Auf Anfang“ lässt die Zeit vor 100 Jahren lebendig werden, als die Menschen, in Stuttgart, Berlin und ganz Deutschland den Anfang der Demokratie schafften. Die Premiere feierte das Projekttheater XXL des Theaters unter der Dauseck im Frühjahr im Haus der Geschichte in Stuttgart. Im Begleitprogramm zur großen Landesausstellung findet hier nochmals eine Aufführung statt. Doch am Freitag kam die Truppe zuerst einmal in die Georgskirche nach Oberriexingen.

So vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint, wie zum Beispiel das Wahlrecht für Frauen, musste hart erstritten und erkämpft werden. Am Ende des Ersten Weltkriegs war auf einmal Aufbruchsstimmung. Noch bevor der Krieg endete, wurde das Land nicht mehr monarchisch regiert. Württemberg war freier Völkerstaat und damit ein Nährboden für Neuerungen. Zum Wahlrecht für alle kam die Hoffnung vieler Kämpferinnen, dass ihr Bauch endlich ihnen gehören sollte.

Das Projekttheater XXL inszeniert diesen Abschnitt der Geschichte forsch und so nahe an den realen Verhältnissen wie damals. Alles bebt und knistert vor Spannung, denn die politischen Zeiten sind unsicher, der Hunger ist groß und die Chance, als Dienstmädchen rauszufliegen, wenn die Hausherrin erfährt dass das Dienstmädchen zu Hause Kinder hat, ist riesig. Die Umstände haben sich noch nicht wirklich geformt. Offen ist, ob die Regierung durch Arbeiter- und Soldatenräte gebildet wird oder eine repräsentierende Regierung entsteht. Die Charaktere im Stück werfen angstvolle Blicke ins Publikum, ihre Existenz ist bedroht und die Hierarchie im Land ist straff, bis die ersten Revolutionäre auf der Bildfläche erscheinen und die einfachen Bediensteten wie im Stück zum Bruch mit der Familie verleiten und auf die Bühne der Revolution schicken.

Das Theater unter der Dauseck nähert sich dieser schwierigen Zeit behutsam und mit Respekt. Die Lebendigkeit der Inszenierung entschädigt für den trockenen Stoff. Da wird gestritten und geliebt, da gibt’s so manchen Schlagabtausch mit Parolen aus dem revolutionären Denken. Der Zuschauer erlebt mit, wie ein Dienstmädchen, das verheiratet ist und vier Kinder hat, alles stehen und liegen lässt und sich den Freiheitskämpfern anschließt.

Vermeintliche Revolutionäre liefern sich erbitterte Wortschlachten, die nur mit viel emotionalem Kolorit verdaubar werden. Und so manche Revolutionärin schielt nach der Abtreibung, bevor der Mann aus dem Krieg nach Hause kommt.

„Auf Anfang“ nach dem gleichnamigen Buch von Barbara Schüßler serviert Heimatgeschichte gerade in ihren dunklen Kapiteln, da wo sie hingehört, gerade auch in die kleineren Gemeinden wie Oberiexingen. Hier auf dem Land manifestierte sich zum Großteil das Elend von der Unterdrückung der Frauen bis zur Aufrüstung und Mobilmachung. Mit lebendiger Choreografie wird hier gegen das Vergessen angespielt. Als Zugang zu einem trockenen und belastenden Thema fungiert die Revue, die um die Zeit zwischen den Kriegen stark boomte. Die Revue als Stilmittel sorgt für Zeitgeist und Esprit. Dazu zieht sie alle Blicke auf sich und sorgt für tosenden Applaus.

Info Die geübten Schauspieler des Theaters unter der Dauseck sind in dieser und ähnlichen Konstellationen in der Mehrheit auf der Bühne längst zuhause. An wechselnden Spielorten tobt das Amateurtheater sich aus, das zu den drei besten Deutschlands zählt und nun in Leipzig ausgezeichnet wurde.