Sersheim Interview mit Extremismus-Experten vom Demokratiezentrum

MARTIN TRÖSTER 19.11.2015
Die Massaker von Paris haben die Gefahr durch radikale Islamisten drastisch unterstrichen. Im Demokratiezentrum Sersheim gibt es seit Anfang November eine Fachstelle gegen religiösen Extremismus: Jens Ostwaldt über die Rekrutierungsmaschen von Radikalen.

Herr Ostwaldt, Sie bauen für das Demokratiezentrum den Fachbereich für Vorbeugung gegen "religiös motivierten Extremismus" auf. Wäre "islamistischer Extremismus" nicht der bessere Begriff?

JENS OSTWALDT: Im Moment muss man schon sagen, dass sich unsere Arbeit ausschließlich darauf bezieht. Es ging bei der Titelwahl darum, nicht den Islam zu stigmatisieren - christlichen Extremismus gibt es ja auch, in Afrika zum Beispiel. Für diesen Gedanken wollen wir die Leute empfänglicher machen.

Wo und wann findet islamistische Radikalisierung im Land statt?

OSTWALDT: Radikalisierung findet meistens dort statt, wo wir als Mehrheitsgesellschaft wenig Zugriff haben, etwa in einschlägigen Internetforen. Und wenn in Moscheen radikalisiert wird, dann weniger im Gebetssaal, sondern eher im Hinterzimmer. Daher wollen wir auch die Islamverbände ins Boot zu holen. Die haben nicht nur die manchmal nötige Sprachkompetenz, sondern sind meistens unter Muslimen sehr angesehene Ansprechpartner. Mit ihnen wollen wir zusammenarbeiten, um Sozialarbeiter und Lehrer im Umgang mit Jugendlichen zu schulen, die sich radikalisieren. Erste Gespräche mit den Verbänden sind anberaumt.

Sie wollen eine Art Frühwarnsystem installieren?

OSTWALDT: Wir wollen ein Netz an Ansprechpartnern aufbauen. Wir versuchen, Radikalisierung zu unterbinden, bevor sie stattfindet, auch durch Weiterbildung von Lehrern und Sozialarbeitern. Wir wollen die Jugendlichen an einem Punkt abholen, wo es Extremisten tun, etwa salafistische Prediger.

Welcher Punkt ist das?

OSTWALDT: Jedenfalls noch kein Punkt, der wissenschaftlich beschrieben ist. Über Radikalisierungsprozesse weiß die Forschung noch nicht viel Genaues. Was wir aber bereits sagen können: Wer sich einem salafistischen Milieu zuwendet, ist nicht zwingend gewaltaffin. Es kann aber ein Ereignis geben, durch das ein Jugendlicher radikal wird, zum Beispiel durch den Tod eines Familienmitglieds. Die größte Gefahr liegt in der Phase des Erwachsenwerdens, in der ein junger Mensch sein Weltbild zu hinterfragen beginnt - und gleichzeitig unzufrieden ist, zum Beispiel, weil er als Muslim diskriminiert wird. An exakt dem Punkt muss man ansetzen und ihm ein demokratisches Weltbild vermitteln. Da ist die gesamte Zivilgesellschaft gefragt - und die wollen wir stärken. Bislang muss man leider sagen, dass salafistische Prediger an diesem bestimmten Punkt die bessere Jugendarbeit machen.

Salafisten vermitteln ein Weltbild, das nichts mit Demokratie zu tun hat und nicht zu einer modernen Gesellschaft passt. Es stammt aus der Frühzeit des Islam. Was kann daran für Jugendliche denn so sexy sein?

OSTWALDT: Zum einen bieten Salafisten eine Ideologie mit einem sehr einfachen Schwarz-Weiß-Schema - mit klaren und rigiden Regeln, was erlaubt ist und was nicht. Zum anderen sind sie bei der Rekrutierung vor Ort, dort, wo die Jugendlichen auch sind. Gefährlich wird es, wenn einer, der allseits beliebt ist, sagt: "Hey, komm doch mal zu den Salafisten mit, die sind eigentlich sehr cool. . ." Er spricht die Jugendlichen also auf einer emotionalen Ebene an - zu einer Zeit, in der sie offen sind für Ideologien.

Pädagogen nennen so etwas ein "niederschwelliges Angebot".

OSTWALDT: So kann man es auch ausdrücken. Darüberhinaus ist allerdings noch ein anderer Aspekt der salafistischen Vereinnahmung gefährlich: Das Ende der Entwicklung ist für junge Menschen meistens nicht absehbar. Wenn die sich irgendwann einmal fragen, wohin das alles führt, ist es meistens zu spät. Sie kommen dann aus dieser Salafisten-Struktur nicht mehr raus, weil das Umfeld sich in aller Regel auf den radikalen Kreis beschränkt.

Welche Parallelen gibt es zur Rekrutierung durch Rechtsextremisten?

OSTWALDT: Darüber weiß die Forschung noch nicht viel. Aber die Voraussetzungen der Radikalisierung ähneln sich: Jugendliche aus sozial abgehängten Familien sind immer anfälliger. Wenn es dann zum Beispiel in einem Dorf viele Rechtsextremisten gibt, dann droht dieser Jugendliche ins rechtsextreme Milieu abzugleiten. Wenn er in einer kritischen Phase von Salafisten angesprochen wird, läuft er Gefahr, von diesen beeinflusst zu werden.

Von Baden-Württemberg aus sind laut Verfassungsschutz im vergangenen Jahr knapp 30 Dschihadisten nach Syrien gezogen. Wie kommt es dazu? Man sollte doch meinen, wer einen guten Job hat - und die gibt's hier in Massen -, dem dürfte der "Heilige Krieg" doch wurscht sein.

OSTWALDT: Gerade in einem reichen Bundesland muss man aufpassen, dass man die einkommensschwächeren Schichten nicht abhängt. Auch das kann Radikalisierungen den Boden bereiten. So ist es extrem schwierig, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Damit drängt man Geringverdiener in die Vororte. Auch im Südwesten gibt es soziale Probleme, obwohl sie im Stadtbild erst mal nicht präsent sind.

So wie es in den meisten Städten der Fall ist - in Paris aber in extremer Form geschehen ist.

OSTWALDT: Ja. Daher muss man Jugendliche, die auf diesen Zug des Wohlstandes nicht aufspringen, auf eine andere Art auffangen. Was die Wurzeln von Radikalisierung angeht, ist Wirtschaft aber nicht alles.

Was sonst noch?

OSTWALDT: Wenn ein Jugendlicher in der Kindheit diskriminiert wurde, kann die Unzufriedenheit, wie gesagt, ein Faktor sein. Und Muslime können sich durch islamfeindliche Haltungen diskriminiert fühlen. Diese Haltungen sind "dank" Bewegungen wie Pegida derzeit leider sehr präsent.

Gleichzeitig aber muss doch allen klargemacht werden, dass die Grundwerte der Mehrheitsgesellschaft zu akzeptieren sind. Diese Forderung darf man doch nicht Pegida überlassen.

OSTWALDT: Es geht eher darum, dass niemand dazu gezwungen wird, sich vollständig anzupassen, dass ihm allerdings das, was unserer Gesellschaft wichtig ist, durchaus vermittelt wird. Dazu gehört auf der anderen Seite aber auch, dass man als Mehrheitsgesellschaft den Islam akzeptiert und den Muslimen Signale sendet, die besagen: Ihr seid ebenso Teil dieser Gesellschaft wie die Christen. Das kann zum Beispiel über die Einführung des Islamunterrichts an Schulen geschehen oder durch den Bau von Moscheen - so können gläubige Muslime ihren Platz in unserer Gesellschaft finden.

Jens Ostwaldt, Islamisten

Fachstelle Jens Ostwaldt, 26, arbeitet seit Anfang November im Demokratiezentrum des Landes in Sersheim, in der neuen "Fachstelle für die Prävention von religiös begründetem Extremismus". Ostwaldt ist Erziehungswissenschaftler und schreibt seine Doktorarbeit über den Zusammenhang zwischen Islamfeindlichkeit und Radikalisierung von Islamisten. Das Demokratiezentrum bildet und vernetzt unter anderem zum Thema Extremismus. Es wird gefördert durch das Land und das Bundesfamilienministerium. Beauftragt mit der Koordinierung ist die Jugendstiftung Baden-Württemberg mit Sitz in Sersheim.

Islamisten im Südwesten Im Bericht des Landes-Verfassungsschutzes 2014 heißt es: Die 450.000 bis 600.000 Muslime im Land praktizieren ihren Glauben "ganz mehrheitlich im Einklang mit deutschen Gesetzen und Grundordnungen". Als Ausnahmen gelten unter anderem Salafisten, die sich an den Werten der islamischen Frühzeit orientieren: Teilweise sind sie militant. Der Verfassungsschutz schätzt das "Islamistische Personenpotenzial" auf 3357 - etwa 550, gelten als "Politische Salafisten" (Bund: 43 889, 7000). 2014 haben sich 30 Islamisten aus dem Südwesten nach Syrien aufgemacht (Bund: 550), um sich jihadistischen Kämpfern anzuschließen. Wie viele von Salafisten rekrutiert wurden, steht nicht im Bericht.

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