Vaihingen Elektromusik ist seine große Leidenschaft

 Das Büro seiner Firma Musical Madness hat Reichert nun in Vaihingen eingerichtet.
Das Büro seiner Firma Musical Madness hat Reichert nun in Vaihingen eingerichtet. © Foto: srü
srü 21.08.2018

Vom Enzweihinger Posaunenchor hat es ein junger Mann zum Organisator von musikalischen Großveranstaltungen geschafft. Wenn Benjamin Reichert Hardstyle-Events auf die Beine stellt, kommen die Fans elektronischer Rhythmen in Scharen zum Tanzen und Feiern. Geboren im Vaihinger Krankenhaus wuchs der 33-Jährige in Enzweihingen in „einer sehr christlichen Familie“ auf. „Da war ich immer der Paradiesvogel.“ Und man kann sich das durchaus vorstellen von dem eloquenten jungen Mann mit kurzen Haaren und Bart, dem Piercing, dem Tattoo und der früh entdeckten Leidenschaft für elektronische Musik.

Bis zur zehnten Klasse besucht er das Vaihinger Friedrich-Abel-Gymnasium, wechselt dann aufs Ernährungswissenschaftliche Gymnasium Ludwigsburg. Seinen Zivildienst macht er in einer Beratungsstelle für Alkohol- und Drogenabhängige. In Bietigheim betreut er ehemals Suchtkranke in einer Wohngruppe. Er überlegt, Sozialpädagogik zu studieren, entscheidet sich dann aber für eine Ausbildung als Kaufmann für Bürokommunikation. Die absolviert er bei der in Horrheim ansässigen Eisenbahn-Service-Gesellschaft.

„Ich hab immer viel Zeit mit Musik verbracht“, sagt Reichert. Die Mutter spielte Klavier, der Vater war lange Mitglied im Posaunenchor Enzweihingen. In beides wird der Sohn eingebunden. Die Begeisterung für elektronische Musik hatte eine CD-Reihe mit dem Titel „Mr Music Hits“ geweckt, die seine Mutter monatlich geschickt bekam. „Da habe ich damals Scooter, Marusha und andere entdeckt.“ Mit seinem Büchereiausweis leiht sich der Teenager künftig keine Bücher, sondern CDs aus. Während andere ihr Konfirmationsgeld in ein Moped stecken, schafft sich Benjamin lieber zwei Plattenspieler und ein Mischpult an. Als er im Plattenladen „Maxi Records“ in der Klingengasse arbeitet, investiert er seinen Verdienst gleich wieder in Vinyl. Seit seinem 18. Lebensjahr ist Benjamin Reichert als Discjockey unterwegs – mit einem prominent unterstützten Auftakt. „Auf einer Messe hatte ich bei einem DJ-Wettbewerb einen Auftritt mit Marusha gewonnen“, erzählt er.

Zahlreiche Erfolge

Von da an zieht der DJ immer größere Kreise und das auch deshalb, weil Reichert ein Netzwerker ist. Er trifft einen Hamburger Produzenten, der ihn zum Bühnengesicht des Projekts Lichtenfels macht, für das Reichert auf der Bühne auflegt. „Dieses Konstrukt ist bei anderen Musikrichtungen auch gang und gebe. Im Hintergrund komponiert und produziert jemand die Musik und der DJ steht dann auf der Bühne“, erklärt er. Mit Lichtenfels ist er zu Gast beim Musiksender Viva oder in der RTL-Sendung „Top of the Pops“. Die erste Single landet 2003 gar auf einem der „Bravo Hits“-Alben.

Das alles läuft neben der Schule ab. Im Abijahr 2006 gründet er mit Musical Madness dann sein eigenes Projekt, macht sich 2010 als 25-Jähriger damit selbstständig und avanciert vom DJ zum Organisator hallenfüllender Großveranstaltungen: Namhafte Künstler des Hardstyle, einer bestimmten Art elektronischer Musik, stehen auf der Bühne, Tausende Fans tanzen mit. Die erste Veranstaltung in einem alten Filmstudio beschert ihm zunächst einen 25 000 Euro Verlust. „Aber ich hatte durch Zuschüsse vom Arbeitsamt am Anfang eine ganz gute Absicherung.“

Mit der Musikproduktion habe er sich nie befasst, sagt er. Stattdessen widmet er sich gemeinsam mit Geschäftspartner Daniel Grassi der Organisation von Elektromusik-Events. Grassi kümmert sich als Kreativdirektor bei Musical Madness um das Marketing, das Grafikdesign von Homepage und Werbung, die Social-Media-Auftritte der Firma und auch um das Merchandising, also Fanartikel wie T-Shirts und Jacken mit dem Unternehmenslogo. Reichert fungiert als Eventleiter. Als solcher verpflichtet er die Künstler, darunter Größen wie Paul van Dyk oder Brennan Heart, und plant alles Wichtige rund um den Auftrittsort. Er bucht den Club oder die Halle, koordiniert die Partner für die gastronomische Versorgung und die gesamte Ausstattung.

50 Veranstaltungen pro Jahr

Um die 50 Veranstaltungen stellt Musical Madness pro Jahr auf die Beine. Zu einem der ersten großen Events im ehemaligen Zapata in Stuttgart kamen 1500 Menschen. Bei „Musical Madness XXL“ in Köln sind regelmäßig um die 2000 Elektromusikfans dabei. Zum Magneten entwickelt sich aber das Festival „I am Hardstyle“, das Reicherts Firma diesen März zum zweiten Mal in der Mannheimer Maimarkthalle organisierte. Die Zahl der Besucher stieg von 5500 im vergangenen Jahr auf 8000 in diesem. Die Eintrittskarten gehen um die Welt, werden sogar aus Chile und Australien geordert. Ständig auf Achse ist Benjamin Reichert aber nicht. „Mein Wochenalltag ist eher ruhig, ein Bürojob.“ Seine Firma hat er, wie seinen privaten Wohnsitz, in diesem Jahr nach Vaihingen verlagert.

Der 33-Jährige erzählt zum Abschluss wie er es fern vom Veranstaltungsrummel genießt, beim „Engel“-Wirt einen Rostbraten zu essen oder zum FAG hinauf zu spazieren. „Ich lieb’ es auch, auf den Maientag zu gehen. Ich war ja jahrelang nie da, wenn hier die Feste stattfinden.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel