Zwischen 85 und 100 Kilogramm wiegt ein ausgewachsenes Texelschaf. Eugen Orth aus Hohenhaslach und seine Tochter Melanie Orth sind Schafzüchter und haben sich auf diese Rasse spezialisiert, die ursprünglich auf der niederländischen Insel Texel zuhause ist. Jeden Winter, noch bevor die Lämmer geboren werden, stattet Schafscherer Tobias Desselberger der Familie Orth und ihren Schafen einen Besuch ab, denn die schwere Wolle muss schließlich runter.

Mit vereinten Kräften schieben Melanie Orth und ihr Helfer Jürgen Vohdin ein störriges Schaf aus dem hinteren Teil des Stalls. Unter leisem „Mäh“ wird es Tobias Desselberger übergeben, der das wollige schwere Tier auf ein Holzpodest schiebt und von hinten die Arme um den Hals des Tiers legt. Schon schaltet er den speziellen Schafwollschneider ein, der nur auf den ersten Blick einem Langhaarschneider ähnlich sieht. Die Zacken sind viel weiter auseinander und setzen sich dennoch immer wieder mit Wollfett zu.

Mit geübten Fingern streift Desselberger das Fett ab und nimmt dem Schaf mit System seinen dicken Mantel in einen Durchgang ab. Rund zehn Minuten dauert diese Prozedur, die dem Schaf offensichtlich nicht weh tut. Dann kann es zurück in den Stall. „Dabei verliert es zwischen vier und fünf Kilogramm Wolle, die gesammelt und weiterverarbeitet für Socken, Pullover, Kissenfüllungen und vieles mehr verwendet wird.

Ruhe austrahlen, ist wichtig

Eugen Orth nimmt einen kleinen Wollbausch und reibt ihn in den Händen. „Das fettet besser als jede Creme“, schmunzelt er. Die Familie Orth verarbeitet ihre Wolle nicht selbst, sondern bringt sie zu einer Wollsammelstelle. Von dort aus findet die weitere Verarbeitung der Wolle statt. Tobias Desselberger kam einst auf Empfehlung zur Familie Orth und ihren Schafen. „Tobias kommt schon viele Jahre zu uns. Wir schätzen seine zuverlässige Arbeit und seinen ruhigen Umgang mit den Tieren. Bei ihm ist die Verletzungsgefahr sehr gering, denn er beruhigt die Schafe schon allein durch seine Art mit ihnen umzugehen.“ Im Umgang mit den Schafen ist sehr wichtig Ruhe auszustrahlen. Wenn man schon nervös, hektisch und gestresst zu den Schafen kommt, dann spüren sie das gleich. Dann funktioniert das Zusammenspiel nicht richtig, auch nicht bei einer ruhigen Rasse wie dem Texelschaf. „Es gibt nur noch wenige andere Züchter deutschlandweit“, weiß Melanie Orth. Ein guter Schafscherer wird bei den Züchtern durchgereicht.

„Seit den 60er-Jahren werden die Textelschafe auch in Deutschland gehalten“, so Eugen Orth. Das Tier wird zur Fleischgewinnung gezüchtet. Orth züchtet seit 1995 diese in Baden-Württemberg seltene Schafrasse und ist stolz auf sein Zertifikat als maedifreier Bestand. „Das bedeutet, dass unsere Schafe von einem Virus frei sind, der vergleichbar ist mit einer HIV-Infektion beim Menschen“, erklärt er. Seine Tochter Melanie Orth hat der Hohenhaslacher mit seinem Hobby angesteckt. Die 31-Jährige hat in den Ställen längst ihre eigene Schafherde beieinander. Einmal im Jahr bringt das Texelschaf meistens ein Zwillingspärchen auf die Welt. “Die Tragzeit beträgt rund 20 Wochen“, lässt sie wissen.

Dass die Schafe im Winter geschoren werden, wo man denken kann, dass sie doch gerade dann ihr Fell brauchen, wenn es draußen kalt ist, hat gleich mehrere Gründe: „Zum einen, dass das Junge das Euter besser finden kann. Das sieht es nämlich kaum, wenn eine dicke Wollschicht drauf ist. Dann haben die Jungtiere Schwierigkeiten an das Euter zu gelangen“, erklärt Melanie Orth. Das Scheren vor dem Gebären hat auch hygienische Gründe, denn im langen dicken Schaffell setzen sich Heu und Stroh hinein, Dreck und alles was dort eigentlich nicht hineingehört. Erfrieren muss ein Schaf, das bei Eugen und Melanie Orth im Januar geschoren wird deshalb nicht.

“Unsere Schafe sind im Winter durchgehend im Stall und damit im Trockenen und Warmen. Dort können die Schafe ihre Temperatur selbst regulieren“, betont Melanie Orth und fügt hinzu: „Wenn die jetzt draußen wären im Regen, im Matsch, dann wäre das schlimm auszuhalten für die Tiere ohne wärmendes Fell. Doch diese Situation stellt sich gar nicht. Deshalb kommt bei uns die Wolle traditionell am Dreikönigstag runter“, sagt Schafzüchter Orth. Den Schafen macht das offensichtlich gar nichts aus, auch nicht den vier schwarzen, die in die Herde gehören.