Wüste Beschimpfungen und Drohungen, Bürgerinitiative, Unterschriftensammlung, Facebook-Seite, anonyme Handzettel: Seit dem vergangenen Donnerstag, als in der Gemeinderatssitzung in Sachsenheim bekannt wurde, dass die evangelische Kirchengemeinde Großsachsenheim ihr Grundstück zwischen der Heinrich-Heine- und der Lessingstraße ans Landratsamt für die Unterbringung von Flüchtlingen abgeben möchte, ist die Stimmung im Gebiet "Zimmerer Pfad" massiv aufgeheizt. Zwar ist die Tatsache, dass sich in der Stadt aus den verschiedensten Gründen Protest gegen geplante Asylbewerberunterkünfte formiert, nicht neu - man denke an die hitzigen Diskussionen in Hohenhaslach, um den Ochsen in Spielberg oder im Großsachsenheimer Seepfad -, Beobachter sind sich jedoch einig: Der Streit im "Zimmerer Pfad" hat eine neue Qualität erreicht.

Dieser Tage sind an die Anwohner Wurfsendungen verteilt worden - anonym, wohlgemerkt -, die jene, die sich mit dem Flüchtlingsheim in ihrer Nachbarschaft nicht anfreunden können, über ihre rechtlichen Möglichkeiten aufklären und aufrufen, sich gezielt und in großer Zahl negativ zu äußern. Darüber hinaus werden Adressen und Ansprechpartner bei Kirchen genannt, wo man sich beschweren soll. Tipps, auf welche Weise man die Kirchengemeinde noch unter Druck setzen kann, runden das Schreiben ab.

Rückenwind erhält der Verfasser des Flugblatts von der Facebook-Seite "Nein zum Heim Sachsenheim". Am Dienstagnachmittag waren die Inhalte noch öffentlich einsehbar, der Betreiber hat jedoch angekündigt, ab Donnerstag das Publikum zu beschränken. An diesem Mittwoch wollen darüber hinaus Gegner des Asyl-Bauvorhabens eine Bürgerinitiative gründen. Die Veranstaltung startet um 19.30 Uhr im Sportfreunde-Vereinsheim.

Adressat des Unmuts ist in erster Linie der Stadtpfarrer Dieter Hofmann. "Es tut mir weh, dass man so aggressiv damit umgeht", sagt er. "Angst verstehe ich, aber Angst geht nur vorbei, wenn man sich ein Stückweit öffnet." Aus seiner Sicht stellt sich die Frage, ob Flüchtlinge nach Großsachsenheim kommen sollen oder nicht, überhaupt nicht. "Wir haben diese Menschen bereits hier, wir müssen darüber reden, was mit ihnen passiert", erklärt Dieter Hofmann. Laut seinen Berechnungen kommen allein in diesem Monat etwa 30 Menschen nach Sachsenheim, "und da reden wir noch nicht von November, von Dezember, von Januar". Seine Devise und die seiner Mitstreiter: "Wir können nicht nur zugucken."

Daher hat der Kirchengemeinderat sich entschlossen, die 1220 Quadratmeter große Fläche, die seit 1983 der Kirchengemeinde gehört und auf der ursprünglich ein zweites Pfarrhaus hätte entstehen sollen, ans Landratsamt Ludwigsburg zu verpachten. Diese Entscheidung, betont Dieter Hofmann, sei in Absprache mit der Stadtverwaltung und dem Bürgermeister Horst Fiedler gefällt worden, "wir sitzen in einem Boot". Erst danach sei die Kirchengemeinde aufs Landratsamt zugegangen und habe die möglichen Rahmenbedingungen für die Unterkunft besprochen.

Konkret sind die Planungen noch nicht. Laut dem Stadtpfarrer habe das Landratsamt zunächst 120 Asylbewerber im Gebiet "Zimmerer Pfad" unterbringen wollen, später habe man sich auf 80 geeinigt. Wahrscheinlich sei ein Heim aus Holz-Leichtbaumodulen. Dieter Hofmann stellt trotz allen Protestes klar: "Wir rücken von dem Beschluss nicht ab." Verhandelbar sei der Standort nur, wenn die Stadt "eine andere Möglichkeit sieht, wo die Menschen untergebracht werden können". Der Rathauschef sagt zwar, dass eine 80-Personen-Unterkunft nicht der Konzeption der Stadt entspreche, er aber dennoch jeden unterstütze, der helfe, die Flüchtlingskrise zu bewältigen.

Auch der Bürgermeister spricht von einer "ungewohnt aggressiven" Stimmung. Bei der Protestveranstaltung am Sonntag sei sogar gedroht worden, das Heim abzubrennen, sollte es gebaut werden. "Über diese Radikalität ohne eine vorherige Auseinandersetzung bin ich entsetzt", sagt er.

Als Reaktion auf die Proteste hat die Stadtverwaltung Sachsenheim eine Informationsveranstaltung organisiert. Am Freitag, 16. Oktober, sollen ab 19 Uhr in der Mensa des Schulzentrums in Großsachsenheim weitere Fakten zu den Plänen diskutiert werden. Unter anderem ein Polizist soll auf dem Podium sitzen. Die Stadt versucht, einen neutralen Moderator zu buchen. Dieter Hofmann hierzu: "Ich hoffe, dass sich dort auch besonnenere Stimmen melden." Und auch Horst Fiedler will nach wie vor auf Gespräche setzen.

AK Asyl sucht neue Räume für seine Kleiderkammer

Bedarf Der Sachsenheimer Arbeitskreis Asyl sucht neue Räume für seine Kleiderkammer. Aktuell ist die Anlaufstelle für Flüchtlinge in einem Raum des evangelischen Pfarrhauses II in Großsachsenheim untergebracht und einen Nachmittag in der Woche geöffnet. "Spätestens im Januar müssen wir den Raum an die evangelische Kirchengemeinde zurückgeben, da sie eigenen Bedarf dafür hat", heißt es in einer Mitteilung des AK. Die neue Kleiderkammer soll ausschließlich der Annahme, Lagerung und Ausgabe gut erhaltener gebrauchter Kleidung für Flüchtlinge dienen und abschließbar sein. Gesucht wird eine Nutzfläche von mindestens 35 Quadratmetern in Groß-, Kleinsachsenheim oder Hohenhaslach. Kontakt: Dagmar Eilenberger, Telefon (0157) 54 70 42 47.

Ein Kommentar von Caroline Holowiecki: Angst

Die Menschen im Großsachsenheimer Gebiet "Zimmerer Pfad" haben Angst. Verstanden. Auch wenn viele ihrer Befürchtungen irrational sind - etwa jene, dass ihre Frauen und Kinder nicht mehr sicher sind, sobald Asylbewerber in die Nachbarschaft ziehen -, muss man sie zumindest akzeptieren. Die Angst vor Spinnen ist auch irrational, wegdiskutieren kann man sie nicht.

Sehr real ist jedoch die Angst, die einen ergreift, wenn man beobachtet, wie etliche Menschen aus Großsachsenheim aktuell mit dem Thema umgehen. Schon am Sonntag mussten der Bürgermeister Horst Fiedler und die Pfarrerin Britta Schleyer viel Prügel einstecken - nur verbal, zum Glück, denn es wurden herbe Beleidigungen und offene Drohungen ausgesprochen. Von einem Niederbrennen des Heims war die Rede. Auch das Flugblatt, das dieser Tage an die Anwohner verteilt wurde, wirkt aggressiv und ist aufstachelnd, wenn aufgerufen wird, jeden nur erdenklichen Protest vorzubringen, "wenn es auch auf den ersten Blick unsinnig erscheint". Bei Facebook muss man lesen, dass einer über das durchgestrichene "Refugees welcome" ("Flüchtlinge willkommen") "not in my name" ("nicht in meinem Namen") geschrieben hat.

Nicht vor den Flüchtlingen muss man Angst haben. Sondern vor Menschen, denen jedes Mittel recht ist, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen.