Sachsenheim Sport statt Bügelwäsche

Kleinsachsenheim / Von Carolin Domke 01.09.2018

Der Mittwoch ist ihnen heilig. Da kann kommen was will. Termine, Besuche, sonstige Events – wenn es um die Frauenfitnessgruppe des TSV Kleinsachsenheim geht, dann sind sie fast alle immer am Start. Und das am kommenden Dienstag seit genau 50 Jahren.

Nach dem Bau der Mehrzweckhalle im Jahr 1968 in Kleinsachsenheim rief der TSV zu einer Frauenturngruppe auf. „Ein solches Angebot gab es speziell in Sachsenheim damals noch nicht“, erzählt Übungsleiterin Monika Bopp. Am Mittwoch, 4. September 1968, begrüßte Helga Ischebeck schließlich 72 Frauen im Alter von 20 bis 40 Jahren. Darunter auch Sieglinde Eschrich, Gründungsmitglied und ab 1973 Übungsleiterin. Noch heute ist sie mit Begeisterung in dieser Position dabei. Grund sei auch der große Zusammenhalt in der Gruppe „Man kann sich hier mit jedem zusammensetzen und sich unterhalten. Jeder, der neben einem steht, wird an die Hand genommen“, schwärmt sie.

Dieser Zusammenhalt machte auch die Damen von damals stark und sie trauten sich Dinge, die zu jener Zeit vor allem von Männern nicht gerne gesehen wurden und als nicht gesellschaftskonform galten. „Wir haben es hier eingeführt, in eine Wirtschaft zu gehen“, berichtet das Gründungsmitglied, „einfach zum Austausch.“ Ein Tabuthema in den späten 60-Jahren – aber „eine Emanzipierungsmaßnahme“, scherzt die heutige Pressewartin des TSV, Andrea Reicher. „Drei Mal sind die Männer hinten aus der Gaststätte raus. Aus Protest“, lacht Eschrich. Dann hatten sie ihren Platz gesichert und konnten sich auch treffen, wenn die Mittwochskurse mal nicht stattfanden.

Auch mit der sportlichen Aktivität seien einige Männer nicht einverstanden gewesen und mussten erst ihr Einverständnis abgegeben, bevor die Frau zur Sportstunde ging. „Als Frau hatte man anfangs auch ein schlechtes Gewissen und dachte, man kann nicht weg wegen der Bügelwäsche“, erklärt Sieglinde Eschrich und wird dabei auch vom ältesten Mitglied mit 90 Jahren der Gruppe, Gretel Müller, bei dieser Aussage bestärkt.

Doch nicht nur die Freiheiten der Frauen haben sich in den letzten 50 Jahren weiterentwickelt. Große Veränderungen berichten die Damen auch bei den Kursen ihrer Fitnessgruppe. In den ersten fünf Jahren lag der Fokus auf der Leichtathletik und Turnübungen. Entsprechend der Zeit glich zum Beispiel die „Reckstange einer Teppichstange“, macht Eschrich Witze über die Anfangszeit. Richtige Turnmatten standen den Damen anfangs ebenfalls nicht zur Verfügung. Trotzdem waren sie „so stolz auf unsere Schuhputzer vom DLW.“

Nach fünf Jahren folgte eine große Veränderung. Die Leichtathletik- wurde in eine Gymnastikgruppe umgewandelt. Der Grund ist ganz einfach: Zur damaligen Zeit waren die Trainingsleiter selbst noch Laien. Erst später erhielten die Übungsleiter entsprechende Schulungen oder kamen über den Turngau. „Das war viel zu gefährlich mit so vielen Leuten an den Geräten“, erläutert Eschrich diese Umstellung. Ab den 70er-Jahren folgten mehr Geräte und die Übungsstunden wurden mit Musik aufgelockert. Die Nachfrage war teilweise so hoch – 20 bis 30 Frauen waren oft beteiligt –, dass die Übungsmatten nicht reichten. Aus der Mittwochsgruppe haben sich mit der Zeit weitere Gruppen gebildet, für Kinder, Yoga. Auch einige Töchter fingen in den angebotenen Kurse an.

Abwechslung im Programm

Mit der Zeit hat sich  die Anzahl etwas verkleinert. Von den 72 Sportlerinnen sind heute noch 47 Mitglieder dabei, davon 12 aus Altersgründen passiv. Trotzdem erscheinen die Passiven noch regelmäßig zu den Veranstaltungen. Von den Gründungsmitgliedern sind noch acht dabei, die sich nach wie vor an den Gymnastikübungen beteiligen. Hier geht es vorrangig um Anspannen, Entspannen, Kreislauf und Beweglichkeit. „Eben alles was nötig ist“, so Monika Bopp. Mit ihr und Sieglinde Eschrich gibt es bei der Mittwochsgruppe am Abend von 19 bis 20.15 Uhr noch drei weitere Übungsleiterinnen.

Der Mittwoch steht bei den Damen der Frauenfitnessgruppe von Beginn an felsenfest. „Da haben unsere Männer keine Chance gehabt“, scherzen die Damen im Gespräch mit der BZ. Selbst in den Ferien. Dann geht es für einen guten Start in den Tag mit Nordic Walking durch den Wald. Ausgepowert trifft man sich anschließend für eine Abschlussrunde an den Tischen, zu der jede etwas für das Kaffeekränzchen beisteuert: Butterbrezeln, Kaffee und dazu viel Gesprächsstoff. Letzterer scheint den Damen niemals auszugehen, denn abends geht es dann in die zweite Runde zu einem Spaziergang in eine Gaststätte. „Wer nicht mehr so fit auf den Beinen ist, wird eingesammelt und ins Lokal gefahren“, berichtet Andrea Reimer.

Für das 50-jährige Bestehen geht es zum Hexenschmaus auf die Heuchelberger Warte mit Buffet und Programm. Das Wichtigste für die Fitnessgruppe ist, dass „wir noch lange und viele Stunden fit bleiben. Ganz nach dem Motto: Wer rastet, der rostet“, klärt Monika Bopp auf. Auch neue Mitglieder heißen die Mitglieder im Alter von 60 bis 90 Jahren willkommen. Aber Achtung, die vermeintlich betagten Damen sind ordentlich auf Zack.

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