Russenfriedhof Die Toten haben jetzt Namen

Die neuen Infotafeln, die über die Verstorbenen informieren, stehen am Eingangdes neu gestalteten sogenannten Russenfriedhofs in Sachsenheim.
Die neuen Infotafeln, die über die Verstorbenen informieren, stehen am Eingangdes neu gestalteten sogenannten Russenfriedhofs in Sachsenheim. © Foto: Helmut Pangerl
Sachsenheim / Von Michaela Glemser 14.11.2018

Es waren Frauen, Männer und Kinder. Manche von ihnen waren kaum einen Tag alt. Sie starben an Tuberkulose, an Lungenentzündung oder Herzmuskelschwäche. 667 Menschen vorwiegend aus Osteuropa kamen in den Jahren 1943 bis 1945 im Krankenlager für Zwangsarbeiter auf dem einstigen Militärflugplatzgelände bei Großsachsenheim ums Leben. Die Toten wurden nur rund 100 Meter vom Lager entfernt auf einem Areal an der Landstraße nach Unterriexingen in 234 Einzelgräbern, 187 Doppelgräbern, 17 Dreifachgräbern und zwei Vierfachgräbern bestattet.

„Zwischen den Jahren 1951 und 1954 wurde der Friedhof umgestaltet, und die Gräber eingeebnet. Die Namen auf den Holzkreuzen waren inzwischen unleserlich. Daher gab es für die Toten Steinplatten mit ihren Sterbenummern. Der ursprüngliche Belegungsplan wurde bei der Umgestaltung eingehalten“, schildert Hermann Albrecht vom Verein für Heimatgeschichte in Sachsenheim. Ihm und seinen Vereinsmitgliedern war es immer ein großes Anliegen, die Toten des Zwangsarbeiter-Friedhofs, der im Volksmund „Russenfriedhof“ genannt wird, aus der Anonymität herauszuholen. Die Begrabenen sollten nicht mehr länger nur „Nummern“ sein, sondern ihre Namen, ihre Herkunft und ihre Lebensdaten sollten an den Gräbern verzeichnet werden, um ihnen und vor allem ihren Angehörigen eine würdige Gedenkstätte zu schaffen.

„Unser Vereinsmitglied Elisabeth Wanjura hat sich intensiv mit der Geschichte des Friedhofs beschäftigt und 2017 ein Buch dazu veröffentlicht. Darin fehlt allerdings die Namensliste der Toten. Die Sterbefallanzeigen des Krankenlagers wurde erst im Laufe des Jahres 2017 wieder entdeckt“, macht Hermann Albrecht deutlich.

Die Mitglieder eines Arbeitskreises des Vereins für Heimatgeschichte um Karl Heidinger und Herbert Ade-Thurow recherchierten schließlich mit Hilfe der wieder aufgetauchten Sterbefallanzeigen, des Sterbefallbuches beim Standesamt Großsachsenheim und der Gräberliste für öffentlich gepflegte Gräber im Staatsarchiv Ludwigsburg alle 667 Namen. Da mehr als die Hälfte der Toten aus der Ukraine stammten, hat Roman Kolodiy vom Verein „Ukrainer in Stuttgart“ die Mitglieder des Geschichtsvereins bei der korrekten Schreibweise der Namen unterstützt. In gleicher Weise hat auch Tadeusz Rogala von der Interessengemeinschaft „Polen in Stuttgart“ geholfen, denn einige der Toten waren Polen. Zudem kamen die verstorbenen Lagerinsassen auch Russland und Weißrussland, aus Kasachstan und aus Kroatien.

Alle Namen

Alle ihre Namen, ihre Lebensdaten und ihre Geburtsorte sind jetzt in alphabetischer Reihenfolge auf großen Edelstahltafeln, die auf einem langen Pult liegen, unmittelbar am Eingang des Friedhofs direkt neben der Gedenkstätte verzeichnet. Bei der Gestaltung der Tafeln haben sich die Mitglieder des Vereins für Heimatgeschichte an einem ähnlichen Projekt der Gedenkstätte Gardelegen in Sachsen-Anhalt orientiert.

Den zwölf Tafeln mit den Namen ist eine weitere vorangestellt, welche die notwendigen Erläuterungen bietet. Im Rahmen ihrer Schriftenreihe „die mörin“ haben die Vereinsmitglieder ein Sonderheft herausgegeben, das in diesen Tagen erscheint und das sich ganz der umfangreichen Recherchearbeit und Entstehung der Namenstafeln widmet.

„Auch die Vertreter der Stadtverwaltung in Sachsenheim haben uns finanziell unterstützt, und die Mitarbeiter des Baubetriebshofs haben zusätzlich die Fundamente für das lange Pult hergestellt. Wir sind sehr glücklich, dass es mit vielerlei Hilfe nun möglich wurde, dass Angehörige das Grab ihres Verstorbenen besuchen können, das sie mit Hilfe des Lageplans ganz leicht finden“, erklärt Hermann Albrecht. Die offizielle Einweihung der neuen Tafeln soll im Jahr 2019 stattfinden.

Sonderausgabe „mörin“

In der Sonderausgabe der „mörin“ nimmt Karl Heidinger auch noch einmal auf das einzige individuelle Grab auf dem „Russenfriedhof“ Bezug, das ein Steinkreuz mit einer Inschrift ziert, auf dem in polnischer Sprache steht, dass dort Josef Buza begraben wurde. Sein Sohn Anton, der mit seinem Vater als Zwangsarbeiter in Esslingen tätig war, hat Josef Buza wohl nach Kriegsende diese würdige Grabstelle errichten lassen. Josef Buza starb am 24. November 1944 an Herzmuskelschwäche.

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