Volkstheater Ein Bummel durchs Panoptikum

Das Theater unter der Dauseck führte in Oberriexingen „Kasimir und Karoline“ auf der Insel auf – hier bei der Generalprobe.
Das Theater unter der Dauseck führte in Oberriexingen „Kasimir und Karoline“ auf der Insel auf – hier bei der Generalprobe. © Foto: Martin Kalb
Von Susanne Yvette Walter 02.07.2018

Die bunte und skurrile Welt des Jahrmarkts mit all seinen Kuriositäten kann man hervorragend nachstellen auf der Insel in der Enz bei Oberriexingen. Zum 25-jährigen Vereinsjubiläum des Theaters unter der Dauseck kehrte das rührige Ensemble deshalb mit einem seiner beliebten Theaterspaziergänge an seinen Ursprungsort zurück. In Kooparation mit der Stadt Oberriexingen und dem Musikverein der Stadtkapelle wurde das Festgelände des traditionellen „Inselfests“ mit dem dortigen Festzelt zum Spielort.

 Das Volkstheater von Ödön von Horvarth „Kasimir und Karoline“ ist genau so ein Stoff, der zum Theater unter der Dauseck passt: offenherzig und volksnah mit eingestreuten Lebensweisheiten, Action auf den einzelnen Bühnen und einem malerischen Ambiente, das zum Auskosten von Nebenschauplätzen reizt. Theatertalente jeder Couleur können sich in diesem Theaterjahrmarkt ausleben, von „Frauen mit starkem Bartwuchs“, die sich als Kuriosität zeittypisch auf der Bühne aalen, bis zu nachgebastelten siamesischen Zwillingen, zwei Mädchen die in ein großes Tütü gemeinsam geschlüpft sind.

Originell geht es zu beim zehnten Theaterspaziergang, den Regisseurin Christine Gnann mit ihren energiegeladenen Schauspielern abhält. Sichtlich macht es der ganzen Truppe Spaß, ihr Publikum an immer wechselnde Spielorte zu führen. Rund 30 Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche sind auf ihren Posten, um das kleine Drama von Kasimir und Karoline mit Leben zu füllen.

Die Lautsprecherbox, die garantieren soll, dass jeder die Dialoge auch versteht, wird in einem nostalgischen Süßwarenwagen transportiert. Die vom Theater engagierten Bläser pfeifen nicht nur jedesmal, wenn es an eine neue Spielstätte geht, zum Aufbruch. Sie servieren auch Lieder, die die Handlung ironisch unterstreichen und schaffen Atmosphäre. Karoline und Kasimir, die beiden Protagonisten, sind genau in dem Konflikt, den die Armut provoziert.

„Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen“, ruft die Karoline-Darstellerin am Ende aus. Doch da hat sie ihren Kasimir schon längst geopfert und verloren. Auf dem Jahrmarkt hat sie sich dem Richter und dem Vorstandsvorsitzenden an den Hals geworfen und in vielen Szenen sich betrunken und willig machen lassen. Am Ende will Kasimir, ihr Verlobter nicht mehr.

Und das ist nur der Hauptstrang einer komplexen Begegnung mit dem Phänomen Jahrmarkt wie es früher einmal war. „Das gleicht einem Panoptikum, wie es Anfang des 20. Jahrhunderts noch in Mode war“, fällt Zuschauerin Gabi Gerlach aus Bietigheim auf. Und richtig: Gewalt, sexueller Missbrauch, männliche Dominanz und Frauen, die sich zur Sexy-Hexi oder zur Puppe degradieren sowie das sexistische Ausleben von Machtstrukturen und die Jagd nach dem lieben Geld machen dieses Stück wirkungsvoll.

Auch heute noch aktuell

Ödon von Horvaths Botschaft hat nichts von ihrer Aktualität verloren – und kommt deshalb auch so gut an. Hier spielen Schauspielerinnen mit purer Absicht mit ihren Reizen, um zu zeigen, dass dies oft die einzige Chance der Frau der damaligen Zeit war, wahrgenommen zu werden. Der Jahrmarkt steht in krassem Kontrast zur Lebenswirklichkeit der Figuren.

Horvath ist ein Volkstheaterautor, der ohne Kitsch und Romantik auskommt, sondern viel lieber tatsächliche Verhältnisse abbildet. Man spürt heute noch, dass sein Stück vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise entstand und trotzdem aktuell wie eh und je ist.

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