Markgröningen / Gabriele Szczegulski  Uhr

Claire Beyer ist nervös. Der Paketbote kommt, aber das Paket mit ihrem neuen Roman, „Revanche“, hat er nicht dabei. „Es ist, als ob man auf ein Kind wartet, dass nicht pünktlich zu Hause ist“, sagt die Markgröninger Schriftstellerin, „man macht sich Sorgen. Bevor das Buch nicht auf dem Markt ist, denke ich immer, es geht noch was schief. Erst wenn ich es in Händen halte, als gedruckte Ausgabe, kann ich es loslassen.“

„Revanche“ ist Claire Beyers sechster Roman, der in der Frankfurter Verlagsanstalt erscheint. Als ihr Erstling „Rauken“ 1999 fertig war, rissen sich sofort zwei große deutsche Verlagshäuser und ein Schweizer namhafter Verlag um die Herausgabe. Joachim Unseld machte das Rennen für die Frankfurter Verlagsanstalt und er blieb Beyers Verleger bis heute. Alle Romantitel beginnen mit R: „Rauken“, „Remis“ „Rohlinge“, „Refugium“, „Rosenhain“. Warum das so ist, will sie erst in ihrem zehnten Roman verraten. „Und wenn ich das nicht erlebe, steht es in meinem Testament“, so die Markgröningerin, die unterm Dach des Wimpelinhauses wohnt.

Zwei Fassungen

Ihren sechsten Roman schrieb Beyer zweimal, weil ihr nach Beendigung der ersten Version der historische Teil zu ausführlich war. Deswegen dauerte es bis zur Veröffentlichung fast fünf Jahre. „Ich wollte einen modernen Roman und keinen historischen über die ungeheure Entwicklung schreiben, die in den vergangenen 100 Jahren seit dem Ersten Weltkrieg passiert ist, quasi vom Meldereiter zum Smartphone“, sagt sie. Da hatte sie den Mut, die Geschichte einfach nochmal anzufangen. „Dieser Roman war der für mich schwierigste.“

Zum ersten Mal schrieb Claire Beyer einen Roman über mehrere Generationen aus einem distanzierten Blickwinkel. Ihre vorherigen Bücher hatten alle einen persönlichen Bezug, „Revanche“ nicht. „Es ist eine Parabel über die Menschen der letzten 100 Jahre“, sagt sie. Anhand dreier Männer – Großvater, Vater und Sohn – zeigt sie, wie archaisch der Mensch strukturiert ist, sich kaum entwickelt und wie er an der Zeit leidet, bis hin zur Orientierungslosigkeit. Im Weltkrieg, unter den Nazis, in der Wirtschaftswunderzeit und heute. Liebe, Sehnsucht, Hass, Zurückgewiesenheit, Zurückgelassenheit seien die Emotionen, unter denen ihre Figuren zu leiden haben. Zum ersten Mal, so sagt sie, „haben mich beim Schreiben fremde Personen besucht, dann sind sie wieder gegangen und jetzt habe ich Sehnsucht nach meinen Figuren, auch wenn ihre Geschichte ganz weit weg von mir ist“. Die Personen hätten ihr „leid“ getan.

Ihr Verleger, Joachim Unseld, ließ einen Satz aus dem Buch auf dem Umschlag abdrucken, der ihn wohl sehr beeindruckt hatte: „Vielleicht, dachte er, sollte ich jetzt damit beginnen, meine Vergangenheit zu trösten.“. Darum ginge es. Sich selbst zu trösten für das, was man durchleben musste. „Doch heute versinken die Menschen in der Cyberwelt, kommen emotional mit dem Fortschritt nicht mit, die Technik wird unsere Gefühle und uns selbst an die Wand spielen“, sagt Claire Beyer, die für die Recherche nicht nur an die ehemalige Front nach Frankreich oder nach Lübeck fuhr, sondern auch lernte, wie man Computerspiele programmiert.

In „Revanche“ macht sich eine der Hauptfiguren, Tobias Ristow, der seinen Platz im Leben nie gefunden hat, wegen eines Computerspiels, das den Ersten Weltkrieg simulieren soll, auf, seine eigene Familiengeschichte zu erforschen. Eigentlich ist Tobias Ristow mehr an Lea interessiert, als an deren Sohn Raphael. Nur ihr zuliebe nimmt er den Jungen mit auf eine Reise nach Frankreich. Als Gegenleistung für die perfide Revanche an Vater und Brüdern soll er dort Kriegsschauplätze für ein virtuelles PC-Spiel der nächsten Generation erkunden. Die Aufzeichnungen seines Großvaters, der 1918 seinen Kriegsdienst als Meldereiter abgeleistet hat, dienen dabei als Vorlage.

Die Fahrt wird für Ristow eine Reise zu sich und seinen Wurzeln, zur Spurensuche nach dem Grund seiner Revanchegelüste und zur Suche nach Onkel Fritz, in dem Ristow seinen tatsächlichen Vater vermutet. Dabei entwirren sich die Verflechtungen mit Vater, Großvater und Onkel, aber auch mit der Mutter.

Eine Rezension zu  Claire Beyers „Revanche“ 

Die Lektüre von „Revanche“ lässt den Leser ab dem ersten Wort verschwinden in Claire Beyers Poesie, in der Art, wie sie auch im sechsten R-Roman alles auf den Punkt bringt, wie sie nur etwas über 130 Seiten benötigt, um 100 Jahre Entwicklung aus Sicht der menschlichen Seele zu beschreiben, drei Generationen Revue passieren zu lassen. Und zwar niemals linear. Die Geschichte beginnt mit Tobias Ristow, heutzutage. Dann ist es, als ob der Schriftstellerin der Großvater einfiel – und schon erscheint er, eben wie ein Gast. Und hoppla, da erscheint auch schnell der Vater, dessen Perfidität man schnell durchschaut.

Was fasziniert, ist die Kürze des Romans, die Art, wie knapp Claire Beyer das auf den Punkt bringt, was sie sagen will – und trotzdem Raum lässt für eigene Gedanken. Damit man im Buch verschwinden kann, auch wenn es kein Schmöker ist. Und in den Worten, den schönen. Die 72-Jährige benutzt altmodische, beschreibende Worte, aber sie schreibt einen so modernen Roman, dass junge Schriftsteller grün vor Neid werden sollten. In einer leisen, unaufdringlichen Art warnt sie den Leser vor etwas Ungeheuerlichem: dem drohenden Verlust der Emotionen durch die zunehmende virtuelle Welt. Wie die Menschen unter dem Ersten und Zweiten Weltkrieg litten, leiden sie nun auch unter einer Situation, die sie nicht ändern können, der sie gnadenlos ausgeliefert sind und sie nehmen es einfach hin. Schlimmer noch: Sie bemerken den Verlust, die Verrohung, die Zunahme der Ignoranz nicht einmal. Sie schütten die Gefühle zu, mit Computerspielen und einer irrealen, virtuellen Welt, um in der realen Welt schließlich zu versagen oder keinen Platz zu haben, wie Tobias Ristow oder der Jugendliche Raphael, der einem nur leid tut bei der Lektüre. Alle Personen des Romans denken, eine Revanche für die Vergangenheit biete Schutz und Heilung für die erlittenen Schmerzen, dabei ist sie hier nur der Spannungsbogen und tatsächlich nicht hilfreich für die Heilung.

Mehr noch aber als der brisante Inhalt von „Revanche“ ist es  Beyers Vermögen, sprachlich so zu überzeugen, dass sie über alles schreiben könnte. Nie wird sie sentimental, aus der Distanz schreibt sie so mitfühlend, dass man sich beim Lesen der Tragödie durchaus bewusst wird. Ihr Buch ist poetisch und doch real. Claire Beyers Buch ist wie Kunst, die mit reduzierten Strichen die Welt darstellt. Ihre Sprache ist lyrisch, kurz und schön. Auf 130 Seiten ist alles gesagt. sz