Mein Ruhepuls liegt standardmäßig bei 80 Schlägen in der Minute. Kann ich eine Waffe dann überhaupt stillhalten? „Natürlich“, prophezeit mir Christiane Braun, „das kann man lernen.“ Die 49-Jährige und ihr Lebensgefährte Sven Johann nehmen seit rund sechs Jahren im Großsachsenheimer Schützenverein in über 30 Disziplinen die Waffe in die Hand, Ende des Monats fahren sie zu den deutschen Meisterschaften. Die Regularien sind dieselben, nach denen sich auch Olympioniken richten müssen.

Dreimal wurde Sven Johann bisher deutscher Meister des Bundes Deutscher Sportschützen, Christiane Braun fünfmal. 2014 gewann sie den bundesweiten Titel in der Disziplin „Bockdoppelflinte Fallscheibe“, nachdem sie zuvor die anderen Kandidaten bei den Bezirks- und Landesmeisterschaften hinter sich gelassen hatte – in der Herrenkonkurrenz.

Bei den Damen herrschte akuter Personalmangel. Dieser Mangel ist auch beim Nachwuchs zu verzeichnen, berichtet Sven Johann: „Das Durchschnittsalter liegt um die 40 Jahre.“ Immerhin ist das Schießen eine Sportart, bei der man in diesem Alter noch Medaillen holen kann und jenseits der 30 nicht zum alten Eisen gehört. Zwar wurde die 33-jährige Deutsche Monika Karsch bei ihrer Silbermedaille in Rio von einer 20-jährigen Studentin besiegt, die Schweizer Bronze-Medaillen-Gewinnerin aber ist 47 Jahre alt.

Ein Boom in den Vereinen durch Olympia(-erfolge)? Christiane Braun und Sven Johann schütteln den Kopf. Dabei kann sich die hauptberufliche Vorstandssekretärin einer Baugenossenschaft nicht so recht erklären, woran das liegt. „Wer auf dem Jahrmarkt eine Rose schießt, soll mir sagen, dass das keinen Spaß macht“, meint sie lachend. Der Ruf des Schützenfests – er trage nicht gerade dazu bei, junge Menschen für den Schießsport zu begeistern. „Wenn sie mal da sind, macht es fast allen Spaß. Doch die meisten finden erst gar nicht den Weg zum Schießen.“

Bevor ich meine Fähigkeiten testen darf, muss ich um bestimmte Vorschriften Bescheid wissen. Todsünde: sich im 180-Grad-Winkel der Waffe bewegen, wenn sie gerichtet ist. „Egal, ob sie geladen ist oder nicht, ob sie entsichert ist oder nicht: Das macht man nicht“, betont Christiane Braun. Also: immer maximal seitlich, besser hinter dem Schützen positionieren. Das gilt natürlich überall gleichermaßen – auch bei olympischen Wettbewerben. Die Waffe darf den Schießstand nicht verlassen, sofern der Wettkampf nicht beendet ist. Wer fertig ist, muss sie sichern, von Personen abwenden und ruhig lagern. Die Sicherheit hat oberste Priorität.

So viel Publikum wie die Olympiateilnehmer haben die Sachsenheimer Schützen selten, selbst bei Outdoor-Disziplinen wie dem Tontaubenschießen. Unterschieden werden Trap, Doppeltrap und Skeet, die allesamt olympisch sind. Geschossen wird mit Christiane Brauns „Lieblingswaffe“, der Flinte. Trainingsmöglichkeiten gibt es aus finanziellen Gründen und begrenzter räumlicher Kapazitäten deutschlandweit sehr wenige, auch in Großsachsenheim geht das nicht. Immerhin sind hier zwei Bahnen für das Großkaliber-Gewehr zugelassen; das olympische Programm sieht einen solchen Wettbewerb nicht vor. Sven Johann und Christiane Braun vermuten, dass es am Handling liegt: Jeder Zuschauer müsste einen Kopfhörer tragen. Auch das Silhouetten-Schießen ist nicht olympisch. Hierbei wird frei stehend auf Metallscheiben geschossen, die im Entferntesten die Form von Tieren haben. Über die 50-Meter-Distanz wurde Johann deutscher Vizemeister. Seine Lieblingsdisziplin aber ist das Fallscheiben-Schießen über eine Entfernung von 15 Metern.

Genau das darf ich jetzt auch ausprobieren. Zuerst einmal mit der Kleinkaliber-Pistole. Schutzbrille und Kopfhörer aufsetzen, dann bekomme ich einige Instruktionen, wie ich die Waffe halten und bedienen muss. Ich stehe mit ausgestreckten Armen frontal zu den Scheiben, die Pistole fest in beiden Händen. Ich kneife ein Auge zu, versuche Kimme und Korn auf eine Linie zu bringen. Ich drücke ab. Es knallt. Daneben. Ein zweiter Versuch: Die Scheibe fällt. Doch war das Zufall? Denn alle weiteren Versuche scheitern. Wir wechseln die Waffe. Nun darf ich mein Glück mit einem Kleinkaliber-Unterlader-Repetiergewehr versuchen. Wieder bekomme ich Einweisungen; gar nicht so leicht, weil ich Linkshänderin bin. Gleiches Spiel, Kimme, Korn und Zielscheibe sind vermeintlich auf einer Linie, mein linker Zeigefinger wandert zum Abzug. Peng. Treffer. Ich wage mich an die kleineren Scheiben. Sie fallen. Am Ende habe ich gezittert. Aber nicht, weil mein Ruhepuls hoch war, sondern weil das Gewehr schwer wurde.