Prozess Giftiges Rauchgas konnte sich schnell ausbreiten

Die völlig ausgebrannte Küche.
Die völlig ausgebrannte Küche. © Foto: Martin Kalb
Markgröningen/Stuttgart / Bernd Winckler 17.04.2018

Hat der 68-jährige Angeklagte in der Nacht zum 7. August letzten Jahres bewusst den Tod der Bewohner der Obdachlosen-Unterkunft in Markgröningen in Kauf genommen? Und warum mussten vier der Bewohner der Unterkunft trotz Rettungsmaßnahmen sterben? Das Stuttgarter Landeskriminalamt hatte zur Feststellung der Brandursache und des Brandschadens eigens einen Gutachter eingeschaltet, der die Folgen des Brandes mit Fotos dokumentiert hat. Er hatte am Montag am zweiten Prozesstag vor dem Stuttgarter Landgericht das Wort.

Zu sehen sind auf seinen Aufzeichnungen verkohlte Möbel, Türrahmen, geschmorte Kunststoff-Behälter. Der Brandschaden soll bei gut 100 000 Euro liegen. Auf der Couch im Gemeinschaftsraum der Unterkunft soll der Angeklagte damals eine Decke angezündet haben und dann einfach weggegangen sein. Die Anklage wirft dem wegen Brandstiftung bereits Vorbestraften vierfachen Mord, Mordversuch und schwere Brandstiftung mit gemeingefährlichen Mitteln vor.

Enge Bausubstanz

Dass der Brand sich in dem Gebäude so rasch ausbreiten konnte, wie es ein weiterer Gutachter jetzt feststellte, lag auch an der Enge der Bausubstanz. Das Gebäude liegt im Zentrum Markgröningens. Dort herrscht dichte Bebauung, sagte gestern der LKA-Sachverständige. Durch das Verbrennen von Textilien, Möbeln, darunter auch Kunststoffteile, entstand ein giftiges Rauchgas. Der Rauch verbreitete sich durch offenstehende Türen. Besonders für die Bewohner der oberen Etagen, in denen vier Einheiten untergebracht waren, sei der Rauch tödlich gewesen. Dazu kommt die große Hitze, die es auch den Feuerwehrmännern schwierig machte. Allein die Rauchgase, so der Sachverständige, reichen zur Tötung von Menschen aus. Der Angeklagte selbst hatte am ersten Verhandlungstag bereits zugegeben, dass er das Feuer selbst gelegt hatte.

Einer der insgesamt vier vor Ort alarmierten Notärzte berichtete im Zeugenstand, dass bei seinem Eintreffen das Haus brannte und die Männer des Rettungsdienstes gerade zwei Bewohner aus dem Gebäude brachten, die allerdings bereits verstorben waren. Zwei weitere Opfer mussten von ihm und seinen Helfern reanimiert werden. Sie hatten schwere Rauchgasvergiftungen, die man mit der Zugabe von 100 Prozent Sauerstoff zu lindern versuchte. Jedoch vergeblich – die beiden Opfer verstarben in der Klinik. Eine Rauchgasvergiftung könne ein Mensch höchstens 40 Minuten lang überleben. Der Notarzt berichtet weiter, dass bei seinem Eintreffen neben den vier zuerst geborgenen Opfern noch unklar war, wie viele weitere Bewohner, und vor allem auch Kinder, sich noch im Inferno befanden. Bei weiteren Geschädigten waren die Reanimationen erfolgreich. Kinder hatten sich bereits zuvor ins Freie gerettet.

Schnelles Eingreifen

Eine Gefährdung anderer Gebäude in der Markgröninger Innenstadt haben Gutachter ausgeschlossen, weil die Feuerwehren rechtzeitig da gewesen seien und gute Arbeit geleistet hätten.

Dem Angeklagten droht angesichts des Vorwurfs des heimtückischen Mordes eine lebenslange Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung, weil er wegen seiner Vorstrafe als Hangtäter gilt. Ob er jedoch in strafrechtlicher Hinsicht überhaupt schuldfähig ist, soll ein psychiatrischer Gutachter noch herausfinden. Der Prozess vor der Stuttgarter Schwurgerichtskammer wird am  Mittwoch mit Zeugenvernehmungen fortgesetzt, wobei bereits gestern schon der Gerichtsvorsitzende mitteilte, dass eine der geladenen Zeugen ohne Entschuldigung fern geblieben ist. Insgesamt sind für den Fall sechs Prozesstage anberaumt.

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