Sachsenheim Die letzte Mission eines Entwicklungshelfers

Wenn Dr / Von Mathias Schmid 07.11.2018

Wenn Dr. Walter Frölich in diesen Tagen heim nach Hohenhaslach kommt, sieht es in der Wohnung nach Arbeit aus. Kein Wunder, schließlich lebt der Agrarbiologe derzeit in Banja Luka, im Norden von Bosnien und Herzegowina. Dort ist der mittlerweile 70-Jährige in seiner letzten Mission als Entwicklungshelfer tätig. Seit 1980 hat Frölich als Entwicklungshelfer fast die ganze Welt bereist: Zunächst verschlug es ihn als Gastdozent an eine Universität in Chile. „Das war mein Einstieg in die Entwicklungshilfe. Danach ging es einmal um die Welt“, erinnert sich der Wissenschaftler an seine Stationen: Ghana, China, Bolivien, Niger, Äthiopien, Ägypten, Sibirien, Nordkorea; Rumänien, Bulgarien, Serbien und Tschechien; dazu Lehrgänge und Exkursionen für ausländische Fachkräfte – Wissensvermittlungen, die 2015 zum vorläufigen Abschluss kamen.Doch damit war die Mission des leidenschaftlichen Entwicklungshelfers noch nicht beendet. „Ich hatte das Gefühl, noch ein letztes Projekt durchleben zu müssen – in einem Land, das auch auf dem Landweg zu erreichen ist.“ 2017 stieß er dann auf eine Anzeige der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV), in der ein Agrarwissenschaftler und Sojabohnenzüchter für das Landwirtschaftliche Institut (PI) in Banja Luka gesucht wurde.

Das Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) war zunächst skeptisch, entschied aber, dem erfahrenen Wissenschaftler eine Chance zu geben, was sich als Glücksfall herausstellen sollte. „Von den zuvor angesprochenen jungen Leuten hatte sich keiner bereit erklärt, diese Aufgabe zu übernehmen. Das war auch gut so, denn meine Aufgabe dort besteht nicht darin – wie von der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) angenommen – ausschließlich Sojabohnen zu züchten“, betont Frölich, „vielmehr muss ich das dortige Institut mit der westlichen Agrarwirtschaft verbinden.“

Der Direktor des PI war sofort begeistert vom Sachsenheimer. „Er und der künftige Abteilungsleiter strahlten über beide Backen, da sie jemanden gefunden hatten, der breit aufgestellt ist“, berichtet Frölich vom Gespräch vom 1. Juni 2017. Angestellt ist Frölich vom Institut, als Integrierte Fachkraft wird er von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit unterstützt.

Mitte Juli 2017 ging es dann nach Banja Luka, wo Frölich zunächst einige Empfehlungen zu Anpassungen in der Sojazüchtung abgab – zum Beispiel. mussten weiß- von violett-blühenden Formen getrennt werden, eine Voraussetzung für spätere Sortenzulassungen. Im Wesentlichen ist er aber damit beschäftigt, eine Eiweißpflanzen-Strategie zu erstellen. „Dort gibt es überall Bauern, die ein, zwei Kühe haben. Die geben wenig Milch“, erklärt Frölich. Das liege vor allem auch daran, dass sie zu wenig (gehaltvolles) Futter bekämen. „Die Viehhaltung ist der wichtigste Zweig im Gebirge, das 80 bis 85 Prozent des Landes ausmacht. Die Sojaflächen der Region umfassen knapp 10 000 Hektar, etwa so viel wie aktuell Baden-Württemberg, und mit anderen Hülsenfrüchten sind die Leute noch nicht so vertraut.“ Frölich will deshalb vor dem Winter Futterleguminosen, zum Beispiel Klee, Wicken und Futtererbsen, aussäen lassen. „Diese sind nicht nur sehr eiweißhaltig, sie dienen zugleich der Bodenverbesserung und als Erosionsschutz.“

Ganz nebenbei hat Frölich mit seinen Kontakten nach Deutschland noch etwas ganz anderes eingefädelt. Rund 50 Kilometer nördlich von Banja Luka, um die Stadt Srbac, finden sich auf einer Fläche von 20 auf 30 Kilometer rund 160 Geflügelproduzenten. „Kot und Schlachtabfälle werden bisher nicht sehr umweltfreundlich entsorgt“, berichtet er.

Jetzt will aber eine Kölner Firma mit dem größten Geflügelproduzenten der Region eine eine Million Euro teure Biogas-Anlage bauen. Die Anlage benötigt als Substrat aber auch einen wesentlichen Anteil organischer Pflanzenmasse. Dass davon das Richtige wächst, trotzdem noch genug Nahrung für Mensch und Tier bleibt,  vor allem auch die Böden gesund bleiben, das ist die Aufgabe Frölichs.

Wertvolle Erkenntnisse

Doch auch für die deutsche Landwirtschaft sammelt Frölich spannende Erkenntnisse. Vor Ort habe er „sehr viele pflanzengenetische Ressourcen gefunden, die auch unserer Agrarforschung noch zu Gute kommen werden.“ Zum Beispiel Kleearten, die sich im vergangenen Sommer als „trockentolerant“ erwiesen haben. „Das ist zum Beispiel auch für Bienen und andere Insekten interessant“, frohlockt der Sachsenheimer.

Definitiv bis Ende 2019 wird Frölich noch in Banja Luka sein. „Was danach ist, wissen meine Frau und ich noch nicht – nachdem wir das Rentnerdasein als sehr ungustiös empfunden haben.“ Sicher ist aber schon jetzt: Auch auf seiner „ letzten Mission“ wird der wissenschaftliche Weltenbummler seine Spuren hinterlassen.

Zur Person: Dr. Walter Frölich

Der in Großsachsenheim aufgewachsene Dr. Walter Frölich war nicht nur im Namen der Entwicklungshilfe auf der ganzen Welt unterwegs, sondern dürfte vielen Landkreisbewohnern und -besuchern auch schon mal verkleidet begegnet sein: als Doppelgänger von König Wilhelm I. von Württemberg, mit dem er verblüffende Ähnlichkeit hat. „Bis letztes Jahr bin ich noch in Ludwigsburg im Festumzug zum Pferdemarkt mitgefahren, in königlicher Kutsche mit Ihrer Majestät Katharina“, erinnert er sich.

Der heutige Hohenhaslacher studierte von 1967 bis 1971 an der Universität Hohenheim Agrarbiologie, promovierte 1975 in Pflanzenzüchtung. Bis 1980 war er dann wissenschaftlicher Assistent, ehe er den großen Sprung über die Anden nach Südchile wagte.

In Ghana lernte Frölich 1990 seine erste Frau kennen, die jedoch 1997 bei einem Autounfall verstarb. „Da war ich plötzlich allein erziehender Vater dreier Kinder, für die ich eine zuverlässige Betreuung finden musste, wenn ich im Einsatz war“, erinnert er sich. 2003 heiratete Frölich erneut – und zwar Elisabeth Wanjura,  die den Lesern als Autorin des 2017 veröffentlichten Buches „Das Krankenlager und sein Friedhof in Großsachsenheim“ geläufig sein dürfte. msc

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