Das Interesse für den Vortrag über die Anschlagsserie der terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF) im Jahr 1977 war groß und der Saal des Kulturhauses Sachsenheim am Freitagabend voll besetzt. Viele Ältere waren gekommen, die sich noch gut an die furchtbaren Geschehnisse jener Zeit erinnern können, aber auch viele Junge.

Mittlerweile Geschichte

Volle zwei Stunden lang referierte der in Sersheim wohnende ehemalige Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger über die Ereignisse rund um die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback, die Ermordung des Dresdner-Bank-Vorstands Jürgen Ponto, die Verschleppung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, die Entführung des Lufthansa-Flugzeugs Landshut und die Selbstmorde der inhaftierten führenden Mitglieder der ersten Generation der Roten Armee Fraktion.

Die Aktivitäten der inzwischen Geschichte gewordenen linksterroristischen Gruppierung und deren juristische Aufarbeitung ist seit Jahrzehnten Pfliegers Thema. Hier kann er wie kaum ein Zweiter aus dem Vollen schöpfen, war er doch unmittelbar mit den Rasterfahndungen und der Verhaftung und Verurteilung der Verbrecher befasst und kannte aus den langwierigen Verhandlungen viele davon persönlich. Mit zahlreichen Bild- und Textdokumenten, kurzen Filmsequenzen und einem bildhaften Erzählstil rief Pflieger die damalige traumatisierte politische Atmosphäre in der Bundesrepublik ins Gedächtnis der gebannt zuhörenden Anwesenden zurück. Vergessen können die etwas Älteren die damals allabendlich im Fernsehen gezeigten Bilder der Opfer, der Befreiungsaktion in Mogadischu durch die GSG9 und die Fotos der Täter ohnehin nicht.

Offensive 77

Der „Deutsche Herbst“, auch „Offensive 77“ genannt, war eine der schwersten Krisen in der Geschichte des Landes, deren Spuren auch konzentriert im Raum Sachsenheim zu finden sind. So hatte es eine konspirativ angemietete Wohnung beim Bahnhof Sachsenheim mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gegeben, diese konnte aber nie genau identifiziert werden.

Wichtige Sequenzen im Vortrag Pfliegers waren die Schleyer-Entführung und die geschlossene Haltung aller Parteien gegen einen Austausch inhaftierter Terroristen (Baader und Ensslin) für den verschleppten Schleyer, die als Fremdtötung getarnten Selbstmorde in der JVA Stammheim, unverständliche Pannen bei der Suche nach Schleyer, aber auch großartige Ermittlungserfolge der Behörden und der Polizei.

Brücke zu anderen Anschlägen

Am Ende schlug der Terrorismusexperte, der auch für den Oktoberfestanschlag, Winnenden und die NSU-Morde zuständig war, eine Brücke zu jüngeren Anschlägen und verglich die in 28 Jahren verübten 34 Morde durch die RAF mit der ungleich höheren Anzahl an Opfern neueren, etwa islamistischen Terrors. Hier, und auch bei der Frage nach Versöhnung und Gnade, ist Pflieger durch und durch Jurist, indem er vergleicht, abwägt, bemisst und die Vorzüge der deutschen Rechtsstaatlichkeit herausstellt. Betroffene selbst haben freilich einen anderen Blickwinkel. Eine lebhafte Fragerunde schloss sich an, die durch die Vorsitzende des Vereins für Heimatgeschichte, der zu diesem eindrucksvollen Abend eingeladen hatte, wegen der fortgeschrittenen Zeit beendet werden musste.