Sankt Martin Martin und seine Gänse

Sachsenheim / Michaela Glemser 10.11.2018

Stolz galoppiert Luis mit seinem Steckenpferd im Kreis und lässt seinen langen, purpurroten Mantel bis auf den Boden hinabhängen. Auf dem Boden kauert auf einer weißen Decke, die eiskalten Schnee symbolisieren soll, der kleine Marlon und zittert an Armen und Beinen, als ob er schrecklich friert. Luis bleibt mit seinem Pferd stehen, zückt sein großes, hölzernes Schwert und teilt seinen warmen, roten Mantel in zwei Teile. Dankbar nimmt Marlon ein Mantelstück entgegen und wärmt sich. „Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross das trug ihn fort geschwind“, singen die anderen Kinder der Jumbo-Gruppe im evangelischen Kindergarten „Unterm Weinberg“ in Hohenhaslach, wo an diesem Vormittag die Geschichte vom Sankt Martin im Mittelpunkt steht.

„Die christliche Botschaft der Barmherzigkeit und Nächstenliebe ist auch in der heutigen Zeit noch sehr aktuell. Die Kinder können sich gut in die Situation des armen Bettlers hinein fühlen und verstehen, dass er Hilfe braucht“, erklärt Erzieherin Nicole Kluger. Ihr und ihren Kolleginnen Enikö Bodó-Tóth und Renate Trommer ist es wichtig, dass die Kinder den Sinn der Legende vom Heiligen Martin auch wirklich verstehen. Deshalb hören und sehen die Kleinen die Geschichte zunächst mithilfe eines Kamishibai-Erzähltheaters, ein japanisches Papiertheater.

So zeigt das erste Bild einen Mann in einem Stall mitten in einer aufgeregt schnatternden Gänseschar. „Der Mann hieß Martin und wollte sich verstecken. Er hat die Gänse angefleht leise zu sein, da er auf der Flucht vor den Menschen war, die ihn zum Bischof machen wollten. Was ist denn ein Bischof?“, fragt Erzieherin Nicole Kluger. Der kleine Jannis glaubt, dass ein Bischof bestimmt einen Ring aus Gold hat, während sich Mateo daran erinnert, dass ein Bischof immer einen großen Hut trägt. Schritt für Schritt wird den Kindern deutlich, dass ein Bischof mit Hut und Stab auf die Menschen aufpasst wie ein Hirte oder ein Schäfer auf seine Tiere. Die Kleinen verstehen auch, dass Martin sich diese große Aufgabe nicht zutraute und daher in einen Gänsestall geflohen ist.

Schnatternde Gänse

Christian ist inzwischen in ein Mönchsgewand geschlüpft und wird von den schnatternden Mädchen Isabel, Sophia, Michal, Amelie und Letizia, die allesamt ein Gänsekostüm tragen, umringt. „Martin erzählte den Gänsen wie er früher als römischer Soldat gekämpft hat und in einer eisig kalten Winternacht auf einen armen Bettler traf, der kaum etwas zum Anziehen hatte“, schildert Kluger und zeigt in der Erzähltheater-Bühne die nächsten Bilder der Martinsgeschichte, die einige Kinder schon zu kennen scheinen. Ida-Marie beispielsweise berichtet: „Ich habe die Geschichte gestern Abend als Video angeschaut.“

Erzieherin Nicole Kluger erzählt weiter, dass Martin nach diesem Erlebnis mit dem Bettler kein Soldat mehr sein wollte, um nicht mehr kämpfen zu müssen. „Martin wollte nur noch Gutes tun und wurde vor allem sehr gläubig, denn er ging in ein Kloster“, so Kluger. „Wie Martin Luther“, wirft der kleine Jan ein. Tatsächlich wird in einigen protestantischen Gegenden, vor allem in Notdeutschland, kein Martinsfest, sondern ein Martinifest gefeiert. Dabei wird nicht dem Heiligen Martin gedacht, sondern dem Reformator Martin Luther, der am 11. November, dem Martinstag, getauft wurde.

Schließlich zeigt das letzte Bild des Erzähltheaters Martin doch noch im Bischofsgewand, denn die Gänse verraten mit ihrem lauten Geschnatter den geflüchteten Martin und dieser erkennt, dass er ein guter Mensch ist, der sich das Bischofsamt durchaus zutrauen kann. Der Heilige Martin wurde im Jahr 372 zum Bischof von Tours gewählt. Am 8. November 397 ist er im hohen Alter von 81 Jahren gestorben, und am 11. November wurde der Heilige Martin unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen. Daher gedenken die Menschen bis heute um den 11. November eines jeden Jahres herum dem Leben des barmherzigen Edelmanns, indem sie mit hell erleuchteten Laternen durch die Straßen ziehen, meist angeführt von einem Reiter in einem roten Mantel hoch zu Pferd.

Auch im evangelischen Kindergarten „Unterm Weinberg“ im Sachsenheimer Stadtteil wurden in den vergangenen Tagen bereits fleißig Laternen gebastelt, die in diesem Jahr allerdings nicht den Heiligen Martin zeigen, sondern das „Leben im Wasser“ als Jahresthema des Kindergartens aufnehmen. Layla, Lilly, Leonie, Jella, Noah und Evan präsentieren stolz ihre Laternen und können es dabei kaum erwarten, die kleinen Kerzen darin endlich anzuzünden. „Wir haben zunächst mit den Kindern Transparentpapier mit blauer Farbe bemalt. Anschließend haben wir bunte Fische gezeichnet sowie ausgeschnitten und damit das blaue Transparentpapier beklebt. Aus kleinen Papierstückchen konnten die Kinder schließlich noch Wasserpflanzen anfertigen. Fertig war die schöne Unterwasserlandschaft auf den Laternen“, erläutert Erzieherin Enikö Bodó-Tóth.

Mit Laternen durch die Weinberge

Beim großen Laternenfest am Dienstag werden alle Kindergartenkinder abends durch die Hohenhaslacher Weinberge ziehen. Die Eltern warten derweil vor dem Kindergarten auf die Rückkehr ihrer Sprösslinge, wo anschließend noch gemeinsam gefeiert und mit musikalischer Unterstützung des Posaunenchors gesungen wird. Sicherlich werden dabei auch die Liedverse erklingen: „Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin zog die Zügel an, sein Ross stand still beim armen Mann. Sankt Martin mit dem Schwerte teilt, den warmen Mantel unverweilt.“ Beim Biss in den Martinsweck wird sich so manches Kind zurückerinnern an den großherzigen Mann, dem in einer kalten Winternacht das Schicksal eines armen Bettlers nicht egal war.

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