Ideallösung ist, aber es wäre sinnvoll, anstatt einen Weg an der Straße entlang durch den Wald zu bauen.“ Wobei auch das nicht wirklich zur Debatte steht. Für die Verwaltung in Sachsenheim ist ohnehin klar: „Radwege müssen nicht asphaltiert sein, geschottert reicht aus.“ Das sieht Dick anders. „Es geht ja auch um den Komfort und darum, wie schnell ich von A nach B komme.“ Vor allem Letzteres sei entscheidend, wenn es um die Frage geht: Lasse ich das Auto stehen?

Das größte Konfliktpotenzial liegt – nicht nur aus Dicks Sicht – zwischen dem Kirbachhof und Häfnerhaslach. Hier führt die grün-weiß ausgeschilderte Radempfehlung über die Kreisstraße 1642. Die geschotterte Alternative führt durch den Wald über die Ländereien des Grafs von Nesselrode, und somit über Privatbesitz. Aus Haftungsgründen ist diese Route nicht als Radweg (allerdings als Wanderweg) ausgeschrieben (die BZ berichtete).

Bei Gesprächen zwischen Stadt und Graf ist es laut Verwaltung zu Zerwürfnissen gekommen. Dick plädiert dafür, die Gespräche unter dem neuen Bürgermeister Holger Albrich wieder aufzunehmen. Denn die Alternativen kommen nicht voran: Das Landratsamt will in Verbindung mit dem Ausbau der Kreisstraße zwischen den beiden Ortsteilen auch einen Radweg entlang der Straße oder des Kirbachs realisieren. Die Planungen liegen in der Schublade. Bisher gestaltet sich der dafür nötige Ankauf von Flächen aber schwierig.

Für Dick geht es auch darum, das touristische Potenzial zu stärken. Das sehen Touristen und Einheimische genauso. Eine Radler-Gruppe aus Ludwigsburg hat erst in Häfnerhaslach erfahren, dass es eine alternative, wenn auch inoffizielle, Route zur Straße in den Ort gibt. „Bis Hohenhaslach läuft es gut, danach wird es schwierig“, sagt einer von ihnen.

Das spiegelt auch die Meinung von Werner Stuber und, wie er berichtet, vieler seiner Gäste wider. „Das sind die schlechtesten Radwege in der ganzen Region“, schimpft der Häfnerhaslacher Besen-Wirt der selbst viel mit dem Rad unterwegs ist. Das sei natürlich kontraproduktiv, wolle man Tagesausflügler locken. „Schade, denn ein bisschen Tourismus können wir hier ja schon bieten. Wir machen ja auch Werbung dafür.“

An diesem Donnerstagmittag ist der Weg auf der Straße zurück nach Ochsenbach kein Problem: Vier Autos fahren vorbei. „In der Rushhour kann es hier aber richtig gefährlich werden“, sagt Dick mit Blick auf LKW-Verkehr und Raser. Einen Radweg nach seinem Geschmack zeigt er gegen Ende der Tour: der Heinzenberger Weg von Hohenhaslach nach Kleinsachsenheim. Hier geht es relativ ebenerdig auf einer breiten Straße voran. „Das zeigt doch, wie gut man auf einem Radschnellweg vorankommt“, meint Dick. Nur: Auch hier müssen sich die Radler die Straße mit den Autofahrern teilen.

Die Zahlen: Einmal Großsachsenheim-Häfnerhaslach und wieder zurück

Viele Wege führen nach Großsachsenheim und Häfnerhaslach, zwei davon hat Günter Dick jetzt BZ-Redakteur Mathias Schmid gezeigt. Das sind die Kennzahlen, die – je nach Route – ungefähr auf Nachahmer zukommen:

41,5 Kilometer führen über Wege unterschiedlichster Befestigung.

473 Höhenmeter sind wegen der unterschiedlichen Höhen der sechs Stadtteile, aber auch wegen des Aufs und Abs auf den Radwegen, zu bewältigen.

2,5 Stunden reine Fahrzeit in gemütlichem Tempo sollte man ganz grob einplanen.

Der offizielle Weg durch alle Stadtteile: Die Tour de Sachsenheim

Wer sich Sachsenheim in all seinen Facetten anschauen möchte, begibt sich auf die Tour de Sachsenheim. Diese haben unter anderem Günter Dick (GLS) und der Rektor der Kirbachschule, Rainer Graef, entwickelt. Über 24,6 Kilometer führt die Strecke durch alle sechs Stadtteile. Laut der Freizeit-App Outdooractive sind auf dem Weg von Großsachsenheim nach Häfnerhalsach insgesamt 244 Höhenmeter zurückzulegen.

Zunächst geht es durch die Bahnhofsunterführung in Groß- nach Kleinsachsenheim, von dort über den Heinzenberger Weg in Richtung Norden. Ständiger Begleiter: die Kulisse des Kirchbergs. Vorbei am Hohenhaslacher See geht es ins Kirbachtal mit seinen Streuobstwiesen und Weinbergen. Kurz vor dem Ortsausgang Hohenhaslach kann man die Strombergbahn bewundern, eine der größten Garteneisenbahnen Europas.

Im Anschluss können die Radler nahe der Firma Fontanis am Spielberger Sulzbrunnen ihren Durst löschen und passieren ferner die berühmte Ochsenbacher Dorfstraße mit ihren Fachwerkfassaden. Ziel der Tour de Sachsenheim ist das ehemalige Rundlingsdorf Häfnerhaslach. Zum Ausklang bietet sich ein Besuch des oberhalb des Orts gelegenen Heiligenbergsees an.

Die genaue Route kann auf der Homepage der Stadt Sachsenheim unter „Tourismus und Freizeit“ abgerufen werden. msc

www.sachsenheim.de
www.outdooractive.com