Wettbewerb Mit Messer, Schere, Hand und Kopf

Die Oberriexinger Korbflechterin Lore Wild wurde für den Staatspreis Gestaltung Kunst Handwerk Baden-Württemberg nominiert. Hier präsentiert  sie ihr Herzstück, das geflochtene „Gefäß“, mit dem sie sich beim Wettbewerb bewarb.
Die Oberriexinger Korbflechterin Lore Wild wurde für den Staatspreis Gestaltung Kunst Handwerk Baden-Württemberg nominiert. Hier präsentiert sie ihr Herzstück, das geflochtene „Gefäß“, mit dem sie sich beim Wettbewerb bewarb. © Foto: Martin Kalb
Von Ifigenia Stogios 28.08.2018

Im Erdgeschoss ihres Hauses in Oberriexingen, das sie von ihren Großeltern geerbt hat, befindet sich die Flechtwerkstatt von Lore Wild. Ein kleines Schild am Eingang macht darauf aufmerksam. Beim Betreten des Werkraums fällt ein Stuhl mit kaputtem Geflecht auf. „Das ist einer meiner Aufträge“, sagt die Korbflechterin, die jüngst für den Staatspreis „Gestaltung Kunst Handwerk“ Baden Württemberg nominiert wurde. Der Werkraum ist urig eingerichtet, nahezu alles ist aus Holz. Im Zimmer nebenan sind viele Kunstwerke zu bestaunen. Handgeflochtene Trage- und Einkaufskörbe in verschiedenen Größen, eine Kiste, ein Wandgeflecht in Form einer Feder sowie künstlerische Objekte der Innenarchitektur. Alle handgefertigt und aus Weide. Dieses Material bevorzugt Wild, weil es besonders gut für die Handarbeit geeignet sei. „Die Weide ist widerspenstig und haptisch“, sagt sie. „Man muss mit der Weide arbeiten, kann nicht gegen sie arbeiten“, betont sie. Wichtig sei es darum, auf Ideen zu kommen, für die man das Material überhaupt anwenden kann.

Mehrweidige Kimmtechnik

Was Wild von anderen Korbflechtern unterscheidet, ist die mehrweidige Kimmtechnik. Das heißt: Sie bringt Weiden verschiedener Farben besonders gut zur Geltung, indem sie diese ineinander flechtet. Die mehrweidige, gedrehte Kimme ist eine sehr dichte und optisch beeindruckende Flechttechnik. Gefäßartige Körbe kommen damit besonders gut zur Geltung. Die Werke, mit denen sie sich für den Kunstpreis bewarb, nannte Wild „Gefäße“, nicht nur wegen ihrer Form, sondern auch wegen der „Spuren“ auf der Gefäßwand. Die Kreise, die die Weiden unterschiedlicher Farben bilden, lassen den Betrachter meinen, dass eine Flüssigkeit innerhalb des Gefäßes ihre Spuren hinterlassen habe, erzählt sie.

Gearbeitet wird mit eher feinen, ungeschälten Weiden. Diese kommen aber erst zwei Wochen ins Wasser. Auf diese Weise sind sie biegsamer und weich genug, um bei der Handarbeit eingesetzt werden zu können. Die Weiden besorgt sie sich beim Weidenanbau oder kauft sie von Händlern. „Ich habe aber auch selber ein paar Weiden angebaut.“ Der schwierigste Part, so sagt sie, ist die Umsetzung. An Ideen und Inspiration mangelt es Wild nicht. Die Künstlerin kombiniert traditionelle Technik mit verschiedenen Techniken fremder Länder. Das hat mit ihren vielen internationalen Bekanntschaften zu tun. Durch die Arbeit habe sie Kontakte zu Kollegen aus aller Welt geknüpft. Diese Kontakte haben nicht nur ihren Horizont erweitert, sondern ihr auch die Möglichkeit gegeben, sich von verschiedenen Flechttechniken etwas abzuschauen. „In Frankreich zum Beispiel hat jede Region ihre Korbform, hier ist es nicht so“, sagt sie.

In knapp 30 Jahren hat Wild schon an zahlreichen Werkprojekten, Festivals, Märkten und Ausstellungen teilgenommen. Fürs Rathaus in Oberriexingen hat sie eine Lampe, „die über drei Stockwerke reicht“, mit einem Geflecht verziert. Im Blühenden Barock kreierte sie die geflochtene Außenwand eines Weinberghäuschens. Sie zeigt Fotos eines weiteren Architekturwerks, einen kugelförmiger Wartebereich, der einer Höhle ähnelt. Im Inneren befinden sich Stühle und ein Tisch. Weitere Werke sind Trennwände auf Terrassen. Auch skurrile Aufträge gehören dazu, wie etwa eine Überurne zum einem Flechtkunstwerk zu verwandeln und den Henkel einer Teekanne mit Flechttechniken imposanter aussehen zu lassen. Ihr Wissen gibt Wild gerne weiter. Sie bietet immer wieder Korbflechtkurse an der VHS an.

Zum Handwerk kam die Kunsthandwerkerin auf ungewöhnlichem Weg. „Ich träumte abends vom Flechten“ – und das ohne je zuvor geflochten zu haben. Daraufhin beschloss sie eine Ausbildung zur Korbflechterin zu machen. 1990 erhielt sie ihren Meisterbrief. Seither arbeitet sie selbstständig als Korbflechterin. In der heutigen Zeit sagt sie, fasziniere sie, dass beim Korbflechten keine Maschinen eingesetzt werden müssen. „Kopf, Schere, Hand und Kopf: Das sind meine Werkzeuge“, sagt sie. Um den Preis hat sie sich schon mehrmals beworben – bisher ohne Erfolg. Umso größer war dieses Mal ihre Freude, als sie erfuhr, dass sie unter den Nominierten ist. Sie sagt: „Ich war total überrascht und freue mich sehr, es ist eine Ehre für mich.“ Die Flechterei habe nicht den Bekanntheitsgrad der Keramik oder der Goldschmiede, deshalb sei es erfreulich und wichtig, dass der Wettbewerb diese Art von Handarbeit in den Fokus rücke.

112 Kunsthandwerker haben sich mit 262 Werken beworben. Die Jury wählte sechs Bewerber aus. Die Preisverleihung findet am 7. Oktober statt. Die besten Drei erhalten ein Preisgeld von insgesamt 12 000 Euro. Der Wettbewerb um den Staatspreis „Gestaltung Kunst Handwerk“ mit der Landesausstellung (es werden die 70 besten Kunstwerke des Wettbewerbs ausgestellt) findet alle zwei Jahre statt. Veranstalter sind das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau, sowie der Bund der Kunsthandwerker Baden-Württemberg.

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