wahlkreis:Ludwigsburg (12) Nicht nur Asyl-Gegner wählen AfD - Wo sind die Hochburgen?

Stimmabgabe im Bietigheimer Rathaus.
Stimmabgabe im Bietigheimer Rathaus. © Foto: Martin Kalb
Sachsenheim/Eberdingen/Gemmrigheim/Tamm / CAROLINE HOLOWIECKI 15.03.2016
15,1 Prozent der Stimmen holte die AfD bei der Landtagswahl. Einige Kommunen aus dem Landkreis toppen diesen Wert jedoch deutlich. Neben Sachsenheim sind dies Tamm, Gemmrigheim und Eberdingen. Erklärungsversuche.

"Oh Gott!" Monika Chef, die Bürgermeisterin aus Gemmrigheim, hatte sich vor dieser Anfrage schon gefürchtet, wie sie am Montagmorgen freimütig zugibt. Denn ihre Gemeinde nimmt nach der Landtagswahl im gesamten Landkreis Ludwigsburg einen Spitzenplatz ein, über den Monika Chef "nicht glücklich" ist. Gemmrigheim ist die AfD-Wählerhochburg. 18,31 Prozent der Bürger machten am Sonntag ihr Kreuzchen bei den Rechtspopulisten. In keiner anderen Kommune im Landkreis haben so viele Menschen die AfD gewählt.

Für die Bürgermeisterin, die seit 22 Jahren im Gemmrigheimer Rathaus sitzt, ist dies ein unangenehmes, aber durchaus vertrautes Bild. "Bei früheren Wahlen standen wir oft bei den Republikanern hinter Hessigheim auf Platz zwei. Hier wurde leider schon immer rechts gewählt", sagt sie. Mehr als Erklärungsversuche hat Monika Chef nicht parat, wie sie sagt. Gemmrigheim sei in der Vergangenheit ein Örtchen gewesen, das stets vor Einwanderung verschont geblieben sei.

Zwar seien in den 1960er-Jahren viele Italiener und Griechen zum Arbeiten in die Papierfabrik gekommen - der Ausländeranteil liegt laut Monika Chef heute in Gemmrigheim bei etwa 14 Prozent -, aber die seien ja Europäer und Christen gewesen. Der Argwohn gegenüber Muslimen sei indes wohl groß. "Vielleicht haben die Leute Angst, dass sie etwas verlieren könnten, was sie sich über Jahre erarbeitet haben." In Gemmrigheim leben aktuell etwa 30 Flüchtlinge in der vorläufigen und sechs in der Anschlussunterbrinung.

Die FDP-Rathauschefin versucht gegenzusteuern. So hat sie vor Jahren eine Städtepartnerschaft mit dem griechischen Trigono ins Leben gerufen, von wo viele ehemalige Einwanderer stammen. "Es ist wichtig, den Menschen hier vor Augen zu führen, dass wir ein gutes Potenzial vor Ort haben und voneinander lernen können", sagt Monika Chef. Im Alltag, betont sie, seien rechte Tendenzen in Gemmrigheim indes nicht spürbar, "das schlägt immer nur bei den Wahlen durch".

Nur knapp hinter Gemmrigheim liegt mit 18,26 Prozent Tamm, eine Gemeinde, in der das Thema Asyl durchaus präsent ist. In einer Unterkunft in der Hölderlinstraße leben aktuell 240 Flüchtlinge, der Mietvertrag mit dem Landratsamt läuft jedoch Ende des Jahres aus. Stattdessen werden nach aktuellem Planungsstand 126 plus 66 Flüchtlinge in zwei neuen Unterkünften leben - die Zahl verringert sich also in Tamm. Der Bürgermeister Martin Bernhard betont denn auch, dass sich die Diskussion im Ort mittlerweile "versachlicht" habe. Hinzu kommt: Die beiden Hohenstange-Wahlbezirke etwa, in denen die AfD stärker als die CDU war - Topwert: 25,4 Prozent -, liegen nicht in der Nähe von Asylunterkünften. Stattdessen, sagt Martin Bernhard, habe es in der großen Hochhaussiedlung eher eine Wahlverschiebungen von der klassischen SPD-Klientel, zu der auch sozial Benachteiligte zählen, zur AfD gegeben. Den Tammer Bürgermeister schmerzt am Wahlausgang besonders, dass er mit den abgewählten Claus Schmiedel (SPD) und Klaus Herrmann (CDU) zwei Abgeordnete verliere, "die sich wirklich eingesetzt haben". Grundsätzlich sei das gute Abschneiden der AfD etwas, was im Rathaus und im Gemeinderat durchaus diskutiert werden müsse.

Peter Schäfer, der Bürgermeister von Eberdingen, betrachtet den dritten Platz seiner Kommune in der Liste der AfD-Hochburgen als "Zufall", wie er wie aus der Pistole geschossen sagt. 17,38 Prozent hat die Partei hier geholt. Insgesamt finde er das Ergebnis "bedauerlich", Konsequenzen ziehe er daraus aber "sicher nicht. Der Wähler hat gewählt, das ist sein gutes Recht". Auch habe Peter Schäfer nicht vor, nach den Ursachen zu forschen. "Da müssen Sie die Wähler fragen, ich bin hier nicht mal wahlberechtigt", sagt der Bürgermeister.

Einen Groll gegen Asylbewerber habe er in seiner 6800 Einwohner starken Gemeinde nicht festgestellt. Über das erste Asylzelt im Landkreis, das aktuell im Ortsteil Hochdorf aufgebaut wird und in dem 74 Flüchtlinge neben bereits bestehenden Unterkünften leben sollen, sei zwar niemand erfreut, "das ist doch klar, dass sich niemand das wünscht", die Bürger hätten aber verstanden, dass Unterbringungmöglichkeiten für die Neuankömmlinge geschaffen werden müssten. Eine Bürgerinformationsveranstaltung vor Kurzem ist laut Peter Schäfer "völlig niederschwellig und geräuscharm" verlaufen.

Dass in Sachsenheim die AfD viele Stimmen einfahren würde, war zu erwarten gewesen. Immerhin gibt es hier einen von nur zwei Ortsvereinen im Landkreis, zudem sitzt mit Dr. Roland Mackert ein AfDler im Gemeinderat. 17,22 Prozent der Landtagswahl-Stimmen aus Sachsenheim entfielen am Sonntag auf die Partei. Und was auffällt: Vor allem in Großsachsenheim räumte sie ab. Im Kindergarten Spatzennest wählten 27,91 der Berechtigten die Kandidatin Anja Markmann, im wenig entfernten Kindergarten Regenbogen waren es 22,37 Prozent. "Das ist offensichtlich, dass es da um die geplante Asylunterkunft im Zimmerer Pfad geht", sagt Nicole Raichle, die Sprecherin der Stadtverwaltung. In dem Gebiet wird die Diskussion über die Kirchengemeinde, die ein Grundstück für eine 80-Personen-Unterkunft ans Landratsamt vermietet, seit Monaten besonders heftig geführt. Letztlich habe der Bürgermeister Horst Fiedler wegen dieser und anderer Kontroversen rund ums Thema Asyl in Sachsenheim tendenziell mit einem hohen AfD-Ergebnis gerechnet, so Nicole Raichle.

SO IST'S RICHTIG

Auf unseren Sonderseiten zur Landtagswahl, die am Montag erschienen sind, sind auf Seite 23 in der Liste der Ergebnisse aus Sersheim einige Zahlen vertauscht worden. Die richtigen Wahlergebnisse aus Sersheim finden Sie in derselben Ausgabe auf der Seite 21.

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