Sachsenheim Die Zeit selbst einteilen

Die Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft  Marlis Tepe (Mitte) besuchte zusammen mit ihrer Kollegin aus dem Land Doro Moritz (rechts) auch die Klasse 3b der Kirbachschule. Links Schulleiter Rainer Graef.
Die Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft  Marlis Tepe (Mitte) besuchte zusammen mit ihrer Kollegin aus dem Land Doro Moritz (rechts) auch die Klasse 3b der Kirbachschule. Links Schulleiter Rainer Graef. © Foto: Martin Kalb
Sachsenheim / Von Michaela Glemser 12.07.2018

In der Klasse 3b der Kirbachschule herrschte eine ruhige, entspannte Atmosphäre. Viele Schüler bearbeiteten selbständig Arbeitsblätter an ihren Tischen, einige Mädchen und Jungen lösten die Aufgaben von Lernzielkontrollen, wieder andere saßen auf dem Boden im Kreis und erklärten sich gegenseitig schwierige Zusammenhänge.

Auch Nils Etzel und Johann Hauptmann grübelten gemeinsam über Aufgaben zum schriftlichen Multiplizieren. „Ich rechne in Mathematik gerne mit einem Freund zusammen. Das macht mehr Spaß“, erklärt der achtjährige Nils. Der neunjährige Johann findet es gut, dass er sich seine Zeit und seine Aufgaben im Unterricht relativ frei, ganz nach seinen eigenen Ansprüchen einteilen kann.

Diese Form des individualisierten Lernens hat sich Lehrerin Kerstin Vollmer auf die Fahnen geschrieben. Seit neun Jahren unterrichtet sie an der Kirbachschule in Hohenhaslach, einer Grund- und Werkrealschule. Während ihres Studium und in ihrem Referendariat wurde Kerstin Vollmer auf diese spezielle Form der Lernförderung nur wenig vorbereitet. „Ich habe in meinem Anfangsjahr schnell gemerkt, dass die herkömmliche Form des Frontalunterrichts nichts für mich ist. Mein Unterrichtsstil orientiert sich an dem Leitspruch: so individualisiert wie möglich, so geführt wie nötig“, betonte die Pädagogin, die sich gemeinsam mit ihren Kollegen und Schulleiter Rainer Graef in den vergangenen Jahren einen breiten Fundus an Unterrichtsmaterialien für das individualisierte Lernen selbst erstellt hat.

Begeistert davon zeigten sich  am Mittwoch die Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe und die baden-württembergische GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz bei einem Besuch an der Kirbachschule. „Die Grundschulen im Land wurden von den Vertretern der Politik in der Vergangenheit etwas stiefkindlich behandelt. Dass es an der Kirbachschule trotzdem gelungen ist, das individualisierte Lernen in so vorbildlicher Weise zu etablieren, beeindruckt mich sehr“, betonte Doro Moritz. Auch Marlis Tepe hatte solch durchstrukturierten Arbeits- und Denkprozesse so noch nicht erlebt. „Es ist wichtig, dass das individualisierte Lernen an den Grundschulen so gut umgesetzt wird. Darauf muss auch bei der Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte an den Hochschulen verstärkt eingegangen werden. Zudem brauchen die Grundschulen eine entsprechende Ausstattung, damit sich diese nicht jeder Lehrer selbst erarbeiten muss“, erklärte die GEW-Bundesvorsitzende.

Marlis Tepe forderte dafür  politische Unterstützung ein. So dürften die Grundschullehrer nicht länger zu den am schlechtesten bezahlten Lehrkräften des Landes gehören. Zudem müsse dem Lehrermangel entgegengewirkt werden. „Die Vertreter der Politik investieren in die höheren Klassen deutlich mehr als in die unteren. Dabei wird in der Grundschule die Basis für den Lernerfolg gelegt. Doch die Grundschullehrer erhalten nur ihre Pflichtstunden und nichts darüber hinaus für die individuelle Förderung der Schüler“, prangerte Doro Moritz an. Dies sei besonders an Schulen nötig, an denen viele Kinder Migrationshintergrund haben und einer  Sprachförderung bedürfen. Nach den Zahlen der GEW stammen rund 44, 3 Prozent der Schüler in den vierten Klassen in Baden-Württemberg aus Zuwandererfamilien.

Schulversuch falsch kommentiert

Marlis Tepe und Doro Moritz bedauerten, dass der Versuch „Schule ohne Noten“ in Baden-Württemberg mit dem aktuellen Schuljahr ausläuft. „Vielleicht ist dieser Schulversuch falsch kommentiert worden, denn statt ‚Schule ohne Noten‘ wäre ‚Schule mit einem hohen Grad an Rückmeldung‘ besser gewesen“, unterstrich Marlis Tepe. mig

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