Es war das Jahr 1993. Seit nunmehr vier Jahren tüftelten die Sachsenheimer und Valréaser an ihrer Freundschaft. Viele Begegnungen hatten bereits stattgefunden, 1991 wurde ein Freundschaftsvertrag unterschrieben. Und nun waren die großen Feierlichkeiten bereits komplett durchgeplant: Am 16. Mai sollte der Vertrag in Sachsenheim, am 26. Juni dann in Valréas unterzeichnet werden.

Wenige Tage zuvor jedoch der Schock: „Ich kam aus dem Sitzungssaal im Wasserschloss. Da kam ein Fax von Bürgermeister Thierry Mariani: Er hat alles abgesagt, weil er den Beschluss im Gemeinderat nicht zustande gebracht hat“, erinnert sich der damalige Bürgermeister Andreas Stein. Doch was war geschehen? Drei Kriegsveteranen, die das Massaker der deutschen Wehrmacht in Valréas (siehe Infobox) 1944 überlebt hatten, drohten der jährlichen Gedenkfeier am 12. Juni fernzubleiben.

Auch den damaligen Realschulrektor Hermann Albrecht, der auf Sachsenheimer Seite an der Partnerschaft maßgeblich mitbastelte, traf die Nachricht hart: „Wir waren alle schockiert, weil Mariani das nie so richtig rausgelassen hat“, erinnert sich der heutige Ehrenbürger. Bürgermeister Stein musste indes auch einer bereits aus Frankreich angereisten Schulklasse die Nachricht überbringen: „Die sind in Tränen ausgebrochen.“

Doch beide Seiten ließen nicht locker: In Valréas sprachen sich in einer Befragung 80 Prozent der Vereine für die Partnerschaft aus. Stein und Albrecht reisten Anfang 1994 nach Valréas, um sich mit den Veteranen auszusprechen. „Es war ein sehr hartes Gespräch. Aber am Schluss haben wir uns mit einem Händedruck verabschiedet“, erinnert sich Historiker Albrecht. Und so wurde 1994 die Partnerschaft doch noch besiegelt. Am 25. Juni in Valréas und am 10. September in Sachsenheim.

Doch warum überhaupt Valréas? 1989 beschloss der Gemeinderat, eine französische Partnerstadt zu suchen. Annäherungsversuche mit Chassieu östlich von Lyon und Louveciennes, ein Villenvorort von Paris, zerschlugen sich. Da erinnerte man sich an eine Briefreundschaft zwischen Christiane Hähnle und einer France Vanel aus Valréas, die seit Beginn der 1980er-Jahre bestand. Eine kleine Sachsenheimer Delegation wurde 1989 schließlich vom damaligen stellvertretenden Bürgermeister Albert Adrien – die eigentliche treibende Kraft auf französischer Seite – empfangen. Der mittlerweile verstorbene Vater des heutigen Valréaser Bürgermeisters Patrick Adrien riss die Tore des Rathauses auf und rief: „Auf diesen Tag habe ich 20 Jahre gewartet.“ Albert Adrien hatte insgesamt vier Söhne. „Er wollte, dass diese niemals das erleben, was er erleben musste“, sagte Stein mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg.

Hähnle, bis 2006 Vorsitzende des Partnerschaftskomitees, glaubt heute, wie die anderen Beteiligten auch, dass der Aufschub sogar gutgetan habe. „Alles wurde aufgearbeitet beide Seiten haben dafür gekämpft. So kam eine bis heute innige Partnerschaft mit vielen Begegnungen und Freundschaften zusammen.“

Das Massaker vom 12. Juni 1944


Am 10. Juni nahmen französische Widerstandskämpfer Valréas ein. Doch der deutschen Armee Brandenburg gelang, es die Stadt zwischenzeitlich zurückzuerobern. Alle Kämpfer der Resistance wurden aufgefordert, ihre Waffen abzugeben.

Als die Deutschen in einem Haus dann doch noch Waffen fanden, wurden 57 Menschen, darunter unbeteiligte Bürger, nahe dem Grande Hotel in Valréas erschossen. Vier überlebten schwer verletzt unter den Leichen und wurden nachts heimlich gerettet. Einer davon starb, die drei Überlebenden stellten sich später gegen einen Partnerschaft mit Sachsenheim. msc