Gericht Messerstiche im Drogenrausch?

Markgröningen / Bernd Winckler 14.03.2018

Es geht um ein Messer, eine abgebrochene Flasche, einen bissigen Polizeihund – und „viele Menschen, die mit Pistolen zurückschießen!“ Im Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht gegen einen  37-Jährigen, der nachts vor einem Markgröninger Supermarkt seinen besten Freund durch Messerstiche verletzte, kommen nun mehr Einzelheiten über die Festnahme des Angeklagten ans Licht.

Dieser Fall, der seit dem 1. März vor der Stuttgarter Schwurgerichtskammer verhandelt wird, kommt den Richtern schon etwas unheimlich vor. Und auch jene Polizisten, die in der Nacht zum 1. September letzten Jahres am Tatort aufkreuzten, um den Messerstecher festzunehmen, berichten von etwas unheimlichen Geschehnissen, die man mit dem Angeklagten erlebte. Man habe ihn auf dem Parkplatz des Markgröninger Lebensmittelmarkts angetroffen, mit einer abgebrochenen Flasche in der Hand, jedoch ohne das Messer, mit dem er zuvor seinen 29-jährigen Freund in die Flanke und in den Hals gestochen haben soll.

Man habe ihn aufgefordert, sich auf den Boden zu legen sagt einer der Beamten. Doch der 37-Jährige habe nicht reagiert. Viermal hätten die Beamten den Befehl wierderholt, viermal habe der Mann verweigert. Dann habe man kein anderes Mittel mehr gewusst, als den Polizeihund gegen ihn einzusetzen. Vor allem auch, weil da immer noch die abgebrochene Flasche im Spiel war. Der Schäferhund-Rüde biss in den Oberschenkel des Angeklagten. Dann sei er – immer noch unter erheblichem Widerstand – festgenommen worden.

Doch die nächste Überraschung wartete schon: Der 37-Jährige habe plötzlich gesagt, man solle aufpassen, denn hinter ihm würden sich mehrere Menschen versteckt aufhalten, mit geladenen Pistolen im Anschlag, mit denen sie losballern würden.

Gefängnis oder Psychiatrie?

Inzwischen scheint auch klar, warum der Angeklagte sich in der Nacht so sonderbar verhielt. Er soll sich zuvor – zusammen mit dem Opfer – reichlich mit Kokain zugedröhnt haben. Nach der Festnahme wurde bei ihm noch eine kleine Menge sichergestellt – in auffallend hoher Konzentration. Die Stiche gegen den ebenfalls drogensüchtigen Freund will der Angeklagte getätigt haben, weil dieser nachteilig über seine Freundin geredet haben soll. Die Verletzung am Hals des Opfers rührt laut Gerichtsmedizin von der abgebrochenen Flasche her.

Mit Hilfe eines psychiatrischen Sachverständigen will das Gericht herausfinden, ob die Tat eventuell im schuldunfähigen Zustand begangen wurde. Andere Zeugen, die ebenfalls gestern vernommen wurden, konnten recht wenig zum Allgemeinverhalten und zur Drogensucht des Angeklagten sagen. Eine ehemalige Freundin sagt, er habe ein gutes Herz, und eine „harte Schale mit weichem Kern“. In der Tatnacht habe er bei ihr angerufen und mitgeteilt, dass er jemanden gestochen hat. Sollte er zum Tatzeitpunkt tatsächlich nicht Herr seiner Sinne gewesen sein, droht statt Gefängnis ein geschlossenes psychiatrisches Krankenhaus.

Auch das 29-jährige Opfer hatte nach der Messer-Attacke bei einem Freund angerufen, der sich zur Tatzeit in der Nähe aufhielt. Dieser Zeuge sagte gestern: Das Blut sei aus den Wunden nur so herausgelaufen. Ob das Opfer unter Drogen stand, konnte er nicht sagen. Er weiß nur, dass sich die beiden Männer auf dem Parkplatz heftig verbal gestritten hätten. Das habe er nebenbei am Handy mitgehört, als das Opfer bei ihm anrief.

In den zwei verbleibenden Verhandlungstagen am Stuttgarter Landgericht geht es auch um die Frage: versuchter Totschlag oder gefährliche Körperverletzung? Täter und Opfer haben sich versöhnt und im Gerichtssaal sogar umarmt. Am 22. März soll das Urteil fallen.

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