Die Welt vor 14 000 Jahren, zum Ende der letzten Eiszeit: eine  Steppenlandschaft. Menschen sind als Jäger und Sammler unterwegs. Und hinterlassen ihre Spuren auch im Kirbachtal. Mehr als 500 Funde  wurden dort in einem Waldstück bereits gefunden. Die Wissenschaftler der Universität Tübingen sprechen von einer „Sensation“. Bis diese erkannt wurde, dauerte es allerdings mehr als zehn Jahre.

„So eine Fundstelle ist einzigartig in Süddeutschland“, schwärmt  Grabungsleiter und Doktorand Stefan Wettengl. „Nordwürttemberg ist bis auf die Neckargegend weitestgehend ein weißer Fleck bei altsteinzeitlichen Funden.“ Grundsätzlich sind Relikte aus dieser Zeit entweder tief im Boden vergraben oder wurden auf Ackerfächen nach und nach zerstört. Schon jetzt ist Wettengl sicher: „Wir können dank der Funde ein Bild zeichnen, das die Forschung bereichert, weil hier eine ganz neue Facette hinzukommt.“ Bisher wurden Steinzeitfunde vor allem in Höhlen der Schwäbischen Alb gemacht. Jetzt hofft das Forscherteam unter der Leitung von Prof. Dr. Harald Floss auf Erkenntnisse über das Verhalten im Freiland der Steinzeitmenschen.

Ganz behutsam mit kleinen Kellen legen die sieben Wissenschaftler Schicht für Schicht frei. Immer wieder ruft einer nach Wettengl und drückt dem Grabungsleiter teilweise kaum fingernagelgroße Zeitzeugen in die Hand. Der sortiert sie in Plastiktütchen. Einige packt er davor in Alufolie. Holzkohlestücke. Sie sollen später im Labor das Alter der Funde bestätigen.

Insgesamt werden auf einem knappen halben Hektar Funde vermutet. Auf gerade einmal sechs Quadratmetern haben die Wissenschaftler in den vergangenen zwei Wochen mehr als 100 Stücke ausgegraben. Teile von Werkzeugen und Technologien. Als Jagdwerkzeuge kamen damals vor allem Speer und Speerschleuder zum Einsatz. Die Geschossspitzen aus Knochen hatten zum Teil Rillen, in denen kleine spitze Steine, sogenannte Rückenmesser, angebracht waren. Zum Bearbeiten von Knochen, aber auch von Fell, nutzten die Menschen in der Altsteinzeit sogenannte Kratzer.

Als Material für diese ersten einfachen Werkzeuge dienten, das bestätigen die Ausgrabungen, Muschelkalk- und Keuperhornstein aus den hiesigen Gesteinsschichten. Aber auch Überbleibsel aus Jura- und Bohnerzhornstein haben die Wissenschaftler freigelegt. „Das sind Hinweise, dass die Menschen von der Schwäbischen Alb hierher gekommen sind“, erklärt Wettengl. Auch Jurahornstein aus der Freiburger Gegend wurde gefunden. „Man kann mit Sicherheit sagen, dass hier eine längerfristige oder mehrfache Besiedlung stattgefunden hat“, betont Wettengl.

Die ersten Funde im Wald im Kirbachtal wurden schon 2008 entdeckt. Damals von Hobby-Archäologe Alwin Schwarzkopf aus Schwaigern. Er hatte in feuchten Fahrspuren die ersten Relikte gefunden – und bis heute rund 400 davon aufgesammelt und ans Landesamt für Denkmalpflege gemeldet. Doch bis der Wert der Funde erkannt wurde, sollte es bis vor Kurzem dauern, als Wettengl und seine Kollegen den Hobby-Archäologen kennenlernten. Schwarzkopf zeigte ihnen seine Funde. Die Forscher waren begeistert und leiteten sofort Ausgrabungen in die Wege.

Die Kulturstufe, die die Menschen damals erreicht hatten, wird Magdalénien genannt. Die Menschen lebten meist in kleinen Gruppen von 20 Leuten und hatten bereits zeltartige Behausungen. „Sie gehörten zu den letzten Jägern und Sammlern in der Eiszeit“, erklärt Wettengl. Bevorzugte Beute waren hierzulande Rentiere und Wildpferde. Die Menschen folgten den Herden, ernährten sich sonst „von allem, was die Natur so hergab“. Das Klima zum Ende dieser letzten Eiszeit war meist rau. Relativ warme Sommer, die aber nur drei Monate dauerten. Und lange kalte Winter – mit bis zu minus 40 Grad. Aus dem Boden ragten nur Büsche und Zwergbirken.

Die damaligen Beschaffenheiten machen den Fundort im Kirbachtal für Revierförster Burkhard Böer zur optimalen Stelle. „Denkt man sich die Bäume weg, konnte man über weite Teile des heutigen Kirbachtals sehen“, und damit beispielsweise die Beutetiere schon von Weitem kommen sehen. „Wasser, Ausblick und Rohstoffvorkommen – das war damals wichtig“, ergänzt Grabungsleiter Wettengl. All das fanden die Menschen hier.

Wie es jetzt weitergeht


Was die Wissenschaftler bisher im Wald veranstaltet haben, war lediglich die sogenannte Sondage. In einem kleinen Bereich wurden Funde sichergestellt und freigelegt. Der Befund wurde mit einem 3D-Verfahren dokumentiert, sodass später die Steine in ihrer ursprünglichen Lage rekonstruiert werden können. Jetzt geht es an die Auswertung der Funde. Dann wird entschieden, ob weitergegraben wird. Grabungsleiter Stefan Wettengl ist zuversichtlich. „Schon die Sondage hat uns positiv überrascht. Auch eine Ausstellung zu einem späteren Zeitpunkt ist denkbar.“

Dass er und sein Team im Zuge möglicher weiterer Ausgrabungen auch noch auf Knochen von Menschen stoßen, hält Wettengl für unwahrscheinlich. „Das ist grundsätzlich sehr selten.“ Meist sind diese schon verwittert. „Da wir hier bisher nichts gefunden haben, gehen wir davon aus, dass das auch nicht mehr passieren wird.“ msc