Wenn Fritz Brandauer an die Orgel der evangelischen Kirche in Kleinsachsenheim sitzt, macht er das noch immer mit großer Freude. Und das, obwohl er seit 40 Jahren fast jeden Sonntag hier Platz nimmt. Im Gottesdienst am Freitag gab es eine kleine Feierstunde für den 77-Jährigen – inklusive Orgel-Torte.

Mehr als die Hälfte seines Lebens bedient Fritz Brandauer die knapp 1000 Pfeifen in Kleinsachsenheim bereits jeden Sonntag. „Die Freude ist uneingeschränkt. Nicht umsonst wird die Orgel die Königin der Instrumente genannt“, sagt er. Was Pfarrer Friedemann Wenzke gut beschreiben kann, ist den Wert, den der Organist für die Gemeinde hat. „Fritz Brandauer und die Kleinsachsenheimer Orgel gehören für viele untrennbar zusammen.“ Fünf Pfarrer hat Brandauer schon erlebt. Und mit allen sei er gut ausgekommen. Kein Wunder: Brandauer ist ein angenehmer Gesprächspartner. Er lacht, macht Witze. Das sieht auch Pfarrer Wenzke so: „Es ist lustig, mit ihm zusammen zu schaffen. Man muss ihn so nehmen, wie er ist. Aber das mache ich gerne“, meint der Geistliche über die „eigene Art von Humor“, des 77-jährigen Sachsenheimers.

Wie Brandauer zum Orgelspielen kam, war „ein Fall für sich“, wie er sagt. In der Nachkriegszeit war bei der Großsachsenheimer Familie kein Geld für Musikunterricht da. Seine Chance sah der elfjährige Fritz Brandauer, als der damalige Großsachsenheimer Organist Paul Schmid, selbst blind, die Korrekturlesung für das neue Blinden-Koralbuch übernehmen sollte. „Er hat mir das Klavierspielen beigebracht und ich habe ihm geholfen.“

Noch mehr auf sich allein gestellt, war Brandauer einige Jahre später als gut 20-jährige Bursche. Da beschloss er, Orgel spielen zu wollen. Eine Stunde bekam er vom Organisten zum Einstieg, danach musste er sich mit einem Buch erneut alles selbst beibringen. „Das war zwar etwas mühseliger, aber ging auch“, sagt er.

Seine Chance kam, als der ehemalige Organist in Kleinsachsenheim, Alfred Strohhäcker, in den Ruhestand wollte. Der schlug seine bisherige Aushilfskraft als Nachfolger vor. Doch der damals 36-Jährige willigte nicht einfach ein, sondern äußerte einen Wunsch: Die Orgel muss renoviert und umgebaut werden. „Sie wurde nach dem Krieg 1950 eingebaut. Damals brauchte man für wenig Geld schnell ein Instrument“, berichtet er, „die musikalische Qualität war mäßig.“ Also rüstete die Kirche unter Pfarrer Heinz Schmid 1978 für 30 000 Mark auf.

Lange hat er kaum einen Gottesdienst verpasst. Mittlerweile nimmt er sich aufgrund eines größeren chirurgischen Eingriffs einmal im Monat frei – theoretisch. Denn Brandauer ist gefragt, hilft in andere Gemeinden aus, unter anderem in Metterzimmern, wo in Helga Schuler eine ehemalige Schülerin, das Pfarramt innehat.

Und seine Frau Ingeborg? Die begleitet ihren Mann jede Woche zum Gottesdienst, auch wenn sie jedes Mal alleine in den Bänken Platz nehmen muss. „Das macht mir nichts aus. Ich treffe immer gute Bekannte und Freunde, gehe gerne mit.“ Den Ehemann freut’s ebenfalls: „Ich kann sie danach immer gleich fragen, wie es war.“

Bei einigen neuen Liedern überlässt Brandauer mittlerweile anderen das Feld. „Aus einem alten Ackergaul macht man eben kein junges Rennpferd mehr“, betont er. Das ist aber in Kleinsachsenheim kein Problem, denn unter der Leitung von Christiane Schwarze aus Löchgau übernimmt dann eine Band mit Klavier, Cajon und E-Gitarre. „Da stößt man dann mit der Orgel auch an seine Grenzen“, meint er.

Und wie geht es jetzt weiter? „So, wie ich mich im Augenblick fühle, würde ich gerne noch weitermachen. Aber wenn die Gemeinde einen andere will, muss sie es sagen. Und wenn ich merke, dass es für die Gottesdienstbesucher eine Zumutung wird, lasse ich es. Das würde mir notfalls auch meine Frau sagen.“ Nur eines scheint sicher: „Weitere 40 Jahre werde ich wohl nicht spielen.“

Zur Person: Fritz Brandauer


Fritz Brandauer (77) ist aufgewachsen in Großsachsenheim. Eigentlich gehört er auch dort nach wie vor der evangelischen Kirchengemeinde an. 33 Jahre lang war er Lehrer in Stuttgart-Hohenheim an der Staatsschule für Garten und Landwirtschaft im Bereich Agrar- und Umweltanalytik. Brandauer ist verheiratet mit Ingeborg Brandauer. Die beiden haben keine eigenen Kinder, sorgten aber für insgesamt fünf Pflegekinder. msc