Sachsenheim/Valréas / Von Mathias Schmid  Uhr

Patrick Adrien ist seit rund fünf Jahren Bürgermeister von Valréas. Die Partnerschaft mit der Stadt Sachsenheim hat er aber von Beginn an miterlebt. Denn als diese vor 25 Jahren geschlossen wurde, war sein Vater eine der treibenden Kräfte: Der mittlerweile verstorbene Albert Adrien war damals stellvertretender Bürgermeister in der französischen Kleinstadt. Im Interview mit der BZ spricht er über seine Erinnerungen, die Partnerschaft und die Lage in seiner Heimat.

Herr Adrien, die Partnerschaft mit Sachsenheim scheiterte 1993 wegen der Gräueltaten der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zunächst. Französische Veteranen wollten sie verhindern. Welche Erinnerungen haben Sie noch?

Patrick Adrien: Es war damals sehr schwierig. Die Leute hier hatten und haben – und das respektiere ich – vor Augen, was im Krieg passiert war. Mein Vater hat damals versucht, mit der Partnerschaft die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland zu verbessern. Im Krieg gab es auf beiden Seiten viele Menschen, die gelitten haben. Bei uns herrschte damals nicht unbedingt eine Kultur des Verzeihens. Die Partnerschaft hat es geschafft, die Lage zu verbessern. Gott sei Dank hat sich damals der gute Sinn hinter diesem Vorhaben doch noch durchgesetzt und hat diese innige Freundschaft zwischen unseren Städten hervorgebracht.

Ihr Vater leitete die Partnerschaft ein. An Ihnen liegt es jetzt, sie in die nächste Generation zu führen. Wie wollen Sie das anstellen?

Genau deshalb haben wir während des Besuchs aus Sachsenheim über die Jugend gesprochen. Wir brauchen gemeinsame Projekte, um in eine Zukunft der Freundschaft zu gehen – ohne dabei die Geschichte zu vergessen, indem wir sie respektieren. Aber Frankreich und Deutschland sind die Träger der europäischen Idee. Ich hoffe, dass wir diese auch in Zukunft hochhalten werden.

Die soziale Situation in Valréas ist nach wie vor nicht die beste. Haben die Leute nicht andere Sorgen als eine Städtepartnerschaft?

Valréas hat wirtschaftlich sehr gelitten in den letzten 25 Jahren. Wir haben 3000 Arbeitsplätze verloren. Einst waren wir die Hauptstadt zur Produktion von Kartonage für Qualitätsprodukte, hatten eine starke Metallwirtschaft mit zwei großen und wichtigen Firmen. Diese Verluste haben uns schon belastet. Aber jetzt geht es wieder aufwärts. Die Wirtschaft nimmt wieder Fahrt auf.

Wie macht sich das bemerkbar?

Wir haben eine florierende Kosmetik-Industrie mit Lavendel-Produkten und aromatischen Pflanzen. Dazu kommt eine große Fabrik, die zahlreiche namhafte deutsche Automobilhersteller beliefert. Und wir haben viele Bauunternehmer. Auch der Weinbau ist ein wichtiger Zweig. Der ökologische Weinbau nimmt immer mehr zu und wird sehr gut angenommen von den Kunden.

Kann Sachsenheim als Stadt in einer der wirtschaftsstärksten Regionen der Welt auch ein Motor sein?

Auf jeden Fall. Wir haben vergangenes Jahr auf einem Besuch mit dem Valréaser Unternehmensverbund erste Kontakte geknüpft. Auch die Handelskammer haben wir besucht. Jetzt wollen wir die Unternehmer aus Sachsenheim einladen. Konkreten Nutzen haben wir daraus bisher nicht gezogen. Aber für die Zukunft verspreche ich mir davon einiges.

Inwiefern haben die Probleme auch zur Stärkung der Rechtspopulisten in der Region beigetragen?

Der Zusammenhang liegt für mich klar auf der Hand. Viele Leute, die keine Arbeit hatten, haben sich Extremen zugewandt. Wir haben versucht, Unternehmen und Arbeitsplätze zu schaffen, Handel aufzubauen, um den Leuten Vertrauen zu geben.

Vertrauen braucht auch Präsident Macron für seine Europareformen. Wie bewerten Sie sein Vorgehen?

Europa ist eine wichtige Institution. Daran gibt es nichts zu rütteln. Macron hat seinen Präsidentschafts-Wahlkampf auf der Idee Europa aufgebaut. Ich glaube aber, dass es ein bisschen mehr Geduld für diese Idee benötigt. Frankreich muss sein Gleichgewicht, sein Vertrauen, finden.

Haben die Gelbwesten-Proteste gegen Macrons innenpolitische Pläne auch Valréas erreicht?

Es gab hier einmal eine Demonstration, die ohne Probleme verlief.

Wie haben Sie diese Proteste miterlebt?

Die ersten Proteste waren legitim. Die Leute haben sich aufgelehnt gegen den befürchteten Kaufkraftschwund. Später wurde aber nicht mehr demonstriert, sondern es wurden Sachen kaputt gemacht. Das verurteile ich.

Nächstes Jahr ist in Valréas Bürgermeisterwahl. Werden Sie für eine zweite Amtszeit kandidieren?

Ja.

Und wie stehen Ihre Chancen?

Ich denke, wir werden gewinnen, aber es wird sehr schwierig. Wir haben ein starkes Aufstreben des Front National. Wir haben gute Arbeit geleistet, und die Leute werden das honorieren. Ich hoffe auch, weitermachen zu dürfen, um die Beziehung mit Sachsenheim fortsetzen zu können.

Herr Adrien, vielen Dank für das Gespräch.