Unmittelbar vor seinem Sommerurlaub hat die BZ mit Sachsenheims Bürgermeister Holger Albrich gesprochen. Bereits am Wochenende verweilte er in der Partnerstadt Valréas, ehe es nun weiter ans Meer geht.

Sie fahren neuerdings, wie früher zum Ministerium nach Stuttgart, wieder mit dem Fahrrad zur Arbeit?

Holger Albrich: Ja, das ist auch bitter nötig. Was ich mir in sieben Jahren mit zwei Stunden Radeln täglich an Fitness aufgebaut habe, habe ich mir in den ersten sieben Wochen als Bürgermeister wieder zerstört. Ich habe rasend schnell zugenommen. Da habe ich die Bremse reingehauen. Jetzt fahre ich, so oft es geht mit dem Rad. Und ich merke, wie mir das gefehlt hat. Man hat dabei auch Zeit zum Nachdenken und um den Kopf freizubekommen.

Wie sind denn die Radrouten Ludwigsburg–Stuttgart und Ludwigsburg–Sachsenheim im Vergleich?

Ich muss zugeben, dass es nach Stuttgart schöner ist. Man hat mehr gerade Strecken, es geht am Neckar entlang. Die Strecke nach Bietigheim an der B 27 ist nicht so toll. Aber es gibt auch schöne Abschnitte.

Dass Sie pendeln heißt, dass die Wohnungssuche noch nicht erfolgreich war?

Wir haben uns schon das eine oder andere Haus angeschaut. Ein Umzug ist eine wichtige Entscheidung, dabei wollen wir nichts überstürzen. Die Arbeit leidet nicht darunter, dass ich nicht in Sachsenheim wohne. Deshalb hat das für uns momentan nicht oberste Priorität. Bisher war ich in erster Linie damit beschäftigt, im Job anzukommen.

Bei einer Wohnbebauung im Keltenfeld in Großsachsenheim hätte sich ja vielleicht eine Möglichkeit aufgetan. Aber der Gemeinderat hat das Vorhaben erst mal abgeschmettert.

Unabhängig von meiner Lage: Im Ergebnis wurde nur abgelehnt, das Gebiet im Umlegungsverfahren zu entwickeln.

Aber in der Gemeinderatssitzung hieß es, dass andere Varianten wenig erfolgversprechend seien.

Wir wollen nun versuchen, die dortigen Grundstücke aufzukaufen. Wir möchten alle vorgesehenen Paragraf-13-b-Baugebiete zu attraktiven und für alle lebenswerten Wohngebieten mit bezahlbarem Wohnraum entwickeln. Denn dafür sehe ich einen großen Bedarf. Um dabei zu den bestmöglichen Lösungen zu kommen, haben wir in der letzten Gemeinderatssitzung für alle vier Baugebiete eine engmaschige Einbindung des Gemeinderats in das Verfahren beschlossen. Schon im September werden wir im Ältestenrat das Vorgehen absprechen.

Sie sind jetzt seit rund dreieinhalb Monaten im Amt. Ziehen Sie doch mal ein kleines Resümee.

Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell der Job und die Abläufe für mich selbstverständlich geworden sind. Ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viel Input erhalten. Genau deshalb schätze ich es umso mehr, dass ich ein ausgezeichnetes Team um mich herum habe. Mir fällt kein Zacken aus der Krone, wenn ich mehrfach fragen muss, um etwas richtig zu verstehen. Wichtig ist, was am Ende als Ergebnis steht. Ein Höhepunkt war der „Sommer am Schloss“. Dass ich so ein tolles Fest in meiner Heimatstadt feiern durfte, war gigantisch. Unvergesslich werden für mich auch die Feierlichkeiten mit unserer französischen Partnerstadt Valréas zum 25-jährigen Bestehen der Partnerschaft bleiben.

Sie haben sich im Wahlkampf viel angehört, versprochen, sich alles anzuschauen. Wann müssen Sie zum ersten Mal Bürger enttäuschen, weil etwas am Ende nicht umsetzbar ist?

Klar wird auch das kommen. Man kann es nicht immer allen recht machen. Aber wenn man mit offenem Visier arbeitet, und Motive und Begründungen darlegt, ist die Akzeptanz höher. Zum Beispiel kürzlich bei der Erhöhung der Kindergartengebühren. Das macht auch mir keinen Spaß. Aber uns laufen die Kosten davon. Transparenz und Beteiligung sind aber bereits von Anfang an wichtig, nicht erst, wenn es ums Begründen von Entscheidungen geht. Denn nur so kommt man auch zu den besten Lösungen.

Wie nehmen Sie die bisherige Arbeit mit dem Gemeinderat wahr?

Ich merke, dass großer Diskussionsbedarf zu vielen Themen besteht. Das entspricht aber auch meiner Vorstellung, viel mit den Bürgern zu reden. Und da ist der Gemeinderat die vorderste Reihe. Es ist auch zu spüren, dass ein vertrauensvolles, teilweise sogar freundschaftliches Verhältnis zwischen den Räten herrscht – und zwar fraktionsübergreifend. Genauso vertrauensvoll ist die Zusammenarbeit zwischen Gemeinderat und Verwaltung.

Täuscht es oder war Ihnen in den Sitzungen zuweilen noch etwas Unsicherheit anzumerken?

Das ist doch ganz normal, für mich ist da einiges neu. Natürlich kommt da mal der fragende Blick zu meinen Fachleuten.

Eines Ihrer großen Versprechen ist die Belebung der Innenstadt. Haben Sie da nicht zu viel versprochen?

Nein, das wird aber nicht von jetzt auf nachher geschehen. Wir werden im kommenden Jahr einen starken Impuls durch die Einweihung des renovierten Wasserschlosses haben. Dieses Momentum müssen und werden wir nutzen.

Warum klappt die Belebung jetzt mit Ihnen, wo es doch bisher eher bergab geht?

Die Sachsenheimerinnen und Sachsenheimern wünschen sich, dass hier mehr los ist. Das hat man auch an der tollen Stimmung beim „Sommer am Schloss“ gesehen. Ich spüre einen frischen Wind in der Stadt. Die Menschen sind bereit, mit mir und dem neuen Gemeinderat etwas anzugehen. Auch innerhalb der Verwaltung sind wir neu aufgestellt und gehen das Thema Stadtentwicklung jetzt offensiv an. Dazu gehört selbstverständlich auch das Thema Verkehr.

Braucht es dafür einen Supermarkt in der Innenstadt?

Wir haben das diskutiert. Und es gibt in der Umgebung durchaus auch andere Beispiele, die ohne einen klassischen Innenstadt-Supermarkt im Zentrum funktionieren: Besigheim, Vaihingen und bedingt Bietigheim.

Naja, auch in Vaihingen ist das Bemühen um Belebung groß, in Bietigheim gibt es ebenfalls Klagen über die Vielfalt der Angebote.

Das stimmt. Aber ich glaube nicht, dass ein Supermarkt der alleinige Heilsbringer ist. Ein breites Spektrum an Dienstleistungen und Waren bringt der Stadt insgesamt mehr.

Haben Sie schon überlegt, wie es im Eichwald weitergehen soll?

Hier will ich wirklich die Klausurtagung abwarten, die im Januar stattfinden wird. Wir haben hier keine Zeitnot, schnell etwas zu beschließen. Es kann auch sein, dass wir auch nach der Klausur nicht sofort eine Strategie vorlegen werden. Der Eichwald hat durch seine Einnahmen den Verbandskommunen sehr geholfen und wird ihnen weiterhin helfen.

Haben Sie eigentlich Befürchtungen, dass der Abschwung in der Automobilbranche den Eichwald hart treffen könnte?

Wir haben den Vorteil, dass die Unternehmen im Eichwald beim Auto auf E-Mobilität setzen, also auf eine Zukunftstechnologie, wie auch Kienle und Spiess in Großsachsenheim. Wir sind zuversichtlich, dass wir die richtigen Branchen mit den richtigen Schwerpunkten haben.

Beunruhigt Sie eine drohende Rezession mit Blick auf den Investitionsstau in Sachsenheim?

Natürlich wird sich eine schwächelnde Wirtschaft auch auf die Situation in Sachsenheim auswirken. Deshalb werden wir bei den Haushaltsplanungen sehr vorsichtig agieren. Das macht das Abarbeiten unserer Projekte nicht einfacher. Wir werden mit dem Gemeinderat in einer Klausursitzung, über die Priorisierung beraten. Aber wir sind gewappnet. Sachsenheim stand haushaltstechnisch schon viel schlechter da.

Paragraf 13b: Geplante Gebiete in der Stadt


Wegen der Wohnungsnot hat der Bund mit dem temporären Paragrafen 13b im Baugesetzbuch die Möglichkeit für Kommunen geschaffen, im Außenbereich Wohnbaugebiete bis 10 000 Quadratmeter im vereinfachten Verfahren zu erschließen. Auf diese Weise sollen das Birkenfeld in Kleinsachsenheim, In den Gärten in Ochsenbach und Talaue in Häfnerhaslach entstehen. msc