Stolzen Schritts marschiert Reinhart Gronbach durch sein „Schlössle“, wie die Belegschaft des Lichtenstern-Gymnasiums das historische Hauptgebäude wider besseres Wissens nach wie vor nennt. Zum vierten Mal in seiner Geschichte wurde das 1913 erbaute Gebäude einer neuen Nutzung zugeführt. Wo einst Frauen in Wirtschaft und Landwirtschaft unterrichtet wurden und zuletzt 60 Jahre Internatsschülerinnen hausten, hat jetzt die Oberstufe des Gymnasiums ihr ganz eigenes Territorium erhalten.

Das heutige Tagesgymnasium hat viel erlebt. Gegründet wurde hier 1908 die wirtschaftliche Frauenschule – edle Spenderin war damals Königin Charlotte von Württemberg. 1913 zog die Schule in den heutigen Hauptbau um. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde daraus 1948 eine Landfrauenschule. Doch wegen starker staatlicher Konkurrenz schloss diese 1954 und wurde unter Trägerschaft der evangelischen Landeskirche als Aufbaugymnasium für Frauen wiedereröffnet. Ab 2002 wird parallel ein Tagesgymnasium hochgezogen – auch für Buben.

Zum Schuljahr 2018/19 wurde das Aufbau-Internat für Mädchen endgültig geschlossen (siehe Infobox). Aus den ehemaligen Doppel-Schlafzimmern entstanden sechs neue Unterrichtsräume. Beheimatet ist hier jetzt die Kursstufe, sprich die Klassen elf und zwölf. „Es ist eine Art Studienkolleg, das die Jugendlichen auch auf ein eventuelles Studium vorbereiten soll, „betont Gronbach, „die jungen Leute merken: Da kommt man in ein anderes Gebäude. Das macht was mit einem, es hat eine eigene Ausstrahlung.“ Die Schüler dürfen hier ohne Einschränkung ihr Handy nutzen, bekommen in Kürze noch ein Lerncafé.

Der Beschluss, das Internat aufzugeben, war nötig und dennoch schwer, betont Gronbach: „Die Schule ist als Internat gegründet worden. Nach mehr als 100 Jahren haben wir das weggenommen. Das ist viel mehr als die Frage, ob wir eine Tapete blau oder weiß streichen.“ Doch er verweist auf das, was schon 1954 mit dem Ende der Landfrauenschule an die Wand der Terrasse gemeißelt wurde: „Lasst vergehen, was vergeht...“ beginnt der Spruch, der auf Friedrich Hölderlin zurückgeht. Gronbach, seit 15 Jahren Rektor und wohnhaft auf dem Gelände, hält sich an diesen Satz. Dennoch vermisse er das Internat. „Man hat sich mehr gesehen, die Schüler sind auch mal auf einen Kaffee vorbeigekommen. Diese Nähe ist weg.“

Was geblieben ist, ist eine Aufbauklasse nur für Mädchen. Trotz aller Erinnerungen blickt Gronbach guten Muts nach vorne. „Wenn man an den Wurzelgrund einer Institution geht, muss man ’was Gutes in die Hand haben, und das haben wir.“ Durch die Neuordnung wurde bereits 2015 Platz geschaffen für eine Dreizügigkeit des Tagesgymnasiums. „Wir haben viel mehr Bewerbungen als wir aufnehmen können. Von daher war das der absolut richtige Schritt“, unterstreicht Schulleiter Gronbach.

Warum das Internat geschlossen wurde


Der Beschluss, das Internat zu schließen wurde 2015 gefasst. „Die Anzahl der Schülerinnen wurde immer geringer. Und ein Internat ist sehr personalintensiv“, erklärt Schulleiter Reinhart Gronbach. Die Kostenfrage habe sich auch für die Eltern und Schüler gestellt. Pro Monat wurden rund 1500 Euro fällig. „Die meisten bekamen zwar Schülerbafög, aber am Ende blieben auch bei diesen bis zu 600 Euro an Kosten.“

Auch die „gesellschaftliche Individualisierung“ macht der Rektor für das schwindende Interesse verantwortlich. „Wir hatten Zweibettzimmer, da sind einige schier umgefallen, als sie das gesehen haben.“ Er betont: „Alle Internate kämpfen. Selbst Salem musste verkleinern.“ msc