Serie Berufe Saubermänner fürs Wohlfühlklima

Von Mathias Schmid 20.08.2018

Dienstagmorgen, kurz vor sieben Uhr in der Höpfigheimer Straße in Bietigheim. Andreas Krauth, Bereichsleiter für die Bauhofabteilung Stadtreinigung, Spielplätze und Beschilderung weist seine Bauhof-Truppe für den Tag ein. Straßenreiniger Ignat Stefanov, 58, würde an diesem Tag eigentlich alleine fahren, um die öffentlichen Mülleimer zu leeren und die Plätze vom Müll zu befreien. Doch er bekommt unerwartet Hilfe. Von mir.

Punkt sieben Uhr ertönt die Sirene auf dem Bauhof. Das Zeichen für die Mitarbeiter, auszuschwärmen. Für Ignat Stefanov geht es los in Richtung Bahnhof. Rund 180 Mülleimer und Plätze warten an diesem Tag  darauf, geleert und gesäubert zu werden. Also keine Zeit verlieren, rein in den orangefarbenen Piaggio Porter und los. Erster Stopp ist die Kreissparkasse in der Ludwigsburger Straße. Und schon zeigt sich ein Problem, mit dem die Stadtreiniger tagtäglich zu kämpfen haben: Obwohl in unmittelbarer Nähe ein Mülleimer steht, werden Getränkekartons, -becher und anderer Müll ins Gebüsch geworfen. Warum die Leute das machen, weiß Ignat Stefanov nicht. Es interessiert ihn auch nicht mehr. Für ihn gilt, aussteigen, einsammeln, weiter. Für Ärger ist keine Zeit.

Der gebürtige Bulgare strahlt viel positive Energie aus. Sein Job ist für ihn eine Erfüllung. „Wenn die Leute durch die Stadt laufen und sich freuen, dass es sauber ist, bin ich glücklich“, sagt er. Vor allem hier an der B27, dem Eingangstor der Stadt – auch für Touristen – sei es besonders wichtig, dass sich Bietigheim von seiner besten Seite zeigt. Der 58-Jährige fühlt sich als wichtiger Teil davon, erklärt er, während er versucht, wieder von der Haltebucht vor der Sparkasse loszufahren. Es dauert, denn niemand will das Auto trotz Signalfarbe reinlassen.

Als es weitergeht, hält Stefanov auch gleich wieder an. „Da muss jeden Morgen sauber gemacht werden“, zeigt er kurz darauf auf den Gehweg vor einem Kleidergeschäft. Gesagt, getan. Nebenbei wird Mülleimer Nummer fünf geleert. Weiter geht es auf dem Bürgersteig. Alle paar Meter stoppt er, springt aus dem Auto. Noch vor Erreichen des Bahnhofs ist klar: Eine große Hilfe bin ich nicht. Ignat Stefanov schnappt sich eine Tüte, sammelt den umherliegenden Müll ein, leert die Eimer und verstaut alles im Auto. Ich habe da gerade mal meine Greifzange und einen Sack aus der Ladefläche gekramt. Beides kann ich jetzt wieder hineinwerfen, der Stadtreiniger will weiter.

Auf dem Armaturenbrett liegt eine zweiseitige Liste mit Punkten, die Ignat Stefanov an diesem Tag abzuklappern hat. Es ist eine von insgesamt drei Touren. Weil er alleine ist, fährt er „nur die wichtigen“ Punkte an. Die Liste braucht er dafür  nicht mehr. „Alles hier drin“, tippt er sich an den Kopf.

Es ist 7:27, Ankunft am Busbahnhof. 17 Eimer sind schon geleert. Jetzt ergibt sich die Gelegenheit, dem Profi zu helfen. Zigarettenschachteln, Getränkebecher – der mit Abstand größte Teil des umherliegenden Mülls – und Fahrkarten wandern in den blauen Sack. 15 Minuten und neun Mülleimer später ist der Busbahnhof müllfrei. „Jetzt bin ich zufrieden“, strahlt Ignat Stefanov. Am Wochenende und montags daure es hier deutlich länger. „Da kommen viele Leute vom Feiern und lassen ihren Müll fallen.“ Noch einmal kurz die Unterführungen gecheckt – auch hier lässt sich mit dem kleinen Flitzer wunderbar hindurchfahren – und weiter geht es.

Nächster Halt: Buchzentrum. Ums Wasserspiel vor der Volksbank liegen überall Plastikfetzen – Stücke von Handschuhen. Ignat Stefanov kennt das schon. „Die füllen die Handschuhe mit Wasser und lassen sie dann platzen.“ Übrig hat er dafür nur noch ein Schulterzucken und viele schnelle Bewegungen mit seiner Zange. Laufen, greifen, einpacken – alles geht in einem Fluss. Als Ungeübter beginnt dagegen jetzt schon die Hand vom ständigen Zudrücken des Greifzangengriffs zu schmerzen.

Nach insgesamt 29 Mülleimern rollt der orangefarbene Piaggio weiter in Richtung Bissingen. „Nicht so schnell“, ruft ein Arbeiter scherzhaft, als wir gerade die Säcke im Auto verstauen. Stefanov grinst „Das sagen die Leute immer wieder zu mir. Aber langsam gibt es bei mir nicht.“ Schließlich ist er im Namen der Sauberkeit unterwegs. Aus dem Augenwinkel erspäht der 58-Jährige kurz vor dem Bissinger Rathaus Glasscherben auf dem Radweg. Keine halbe Minute später liegen auch die gemeinen Reifenschlitzer im Sack auf der Ladefläche. „Das muss immer gleich weggemacht werden, ist gefährlich für die Radfahrer.“

Am Rathaus selbst gibt es heute nicht besonders viel zu säubern. Hier ist dann – nach eineinhalb Stunden und 31 geleerten Mülleimern – meine Mission bereits zu Ende. Für Ignat Stefanov geht es noch bis 15.45 Uhr weiter – unter anderem nach Metterzimmern und Untermberg. „Dann weiß ich, dass die Leute durch eine saubere Stadt laufen können“, sagt er. Weil dieser Zustand aber nicht lange anhält, geht am nächsten Tag alles wieder von vorne los.

Rund 200 Tonnen Müll pro Jahr

Der Bauhof und die Stadtgärtnerei der Stadt Bietigheim-Bissingen beschäftigen laut Roswitha Ott, Leiterin von Bauhof und Stadtgärtmerei rund 80 Mitarbeiter.

Sieben davon sind für die Stadtreinigung zuständig – einschließlich der beiden Fahrer der Kehrmaschinen. Zirka 200 Tonnen Müll werden jährlich vom Bauhof eingesammelt.   msc

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