Arbeiten, das kann Jenny De Oliveira Fernandes erst mal abhaken. Und das nicht unbedingt, weil vor rund dreieinhalb Monaten Töchterchen Thalia geboren wurde. Nein, vor allem, weil Sohn Leandro (3) wohl erst mit vier Jahren den gewünschten Kindergartenplatz bekommt. So wie der Familie der 32-Jährigen aus Kleinsachsenheim geht es in der Stadt zahlreichen weiteren. Denn Kinderbetreuungsplätze sind rar, die Maßnahmen der Stadt kommen für diese Familien zu spät.

39 Kinder stehen in Großsachsenheim auf der Warteliste, 30 in Kleinsachsenheim und 10 in Hohenhaslach - allesamt für über Dreijährige (Ü3) im Bereich verlängerte Öffnungszeiten (bis seiben Stunden). Macht insgesamt 79 Kinder auf der Warteliste, die eigentlich Anspruch auf einen Kindergartenplatz hätten.

Schon im Januar 2018 hatte Fernandes ihren Sohn für einen Betreuungsplatz ab dem 3. Lebensjahr angemeldet, im Jahr darauf sicherheitshalber gleich noch mal. Im Mai 2019 dann der Schock: Wohl erst zum Kindergartenjahr 2020/21, also in einem Jahr, darf Leandro in den Kindergarten. Dann ist er fast vier. „Ein halbes Jahr später hätte ich ja noch akzeptiert, aber so ist das schon heftig. Die Kinder lernen im Kindergarten doch auch viel, brauchen den sozialen Kontakt“, klagt Fernandes, „es tut mir als Mutter weh, wenn wir am Kindergarten vorbeigehen und mein Kind mich fragt, wann es endlich in den Kindergarten darf.“

Saskia Kruspel, stellvertretende Vorsitzende im Elternbeirat des Kindergartens Regenbogen, kennt viele solcher Fälle. Auch sie hat erfahren, wie schwer es ist, einen Betreuungsplatz zu bekommen. Im Mai wurde Sohn Ari drei, erst auf September wurde ihm ein Platz im Wohnort Großsachsenheim angeboten. „Und das trotz Geschwisterkind und zweier berufstätiger Eltern“, klagt die 33-Jährige. Zur Verteilung der Plätze nutzt die Stadt ein Punktesystem mit Gewichtung verschiedener Kriterien, wie Berufstätigkeit der Eltern, Alter der Kinder oder Geschwisterkinder.

Für die, die keinen Platz bekommen, verweist die Stadt auf Tageseltern ­– oder den Kindergarten Sonnenblume in Ochsenbach. Es ist die einzige Einrichtung im Stadtgebiet, die noch Kapazitäten hat. Gesetzlich gilt das als „zumutbar“. So hätte auch Saskia Kruspel jeden Morgen nach Sachsenheim pendeln können. Doch die zweifache Mutter lehnte ab: „Da könnte ich meine Arbeitszeit von knapp fünf Stunden am Tag gar nicht mehr gewährleisten.“ Zumal der Kindergarten in Ochsenbach nur eine kürzere Regelbetreuung anbietet.

Immerhin: „Wir hatten das Glück, dass die Tagesmutter, bei der Ari bisher betreut wurde, noch einen Platz für die Übergangszeit frei hatte“, berichtet Saskia Kruspel. Und ein wenig früher als geplant, nämlich ab Mitte August, durfte der Junge dann auch noch in den Kindergarten. Auf dem Differenzbetrag von 250 Euro, den die Tagesmutter in dieser Zeit mehr kostete, blieb die Familie aber sitzen. „Kein ersatzpflichtiger Schaden“, hieß es vom Landratsamt, das die Betreuung bei Tageseltern fördert. Die Familie hätte klagen können. Doch der Anwalt riet wegen der geringen Summe davon ab. Eine Klage in einem ähnlichen Fall hat die Stadt schon erhalten, ansonsten sei es bisher bei Beschwerden geblieben, heißt es aus dem Rathaus.

Auch der Sohn von Jenny De Oliveira Fernandes hätte nach Ochsenbach in den Kindergarten gehen können. Doch auch die 32-Jährige sagt: „Da bin ich jeden Tag zwei Stunden damit beschäftigt, zu bringen und abzuholen. Außerdem habe ich nicht immer ein Auto, und mit dem Bus dauert es noch länger.“

Arbeiten kann die gelernte zahnmedizinische Fachangestellte so erst mal nicht. Ihr Arbeitgeber „war zum Glück kulant“ und hat den Antrag auf Elternzeit, den sie für Thalia gestellt hat, verlängert. Auch ihre Tochter ist natürlich ein Grund, weshalb sie nicht in Kürze wieder arbeiten will, eine U3-Betreuung kommt für sie aktuell nicht in Frage. „Das sehe ich aus Kostengründen gar nicht ein“, spricht sie ein weiteres Thema in Sachsenheim an: 376 Euro werden für sechs Stunden, 639 für zehn Stunden täglich fällig. Damit ist die Stadt im Kreis ganz vorne dabei, kommt aber dennoch nur auf 14 Prozent Deckungsgrad. Empfohlen sind, 20 Prozent der Kosten durch die Eltern abzudecken.

Mittlerweile hat die Stadt einen massiven Ausbau der Kinderbetreuung beschlossen (die BZ berichtete). Doch das dauert. „Da die geplanten An- und Neubauten frühestens 2021 Entlastung bringen werden, wird sich das Defizit bis dorthin kaum reduzieren lassen,“ sagt die Stadt. Eher wird es noch weiter anwachsen. Auch mit der erhofften Entlastung durch den Waldkindergarten wurde es zu diesem Kindergartenjahr nichts, weil das Landratsamt wegen des Standorts (direkt neben der bestehenden Gruppe in Kleinsachsenheim) naturschutzrechtliche Bedenken hat. Immerhin 20 zusätzliche Betreuungsplätze hätten so kurzfristig geschaffen werden können. Die kommen jetzt wohl erst 2020/21. „Die Verwaltung arbeitet auch an Übergangslösungen, die jedoch zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht spruchreif sind“, betont Sprecherin Nicole Raichle.

Ari und Leandro haben davon wohl nichts mehr. Für ihre beiden Mütter trägt die Stadt zumindest eine Mitschuld an der Situation. „Es entstehen Wohngebiete, und man denkt nicht daran, dass da auch Kinder zuziehen“, klagt Jenny De Oliveira Fernandes. Ihre Hoffnung: „Vielleicht springt noch jemand ab, und Leandro kann doch früher in den Kindergarten.“

Die Situation der Kinderbetreuung in Sachsenheim


Bei der geplanten Sanierung des Kindergartens Regenbogen in Großsachsenheim gibt es Verzögerungen. „Die für die Sommerferien geplanten, vorbereitenden Maßnahmen konnten mangels Verfügbarkeit der Handwerkerfirmen nicht durchgeführt werden“, erklärt die Stadt. Heißt: Die dringend notwendige Verbesserung der Heizung klappt vor dem Winter nicht mehr. Für den anstehenden Winter werden zusätzliche Wärmestrahler installiert.

Das laut Stadt „unzureichende“ Heizungs- und Lüftungssystem sorgt im Sommer für Hitze und im Winter für teilweise nur rund zehn Grad Bodentemperatur für die bis zu 95 Kinder und Erzieher. Dass es vorwärts geht, gibt es in den Herbstferien vier zusätzliche Schließtage. Andere Arbeiten werden während des laufenden Betriebs erledigt. Die grundsätzliche Fertigstellung der Sanierung im Sommer 2020 sei „nicht beeinträchtigt“, teilt die Stadt mit. msc