Schwerpunkt Verborgene Orte Ein „Türmle“ als Arrestzelle für Unzüchtige

Hermann Albrecht zeigt das Türmle neben der Stadtkirche. Es diente bis in die 1960er-Jahre als Gefängnis für Männer, die hier ausgenüchtert wurden.
Hermann Albrecht zeigt das Türmle neben der Stadtkirche. Es diente bis in die 1960er-Jahre als Gefängnis für Männer, die hier ausgenüchtert wurden. © Foto: MARTIN KALB
Von Sandra Bildmann 25.08.2018

Wo früher „Unzüchtige“ ihre kleinen Arreste absaßen, befindet sich heute nur noch eine Abstellkammer – im Großsachsenheimer Wehrturm. Der Bannkeller in unmittelbarer Nähe hat dagegen nichts mit Verbannung zu tun.

Für sein Vergehen musste der Knecht drei Pfund Heller Strafe zahlen und zwei Stunden „in Thurn“ verbringen, was so viel bedeutete wie: Er musste zwei Stunden Arrest im Sachsenheimer Wehrturm absitzen. Seine Gespielin saß ihre Stunden gegenüber in der sogenannten „Schnecke“ ab. Sichtkontakt verboten. Zugetragen hat sich dies 1766. Die Schulmeistersmagd, die wohl sehr freizügig und nicht immer aufrichtig gelebt haben muss – so erzählt es Hermann Albrecht vom Sachsenheimer Verein für Heimatgeschichte – habe sich noch nach dem Abendläuten in der Wohnung des Schulmeisters mit dem Knecht zu einem Schäferstündchen getroffen. Der Nachtwächter habe sie ertappt, der Kirchenkonvent schließlich sein Urteil gefällt.

Gefahr erkannt

Errichtet wurde der Wehrturm in Sachsenheims Ortsmitte vermutlich Anfang des 16. Jahrhunderts und wurde daher nachträglich der 1484 erbauten Wehrkirche – der heutigen Stadtkirche Großsachsenheims – hinzugefügt. Zum einen habe der Turm dazu gedient, in misslichen Lagen Unterschlupf zu finden, weiß Albrecht. Zum anderen habe er eine Aussicht geboten, wodurch nahende Gefahren hätten erkannt werden können, berichtet Albrecht. In erster Linie jedoch diente der Wehrturm als Stadtgefängnis zur Ahndung kleinerer Delikte.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg sei man um eine „sittliche Hebung der Bevölkerung bestrebt“ gewesen, erzählt der Historiker, so habe das kleine Gefängnis vor allem auch im Pietismus starke Resonanz erfahren. Seine Funktion habe das „Arrestle“ vermutlich Anfang des 19. Jahrhunderts verloren, mutmaßt der Kleinsachsenheimer. Noch bis 1962 jedoch wurde der von der Stadt Sachsenheim betriebene steinerne Turm als Ausnüchterungszelle genutzt. Häufigstes Vergehen der Insassen: Trunkenheit. Seitdem dient das „Türmle“ nur noch als Abstellraum.

Nie eine durchgängige Mauer

Sachsenheim hat noch nie eine durchgängige Stadtmauer besessen, sondern mit der Kirche und dem Schloss lediglich zwei befestigte Stellen aufzuweisen. Der Wehrturm steht vor der Kirche an der Hauptstraße, direkt daneben schließt sich die Alte Vogtei an – das heutige Pfarrhaus. Sie wurde 1493 errichtet und beherbergte den amtierenden Stadtvogt. Damit dieser auch in Krisenzeiten nicht auf seinen Wein verzichten musste, führte ein unterirdischer Gang unter der Straße hinüber zum Bannkeller. Der entstand, so erzählt es Hermann Albrecht, 1614. In das 30 auf 10 Meter breite Untergeschoss führen 30 Treppenstufen hinab. Das Gewölbe erstreckt sich also auf etwa zwei Stockwerke. „Ich nehme an, dass nicht nur Wein gelagert wurde, sondern auch Vorrat im Allgemeinen“, sagt Albrecht. Ein anderer Zweck sei für diese Räumlichkeit nie vorgesehen gewesen. Mit Verbannung oder Verbot hat der Begriff des „Bannkellers“ im Übrigen nichts gemein. „Ban“ ist ein altdeutsches Wort für Herrschaft; der Keller ein Symbol für selbige.

Nachdem der Vogt 1752 ausgezogen war, wurde das Haus als Stadtschreiberei genutzt, ehe es das damalige Kaiserreich Württemberg 1872 erwarb und ein Pfarrhaus einrichtete – das es bis heute ist. Den Bannkeller gibt es immer noch, darüber befinden sich aber keine Wohnungen mehr, sondern die Räume des evangelischen Gemeindehauses.

Info Der Verein für Heimatgeschichte bringt auch regelmäßig die Schriftenreihe „Die Mörin“ heraus, in der er die Geschichte der Stadt aufarbeitet. In der aktuellen Ausgabe geht es um den freigeistigen Pfarrer Franz Hopf (die BZ berichtete). Erhältlich ist „Die Mörin“ für 4 Euro bei der Buchhandlung Bader und im Stadtmuseum in Großsachsenheim.

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